Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.03.06, 8.56 Uhr, Pfarrerin Dr. Barbara Schwahn

Kinder, Kinder

Es gibt immer weniger Kinder in Deutschland. Das hören wir bald jeden Tag in den Nachrichten. Es ist ein heiß diskutiertes Thema, weil es deshalb Schwierigkeiten mit der

Altersversorgung gibt.  Aber auch aus einem anderen Grund ist es schwierig, dass immer weniger Menschen bei uns Kinder haben, ob gewollt oder ungewollt.  So verlernt eine Gesellschaft allmählich, mit Kindern umzugehen. Viele können so gar nicht mehr wissen, wie Kinder sind. Erwarten von ihnen das gleiche wie von Erwachsenen und wenn sie sich anders verhalten, dann empfinden sie das als störend. Das bestätigte mir ein Ehepaar mit vier Jungen. „Wir müssen uns jetzt etwas eigenes suchen. Eine vernünftige Mietwohnung bekommen wir mit vier Kindern nicht. Da legt jeder Vermieter am Telefon gleich auf. Keiner ist mehr bereit, etwas mehr Lärm in Kauf zu nehmen. Und es gibt ja genügend Menschen ohne Kinder, die die Wohnung weit weniger abnutzen,“  berichten sie resigniert.

Vielleicht sind Kinder heute lebhafter als früher. Vielleicht werden sie auch weniger zur Rücksichtnahme angehalten. Sicher sind sie auch selbstbewusster geworden. Manche werden auch verhätschelt und dürfen sich ganz schön viel erlauben, weil sie Einzelkinder sind oder allenfalls zu zweit. Das macht es nicht leichter, mit ihnen umzugehen. Aber ganz sicher sind wir alle auch viel weniger an Kinder gewöhnt.

Wo wir früher gewohnt haben, waren in den 60er Jahren in jedem Reihenhaus mindestens drei Kinder. „Da war immer was los“ sagen die Eltern von damals, die jetzt schon im Rentenalter sind. „Da war man dran gewöhnt, dass es draußen mal wild zuging und laut war.“ Natürlich gab es auch damals Kritik vom Hausmeister, wenn auf dem Rasen vorm Mietshaus Fußball gespielt wurde. Und es gab Beschwerden, wenn die Kinder die Mittagsruhe nicht einhielten. Und trotzdem hatte man mehr Verständnis für die Kinder, weil man mit ihnen oft auf engstem Raum zusammenlebte und in der Regel ja auch selbst welche hatte. Und umgekehrt wussten die Kinder ganz genau, was die Erwachsenen von ihnen erwarteten, worauf sie Anspruch erhoben. Und mit welchen Konsequenzen sie zu rechnen hatten, wenn sie bestimmte Regeln nicht beachteten.

Wenn wir in Zukunft kaum mehr Kinder haben und nicht mehr mit ihnen zusammen leben, sind wir arm dran. Und eben nicht nur finanziell. Sie können von uns, nicht nur von den Eltern, auch von Grosseltern und Nachbarn z.B., viel lernen, aber auch wir von ihnen. Dass Erwachsene von Kindern lernen können, hat Jesus  einmal angesprochen. Als er nämlich am Predigen war und seine Freunde ihn vor den Kindern abschirmen wollten. Sie sollten nicht stören. Jesus hatte schließlich Wichtiges zu sagen und die Erwachsenen sollten zuhören können. Aber Jesus kritisiert sie: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehrt sie nicht ab, denn ihnen gehört das Himmelreich, die neue Welt Gottes. Damit stellt er sie sogar als Vorbilder hin und  sagt den Erwachsenen: Ihr könnt von ihnen lernen. Am allermeisten: zu vertrauen. Euch einfach mal fallen zu lassen, in die Arme eines anderen, in die Arme Gottes.

Genau darauf kommt es an. Aber wie sollen wir das lernen, wenn es kaum noch Kinder gibt, die uns das beibringen könnten? Ohne Kinder ist unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht arm dran.

Audiobeitrag Kinder, Kinder


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