| |
Glauben und demütig sein
Als das Vogelgrippevirus im vergangenen Sommer in Südostasien wütete, erhielten die dortigen Behörden viele gute Ratschläge von europäischen Seuchenexperten. Als der Erreger
zu Jahresbeginn plötzlich in der Türkei festgestellt wurde, kritisierten deutsche Politiker das Vorgehen der türkischen Regierung als völlig unzureichend.
Hätten sie doch den Mund nicht so voll genommen, unsere Politiker! Mittlerweise wissen wir: Wir haben selber unsere Probleme mit der Bekämpfung des Virus, mit der Frage Impfung - ja oder nein, mit Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern. Auf der Insel Rügen konnten Spaziergänger tagelang ungehindert die Fundstellen der toten Vögel passieren, bis die Behörden endlich das Gebiet absperrten und den Katastrophenzustand ausriefen.
Als Millionen Menschen weltweit gegen den Irakkrieg demonstrierten, als besonnene Politiker, Kirchenführer, Nahostexperten und viele andere eindringlich warnten: Dieser Krieg ist kein Mittel zur Bekämpfung des Terrorismus, im Gegenteil, jede Bombe auf Bagdad gießt Öl ins Feuer der fanatischen Islamisten und Selbstmordattentäter, als alle warnten, gaben Bush und die anderen Willigen den Befehl zum Kreuzzug gegen den angeblichen Schurkenstaat. Die Quittung mussten seitdem tausende amerikanische Soldaten und eine Unzahl ziviler Opfer im Irak, aber auch Kinder in Madrid und Menschen in der Londoner U-Bahn zahlen.
Je eisiger die Zeiten heute, desto heißer die Brände morgen, sagt der Theologe Friedrich Schorlemer. Und weiter: Wem du selbstherrlich die kalte Schulter zeigst, der könnte sich irgendwann an dir rächen. Schorlemer meint die unverfrorene Arroganz, in der die Industrieländer ihren Reichtum genießen und vermehren, während die Menschen auf der südlichen Erdhalbkugel verhungern. Hoffentlich holen sie sich nicht eines Tages mit Gewalt, was wir ihnen vorenthalten, warnt Friedrich Schorlemer.
Arroganz, Selbstherrlichkeit, Verfolgung eigener Interessen ohne Rücksicht auf Verluste bei anderen, bestimmen weithin unser Handeln.
Die Bibel empfiehlt als Gegenmodell einen uralten Begriff, der aus der Mode gekommen ist: Demut. Demütig sein, sich in Bescheidenheit üben, sich respektvoll beugen vor der Natur, vor dem Leben eines jeden Menschen.
Für die Bibel ist die Demut vor Gott der Schlüssel zu allem anderen. Wie der Prophet Micha sagt: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
Sich vor Gott in Demut beugen, ihn anerkennen und respektieren als den Schöpfer des Lebens, damit wäre viel gewonnen. Wer Gott anerkennt, muss auch seine Gebote anerkennen und seinen Auftrag zur Liebe. Wer Gott respektiert, respektiert auch den Menschen, wer sich vor Gott verneigt, verneigt sich vor dem Leben.
Demut hat nichts tun mit Unterwürfigkeit, sich wegducken oder duldsam alles mit sich machen lassen. Ganz im Gegenteil. Wörtlich verstanden meint Demut den Mut zum Dienen. Gott und dem Leben dienen aufrecht und standhaft. Ein gutes Gegenmodell gegen Arroganz und Selbstherrlichkeit, in der Politik wie im persönlichen Leben.
Glauben und demütig sein
|