Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.03.06, 7.50 Uhr, Pfarrerin Dr. Barbara Schwahn

Der nahe und der ferne Gott

So ganz verkraftet habe ich sie noch nicht, die Umstellung auf die Sommerzeit.So ohne weiteres eine Stunde früher aufzustehen als sonst. Die Stunde Schlaf fehlt mir den

ganzen Tag über. Aber dann denke ich, es gibt ja Menschen, für die ist es ganz egal, ob sie eine Stunde früher aufstehen oder später, die können einfach statt bis 7.00 bis 8.00 Uhr schlafen oder noch viel länger. Sie müssen nicht zur Arbeit und haben auch sonst nichts vor am Tag.

Leider, würden die sagen. „Wie gerne würde ich einer geregelten Arbeit nachgehen“, erzählt mir die junge Frau, „aber das geht nicht mehr seit ich krank bin. Ich traue mich nicht alleine vor die Tür  und größere Ansammlungen von Menschen ertrage ich nicht“. Sie fragte mich nach einer Möglichkeit, sich bei uns im Gemeindezentrum nützlich zu machen. Aber dann müsste sie ja raus aus ihrer Wohnung und im Gemeindezentrum, da treffen sich immer Menschen. Wie soll das also gehen.

Der Rentner, der sich von heute auf morgen kaum mehr in seiner Wohnung hin und her bewegen kann, weil die Beine nicht mehr mitmachen, erzählt mir von seinen früheren Radtouren, die er so geliebt hat Zusammengesunken hockt er in seinem Sessel, den er allein schon nicht mehr verlassen kann..„Einkaufen gehen, zum Sozialamt, Sozialhilfe beantragen? Das kann ich nicht. Wenn ich die Wohnung verlasse, dann räumt mir mein Ex-Mann die Möbel raus. Ich geh nicht mehr vor die Tür. Die Frau am Telefon ist verzweifelt

Es gibt viele solcher Menschen, die alleine in ihrer Wohnung ausharren, ihr Dasein fristen, und eigentlich gar nicht  mehr wissen, wozu sie überhaupt da sind. Die sich mehr und mehr zurückziehen aus ihrem Umfeld und niemanden mehr an sich heranlassen. Sie wohnen unmittelbar in unserer Nachbarschaft und es sind viele. Wie einsam sie gelebt haben, kommt oft erst raus, wenn sie ebenso einsam gestorben sind. Durch welche Umstände auch immer. Von Gott und der Welt verlassen, das sagt man ja so. Von Menschen waren sie ganz offensichtlich verlassen und wie ist das mit Gott?
Dass man sich von Gott verlassen fühlt, das verstehe ich. Dass jemand von Gott wirklich verlassen ist, das glaube ich allerdings nicht. Wissen Sie, was ich tröstlich finde? Ich sage es mit Worten des Propheten Jeremia: „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? Spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? Spricht der Herr.“

Gott ist bei den Menschen, die sich ihm ganz nahe fühlen, mit ihm sprechen, sich bei ihm aufgehoben fühlen. Aber die haben ihn nicht für sich gepachtet. Gott ist auch bei denen, die keinen Draht zu ihm haben, die mit ihm erst mal nichts anfangen können, ja, die vielleicht sogar meinen, es nicht wert zu sein, dass Gott sich um sie kümmert. Er hält seine Hand über uns alle, ob wir sie ergreifen, oder ob wir auf Distanz gehen. Er weiß, wie es uns geht in unserer Wohnung, allein mit dem Fernseher, nur ab und zu besucht von jemandem, der sich um das nötigste kümmert.

Gott sagt nämlich auch: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“ Jeder, auch wer sich noch so einsam fühlt, ist es Wert, dass Gott zu ihm hält. Jeder darf sagen: „Gott, wenn ich schon mit keinem reden kann, dann vertraue ich mich dennoch dir an. Du bist um mich und lässt mich nicht fallen.“ Das ändert am eigenen Schicksal nichts, aber das richtet einen auf. Und wer weiß, vielleicht schafft man es dann auch mal wieder, sich jemanden einzuladen oder traut sich sogar nach draußen.

 

Audiobeitrag Der nahe und der ferne Gott


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