Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.04.06, 7.50 Uhr, Pfarrerin Dr. Barbara Schwahn

Erleuchtete Augen des Herzens

Sie hatten sich kennengelernt in einem Entenclub; fuhren mit ihren Enten um die halbe Welt. Mit den Enten sind natürlich nicht die Vögel gemeint, sondern ein bestimmter

Autotyp, den es inzwischen leider nicht mehr gibt. Sie, eine studierte junge Frau aus gutem, traditionsreichem Hause, er ein bodenständiger Handwerker. Und sie beschlossen, zu heiraten. Was einen Aufschrei des Entsetzens auslöste in beiden Familien. „Das kann doch nicht gut gehen. Zwei so verschiedene Menschen. Die Liebe zu dieser Ente kann es doch nicht sein, was einen ein Leben lang zusammenhält.“

Die Trauung war dann betont schlicht und auf den Einladungen zur Hochzeit stand der bekannte Vers aus dem Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Kein Wunder. Sie wollten damit allen sagen: Was wir gemeinsam haben, das kann man nicht äußerlich festmachen. Das sind nicht Dinge wie Herkunft und Beruf. Was wir füreinander sind, das sehen wir mit unseren Herzen. Und was uns da drin verbindet, das kettet uns zusammen, wie Pech und Schwefel. Das bringt nichts und niemand auseinander.

„Hier mein Geheimnis; sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.“ Was für zwei Menschen gilt, die sich lieben, das gilt auf etwas andere Weise für alle. Für uns, die wir uns jeden Tag begegnen. Auf den ersten Blick nehmen wir einen Menschen nur vordergründig wahr, was er tut, wie er sich gibt. Und was haben wir da nicht oft zu kritisieren.

Angefangen bei wildfremden Menschen, die wir in der Bahn beobachten, bis hin zu denen, mit denen wir zusammenarbeiten und enger zu tun haben. Wie rücksichtslos die sind, denken wir manchmal, wenn sich jeder so verhalten würde. Wie langsam das heute wieder geht. Wenn ich so arbeiten würde. Umständlicher ging´s ja auch nicht mehr. Und etwas freundlicher könnte man ja schon miteinander umgehen.

Ganz anders würden wir über die Menschen um uns herum reden aus einem Gefühl der Dankbarkeit heraus. Wie ein Briefeschreiber aus dem neuen Testament. Er dankt Gott für die Menschen in seiner Gemeinde und bittet ihn um „erleuchtete Augen des Herzens“ für sie. Dass auch sie, wie er es tut, in jedem Menschen ein Geschöpf Gottes erkennen, das wichtig und wertvoll ist. Das von Gott die Kraft bekommt zu allem, was es tut. Von Gott, der höchstpersönlich  in jedem von uns die Macht der Trägheit, des Stolzes, der Schwäche überwindet. Und der in der Person von Jesus Christus gezeigt hat, wie ein Mensch dann sein kann.

Er tut das, weil wir ja schließlich ihm zu Ehren leben. Und uns deshalb voll entfalten sollen mit unseren Fähigkeiten. Klar, auch aus der Perspektive sehen wir, wo es überall „menschelt“. Aber wir sehen deswegen nicht nur noch schwarz. Wir schreiben Menschen nicht ab aus irgendwelchen äußerlichen Gründen. Wir sehen, was uns als Menschen verbindet. 

Dieter Wellershoff schreibt in seinem Buch „Der Liebeswunsch“: Ich glaube, man hat zweierlei Augen: die äußeren und die inneren. Die einen sehen, was man schon weiß. Und die anderen sehen, was man noch nicht weiß. Meistens sind diese zweiten Augen geschlossen. Und wenn sie sich öffnen, sehen sie undeutliche Bilder, die nicht richtig hineinpassen in die klar umrissene Welt der bekannten Tatsachen, über die wir uns einig sind und an denen wir festzuhalten versuchen, weil an ihnen unser gewohntes Leben hängt. Aber eigentlich sollte man diese zweiten Augen die wissenden nennen. Denn was sie sehen, meist undeutlich und schattenhaft, manchmal wie in einem kurzen, grellen Lichtschein, ist auch schon da, nur noch unvollständig verhüllt von den gewohnten Tatsachen, wie von einer verrutschenden Maske.“ Ich wünsche uns diese erleuchteten Augen des Herzens!

Audiobeitrag Erleuchtete Augen des Herzens


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