Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.04.06, 07-08 Uhr, Gernot Hoersch

Zwischen den Kulturen

In dem Jugendtreff, wo ich mal Zivildienst gemacht habe, hatten wir einen türkischen Jungen, der hieß Ylmaz. Und an einem Tag fühlte Ylmaz sich ganz schwer in seiner Ehre

verletzt. Von zwei deutschen Mädchen, die ihn irgendwie zurückgewiesen hatten. Ylmaz ist ausgerastet und hat die beiden attackiert. Da mussten wir ihn des Raumes verweisen. Und dann stand Ylmaz draußen und fluchte wie ein Rohrspatz und sagte: Er holt seinen Vater und das gibt noch richtig Ärger.

In einem Jugendtreff kommt das schon mal vor. Und wir dachten, das geht  schon in Ordnung. Der geht jetzt nach hause und beruhigt sich wieder.

Und abends ging die Tür auf . Und wer stolzierte da herein? Ylmaz. Im Schlepptau sein  Vater. Sein Vater war ein großer, kräftiger Mann. Und wir dachten: Oha, was passiert denn jetzt?

Die beiden gingen schnurstracks ins Büro vom Sozialarbeiter. Nach ungefähr einer halben Stunde kommen die drei aus dem Büro. Diesmal geht der Vater vor. Irgendwann bleibt er stehen in der Mitte des Raumes, so dass wir alle das  sehen konnte, drehte sich zu seinem Sohn um.  Guckt ihm in die Augen und sagt: „Wir sind alle verschiedene Menschen. Aber wir müssen uns alle mit Respekt behandeln  und das, was du heute gemacht hast, ist nicht in Ordnung. Und dafür entschuldigst du dich jetzt.“  Das hat er auf deutsch gesagt, so dass wir das alles verstehen konnten. Und sein Sohn Ylmaz reicht dem Sozialarbeiter vor allen Leuten im Raum die Hand.
Und dann war es für ihn in Ordnung.

Ich war ziemlich beeindruckt, wie der Vater diesen Konflikt gelöst hat.
Denn er hat seinem Sohn die Grenzen aufgezeigt und dennoch konnte der Sohn erhobenen Hauptes aus dem Jugendtreff gehen.

Daraufhin reichte Ismael dem Jugendleiter die Hand entschuldigte sich aufrecht und die beiden gingen erhobenen Hauptes hinaus.
Das Wort Ehre hört sich für uns Deutsche manchmal sehr dorftümlich an. Ich glaube es bedeutet einfach nur gegenseitigen Respekt vor einander, und den Wunsch von seinem Gegenüber akzeptiert zu werden. Ismaels Vater hat mir an diesem Tag gezeigt, wie man einen Konflikt lösen kann, ohne dass sich eine der beiden Seiten minderwertig behandelt vorkommt. Das hat mich sehr beeindruckt.

Sprecher: Gernot Hoersch

Audiobeitrag Zwischen den Kulturen


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