Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.03.06, 8.05 Uhr, Pfr. Wolfram Krebs

Freundesdienste

Autor: Viele biblische Geschichten und Bilder kommen uns auch dann sehr vertraut vor, wenn wir nicht gerade regelmäßige Bibelleser sind. Dem Bild von Guten Hirten etwa kann

man sich kaum entziehen und die Gleichnisgeschichten Jesu haben im Laufe der Jahrhunderte kaum etwas von ihrer Frische und Lebensnähe eingebüßt. Auch die Menschen, die uns in der Bibel begegnen können uns sehr bekannt vorkommen.  Sie werden von exakt denselben Anliegen und Nöten getrieben und belastet, wie wir heute auch: Die Suche nach Liebe und Anerkennung, der Drang zur Macht und das Leiden unter Ausgrenzung und Krankheit. Natürlich auch die Sorge um die Existenz und nicht zuletzt die Auseinandersetzungen mit dem eigenen Nachwuchs. Es scheint so, als ob sich der Mensch trotz unterschiedener äußerer Gegebenheiten im Kern nicht wesentlich verändert habe. Sicherlich: Moden und Technik wechseln, auch manche Themen, die von allgemeinem Interesse sind, aber diese eher äußeren Dinge stellen sich nur selten einem Verständnis alter biblischer Geschichten in den Weg. Manchmal allerdings schon.

morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Wolfram Krebs und als Pastor einer evangelisch – freikirchlichen Gemeinde in Köln hätte ich das eigentlich besser wissen müssen. Aber folgende Geschichte war bei mir immer mit halsbrecherischen Klettereien über Fallrohr und Dachrinne und waghalsige Abseilmanöver verbunden. Markus beschreibt das im 2. Kapitel seines Evangeliums so:

Sprecherin:
Nach ein paar Tagen kam Jesus nach Kapernaum zurück und bald wusste jeder, dass er wieder zu Hause war. Die Menschen strömten so zahlreich zusammen, dass bald kein Platz mehr war, nicht einmal draußen vor der Tür. Jesus verkündigte ihnen seine Botschaft.

Da brachten vier Männer einen Gelähmten herbei, kamen aber wegen der Menschenmenge nicht bis zu Jesus durch. Darum deckten sie das Dach ab, genau über der Stelle, wo Jesus war. Dann ließen sie den Gelähmten auf seinem Bett durch das Loch hinunter. Als Jesus ihr Vertrauen sah, sagte er zu dem Gelähmten: „Deine Sünden sind vergeben!“
Das hörten einige Gesetzeslehrer, die auch dort waren, und sie dachten: „Wie kann er es wagen, so zu reden? Das ist doch eine Gotteslästerung! Niemand außer Gott kann uns unsere Sünden vergeben. Jesus wusste sofort, was sie dachten, und fragte sie: „Was macht ihr euch da für Gedanken? Was ist leichter – diesem Gelähmten zu sagen: „Deine Sünden sind dir vergeben“, oder „Steh auf, nimm dein Bett und geh?“ Aber ihr sollt sehen, dass der Menschensohn auf der Erde das Recht hat, Sünden zu vergeben.“ Und er sagte zu dem Gelähmten: „Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!“ Der Mann stand sogleich auf, nahm sein Bett und ging weg. Alle die es sahen, waren ganz außer sich, lobten Gott und sagten: „So etwas haben wir noch nie erlebt!“

Autor:
Natürlich relativiert sich das spektakuläre Äußere dieser Geschichte, wenn man sich die Häuser ansieht, wie sie damals in Israel üblich waren. Jesus hat ja nicht in einer hochragenden Kirche gepredigt, sondern in einem normalen Haus. Da war das flache Dach selten höher als vielleicht 2 Meter 50 und fast immer durch eine kleine Außentreppe zu betreten: Ein beliebter Ort, die erfrischende Abendkühle zu genießen. Und oft gab es da eine kleine Stube für Gäste des Hauses. Die Dächer selbst bestanden aus Querbalken, die Zwischenräume wurden mit Ästen und Erdreich abgedichtet. Das konnte man schon ohne schwere Werkzeuge öffnen. Ob die Freunde des gelähmten Mannes damit den Beifall des Hausbesitzers oder der Leute erregt haben, die direkt darunter gesessen haben, bezweifle ich allerdings sehr. Das Bett selbst war auch keine Eisen- oder Holzkonstruktion. Arme Leute besaßen selten mehr als eine Art Mantel, der nachts als Schlafsack dienen musste. Den reichen die vier Männer hier an seinen vier Zipfeln nach unten durch. Ihr armer, gelähmter Freud liegt darauf und kommt auf diese ungewöhnliche Weise in die Nähe Jesu. Was dann geschieht erstaunt die Zuhörer offenbar noch mehr, als der ungewöhnliche Zugangsweg dieses Gelähmten. Jesus vergibt diesem Mann seine Sünden. Und er tut das, weil er den Glauben seiner Freude sieht. Ob die dafür die ganze beschwerliche Aktion veranstaltet haben? Wieso ist hier ausgerechnet von Sünde die Rede? Und die kritischen Zuhörer Jesu fragen sich darüber hinaus, wie es Jesus überhaupt wagen kann, Sünden zu vergeben. Das kann doch alleine Gott selbst.

Autor:
„Ich hab gestern schwer gesündigt“. Wer so redet, spielt in der Mehrzahl der Fälle auf überreichliche Essensgenüsse an. Über andere Dinge, die unter diese Rubrik fallen könnten, schweigen die meisten ja lieber. Wenn die Bibel von Sünde redet, meint sie für gewöhnlich nicht irgendeine Tat, sondern eher einen Zustand. Getrennt sein von Gott, das Ziel des Lebens verfehlen, in unheilen Zusammenhängen bleiben. Wenn Jesus hier diesem Kranken seine Sünden vergibt, dann stellt er damit seine Verbindung zum Leben wieder her. Das gibt es nur in der Verbindung mit dem Gott des Lebens. Jesus ist damit in den Ohren seiner Zuhörer auch ganz nahe an der Ursache der Behinderung des Gelähmten. Da lautet die populäre Anamnese schlicht: Da muss irgendwo eine Verfehlung gegen Gott vorliegen, sonst wäre der Mann nicht krank. Denn Gott ist doch gerecht: Er belohnt die Guten und bestraft die Übeltäter.

Wenn es dem hier also schlecht geht, dann muss dafür ein Grund in seinem Leben sein, der die Strafe Gottes hervorgerufen hat. Wo Rauch ist, nicht wahr, da ist auch Feuer. An dieser gnadenlosen Kurzschlusslogik ist selbst ein Hiob fast verzweifelt. Zu platt? Viel zu einfach? Allerdings, aber genau diese Gedanken stecken bis heute hinter der populären Frage: „Wie kann Gott das zulassen?“ Wie kann Gott das zulassen, dass offenkundig unschuldige Menschen unter Katastrophen und Krankheiten leiden? Womit hab ausgerechnet ich mein Leiden verdient? Ein gerechter Gott müsste doch für Gerechtigkeit sorgen. Natürlich gibt es leicht erkennbare Zusammenhänge zwischen dem eigenen Tun und dem daraus folgenden Ergehen: Wer nur Geld ausgibt und keines verdient, der darf sich über erdrückende Schuldenberge nicht wundern. Manche Krankheiten haben direkte Ursachen in massivem Fehlverhalten. Und wer im Kugelhagel von Kriegsgebieten herumspaziert, muss mit Verletzungen  und schlimmerem rechnen. Das kann doch niemanden überraschen: Der Egoist wird zwangsläufig einsam und der, der Übles denkt und Übles redet, wird von diesem Üblen geprägt.

Das sind ja alles keine Geheimnisse, sondern Selbstverständlichkeiten, das Leben schreibt seine Rechnungen, auch wenn das Begleichen unwillkommen ist. Aber eine Vorstellung von Gott als dem Garanten für eine ausgleichende Gerechtigkeit greift zu kurz. Neu ist das Problem nicht gerade. Schon die Psalmbeter kennen die Klage: „Warum geht es dem Gottlosen so gut, während ich leide und darbe?“ Tatsächlich, der Bösewicht lebt herrlich und in Freuden, sein egoistisches Lebenskonzept scheint aufzugehen, und der Gerechte muss leiden. Warum lässt Gott das zu? Da ist eine höhere und ausgleichende Gerechtigkeit post mortem nie mehr als ein schwacher Trost gewesen. Das wird eine Herausforderung bleiben, denn dieses Verständnis von Gerechtigkeit wird auch zur anderen Seite hin durchbrochen.

Die Gerechtigkeit Gottes ist durch seine Barmherzigkeit und Vergebung überwunden. Und etwas davon erlebt unser Kranker. Die Frage nach der Schuld und Ursache seiner Krankheit wird von Jesus nicht gestellt, sie wird umfassend beantwortet: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Und, zum Beweis dafür, dass das mehr sind als lieb gemeinte Worte: „Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause.“ Unser Kranker erlebt hier etwas Typisches: Menschen, die Gott begegnen, machen nicht eine isolierte religiöse Erfahrung, sie begegnen dem umfassenden Heil. Die gestörten oder gar zerstörten Grundbeziehungen ihres Lebens werden geheilt:

Die Beziehung zu Gott selbst, die Beziehung zu seiner Umgebung, die für den ehemals Behinderten nun eine ganz andere ist, die Beziehung zur eigenen Geschichte, die nun nicht von eventueller Verfehlung, sondern von Vergebung geprägt ist und, nicht zuletzt seine Körperlichkeit: Alles das wird heil. Dieser Mann ist nicht einem fähigen Arzt oder Therapeuten begegnet, er hat umfassendes Heil gefunden. Bemerkenswert finde ich die Reaktion der kritischen Zuhörer. Statt sich zu freuen, dass es einem der ihren wieder gut geht, tragen sie grundlegende Bedenken: Wie kann es dieser Jesus wagen, Sünden zu vergeben? Was für eine Anmaßung, das steht doch alleine Gott selbst zu!  Recht haben sie, aber sie haben eben noch nicht erkannt, dass ihnen mit Jesus Christus Gott selbst begegnet ist. Das kann man niemandem verdenken: Der ewige und allmächtige Gott, schon dessen Namen zu nennen man sich scheute, der soll nun in Menschengestalt  bei uns sein? Und dann auch noch ausgerechnet in der Person dieses eher unscheinbaren Zimmermannssohns aus Nazareth? Immerhin, sie loben Gott für das, was sie hier erlebt haben.

Doch niemand dürfte froher über das alles gewesen sein, als der arme Behinderte, der so arm gar nicht gewesen ist.

Haben Sie einen Freund oder eine Freundin? Ich meine nicht Kumpel, gute Bekannte oder Menschen, mit denen Sie Interessen teilen. Ich meine die Freunde, denen sie nichts von sich erklären müssen, weil sie Sie bestens kennen. Ich meine diese seltenen Menschen, die zu ihnen halten, auch wenn Sie im Unrecht sind, die sie ohne einen Grund zu haben einfach so besuchen können. Und die da sind, wenn Sie sie brauchen.

Nach meiner Beobachtung sind solche Freunde sehr selten. „Eschte Fründe stonn zusahme“ singt man bei uns in Köln und wenn sie einen einzigen Freund oder Freundin von diesem Format haben: Herzlichen Glückwunsch! Der Behinderte in unserer Geschichte hat mindestens vier Freunde. Und die tun wirklich alles, um ihrem Freund zu helfen. Da ist ja nicht nur die körperliche Anstrengung, den Freund aufs Dach und durch das Dach zu tragen. Was sollen denn die Leute sagen? So eine Aktion ist doch, vorsichtig gesagt, sehr umstritten. Wie steht man denn jetzt da? Das sind echte Freunde, denn das alles scheint ihnen egal zu sein. Sie wollen für ihren Freund das Beste. Und das bedeutet: Ihr Freund muß ganz nahe zu Jesus, er muß, egal wie, in Kontakt zu Jesus kommen. Und wenn sie ihm dazu aufs Dach steigen müssen. Man kann den kleinen Nebensatz ja leicht überhören: „Als Jesus ihren Glauben sah…“ Was Jesus hier berührt, ist weder der Wunsch des Behinderten, noch dessen eigenes Vertrauen. Es ist das Vertrauen seiner Freunde.

Ob der behinderte Freund überhaupt eine eigene Hoffnung hatte, wird nicht berichtet. Es würde mich aber nicht wundern, wenn er selbst eher zurückhaltend auf die Aktion seiner Freunde reagiert hätte. Selbst mit medizinisch – technischen Hilfen und eingebunden in soziale Unterstützungen heute ist sein Schicksal höchst beschwerlich. Damals war das absolut trostlos, ein Leben, im Wortsinne bettelarm und ausgegrenzt. Da bleibt nicht viel Raum für die Hoffnung.
Das einzig Wertvolle, das dieser Mann besessen hat, das sind tatsächlich seine Freunde gewesen. Und die tragen ihren Freund vor Jesus, ja noch mehr: Sie haben stellvertretend für ihn Hoffnung und Vertrauen zu diesem Jesus. In dieser Rolle haben sich schon viele Christen und Gemeinden wieder gefunden. Wenn wir für einen anderen beten, dann tun wir auch nichts anderes, als diese Freunde hier: Wir bringen ihn in die Gegenwart Gottes. Wir haben Hoffnung und Vertrauen, stellvertretend für ihn selbst.

So gut und wichtig auch sozialdiakonische Hilfsleistungen sind, so wertvoll Geldsammlungen zur Unterstützung Armer oder das politische Engagement von Christen für Entrechtete und Ausgegrenzte sind: Diesen besonderen Freundesdienst für andere können nur Christen tun, die selbst glauben und Vertrauen auf Christus haben. Ich begegne immer öfter Menschen, die mich –den evangelischen Pastor - bitten, für sie zu beten. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um das richtig einordnen zu können. Inzwischen weiß ich, wie wichtig das im Leben werden kann, wenn einer für mich betet, für mich vertraut und mich im Gebet in die Gegenwart Gottes bringt. Dass Jesus Christus für diesen wahrhaft priesterlichen Dienst zu haben ist, das zeigt unsere kleine Geschichte eben auch.

Audiobeitrag Freundesdienste


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