Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.03.2006, 10.00 Uhr, Präses Alfred Buß

Predigt über Petrus 1, 13-16; 18-21

Der Rundfunkgottesdienst wurde am 19.03.2006 aus Lippstadt übertragen. Die Predigt hielt Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Als frühe Missionare nach England kamen um dort tätig zu werden, mussten sie zunächst beim König um Erlaubnis nachsuchen. Der König versammelte seine Ratgeber in der Königshalle. Beim offenen Feuer verhandelten die Männer bis tief in die Nacht. Plötzlich kam aus der Dunkelheit ein Vogel in die Halle geflogen, irrte eine Zeitlang im Gebälk umher und flog schließlich auf der anderen Seite wieder hinaus in die Nacht. Da sagte einer der Ratgeber: „War das nicht ein Zeichen des Himmels? So ist es doch auch mit uns Menschen. Wir kommen aus der Dunkelheit in die helle Halle des Lebens, fliegen eine Zeitlang darin herum, verlassen diese Halle wieder und fliegen hinaus in die Nacht. Woher kommen wir? Wozu leben wir? Wohin gehen wir? Wenn diese Männer darauf eine Antwort wissen, wollen wir sie hören.“

Wahrscheinlich haben die Missionare damals erzählt, was auch uns längst erzählt ist: Wir kommen nicht aus der Finsternis und gehen nicht in die Finsternis. Alles ist von Gott geschaffen, das Helle wie das Dunkle. Diese Welt ist Gottes Schöpfung. Gott hält sie in seiner Hand. Auch bin ich kein umherirrender Vogel. Ich bin Gott wichtig. So wie die guten Augen unserer Mutter uns anschauten, sieht Gott uns an. Solch ein Blick ist wie ein warmer Strahl der Gnade. Gnade bedeutet ja Ansehen haben: Schön, dass du bist. Weil du da bist, hast du Würde und Wert.

Aber uns  treffen auch andere Blicke. Wir werden gemustert, abgeschätzt, taxiert. Was kann der? Wie sieht die denn aus? Könnte die mir nützlich sein? Was will der hier? Was haben die bei uns zu suchen? Unter solchen Blicken werden Menschen Mittel zum Zweck; werden gebraucht als Arbeitskraft oder Konsument und eingeschätzt nach Unterhaltungswert oder Nützlichkeit. Unter solchen Blicken wird auch der Glaube schnell klein: Von wegen Würde und Wert und Ansehen haben bei Gott! In welcher Welt lebt ihr denn? Wie schnell wird man fallengelassen. Dann stellt das Leben Fragen, die keiner mehr beantworten kann. Und Gott scheint weit weg zu sein. Der Glaube flattert vielleicht noch wie ein kleiner verirrter Vogel im Gebälk und verschwindet schließlich in der Nacht.

So ging es wohl auch kleinen Christengemeinden in den damals römischen Provinzen Kleinasiens, auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Sie erfuhren sich als fremd in ihrer Umwelt, als kleine angefeindete Minderheit. Ihr Glaube drohte zu verflattern. Da schrieb ihnen jemand einen Brief. Wir nennen ihn den 1. Petrusbrief.

1. Petr. 1, 13-16.18-21
Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts,
 seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade,
die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.
Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet;
 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist,
 sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.
 Denn es steht geschrieben (3. Mose 19,2): «Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.»
 ...denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise,
 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde,
 aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen,
 die ihr durch ihn glaubt an Gott,
 der ihn auferweckt hat von den Toten
 und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Mit vielen schweren Worten lenkt dieser Brief den Blick im Grunde auf einen Punkt: Fallt nicht in die Finsternis zurück! Ihr gehört zu Christus.  Euer Leben ist nicht von Tod und Finsternis umstellt, sondern umschlossen von Gottes Ewigkeit: Seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

Aber welche Rolle spielt die christliche Hoffnung bei uns denn noch? Was wir sicher haben, ist das Jetzt. Wir haben unser Leben wie eine helle Halle im dunklen All. Von unseren Jahren zwischen Geburt und Tod müssen wir wohl alles erwarten. Dieses Leben ist die einzige und - nüchtern betrachtet – die letzte Gelegenheit zu leben. Also kosten wir es aus!, könnte die Devise sein. Nichts ist unmöglich, gaukelt uns ja schon die Werbung vor. Ständig und überall können wir auswählen, nicht nur bei den Kaffeesorten und Fernsehkanälen. Glücksversprechungen überall. Fitness, Makellosigkeit und Schönheit stehen hoch im Kurs. Follow me! Folge mir nach, flüstern diese Versprechungen verheißungsvoll ins Ohr. Aber wo und wem hinterherlaufen?
 
... gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet.
Begierden kommt von Gier. Gier kann sich nicht begrenzen. Gier ist der Drang, immer mehr haben und mehr sein zu wollen. Erfolge wollen fortgeschrieben, vermehrt, gesteigert werden. Selbst eine stolze Vergangenheit kann uns gefangen nehmen. Der Lebensstandard will überboten werden. Ein Kind aus gutem Hause muss erfolgreich sein. Der Urlaub muss frei sein von Beschwernissen. Die Erlebnisschraube will bis zum Event gedreht sein, bis der Kick sich löst. Die Partnerschaft muss gelingen, es sind doch alle Voraussetzungen da. Auch die hellste Vergangenheit vermag Schatten zu werfen.

Und wenn es schief geht? Wenn jemand versagt? Wenn der Selbstbetrug nicht mehr hinter der Maske verborgen werden kann? Wenn wir angefüllt sind mit Waren und Gütern, aber das Herz leer bleibt?  Wenn das Leben kraftlos wird und nichtig und die Seele ganz tief sinkt? Immer weiter auf der Leiter, bis es knallt? (Rio Reiser)

Angelus Silesius schrieb vor 350 Jahren:
Dein Kerker bis du selbst.
Die Welt, die hält dich nicht,
du selber bist die Welt,
die dich in dir mit dir
so stark gefangen hält.

...denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.

Wonach also Ausschau halten? Hier wird behauptet, es gäbe eine Freiheit, die sich nicht mit Geld kaufen ließe.  Aber gerade das steht in schroffem Gegensatz zu jedem Tag an der Börse. Geld und Besitz sind doch Garanten von Freiheit und Glück. Das erfahren alle, die kein Geld haben, täglich am eigenen Leib. Armut und Arbeitslosigkeit machen unfrei, nehmen Kindern sogar die Chance auf Bildung. Darum heißt die Devise: Hauptsache reich.

Doch materielle Güter befreien letztlich nicht. Das Wichtigste im Leben gibt es nicht für Silber und Gold. Kein Mensch kann von sich aus sprechen. Er muss zuvor hören. Kein Mensch kann von sich aus lieben, er muss zuvor geliebt werden. Kein Mensch kann von sich aus vertrauen, er muss zuvor Vertrauen erfahren. Das Bruttosozialprodukt, der Besitz, das Einkommen – sie alle haben einen wichtigen Stellenwert, aber sie erlösen nicht.

Erlösen kann nur das teure Blut Christi.
Warum muss denn bei Gott Blut fließen? Bei Gott muss kein Blut fließen. Blut fließt in unserer Welt. Es fließt Blut, weil die Begierden einen so hohen Stellenwert haben. Weil Silber und Gold die Welt regieren. Weil der nichtige Wandel nach der Väter Weise obenauf sein will in der Tradition der Eitelkeiten, der Rechthaberei und der Gewalt. Wir haben vor Augen, wie der Fluch der bösen Tat fortzeugend Böses gebiert. Dieses Raubtier der Gewalt versteckt sich sehr gern unter dem Mantel frommer Religiosität – mit entsetzlichen Blutspuren an jedem neuen Tag.

In diese von Gewalt und Blut durchtränkte Welt kam Gottes Lamm, kam Christus, der sein Leben nicht auf Silber und Gold baute, sondern auf Liebe. Der fast nichts besaß - ein paar Kleidungsstücke, um die seine Henker würfelten - und ganz aus dem Vertrauen auf Gott lebte. In ihm sehen wir Gott selber an der Seite der Menschen. Der Höchste selbst bei den Elendesten in den Dreckslöchern der Welt. So weit geht Gottes Leidenschaft, so weit geht seine Passion für die Menschen: Er lieߒ sein Bestes kosten. Das teure Blut Christi fließt, damit wir Menschen aufhören können, nach Leben zu gieren. Mit ihm gekreuzigt ist die Begierde, obenauf zu sein, gekreuzigt das nichtige Leben nach der Väter Weise.

In Frejus an der Cote d’Azur gibt es eine romanische Taufkapelle mit zwei eindrücklichen Türen. Die Täuflinge betreten die Kapelle durch eine sehr niedrige, gedrungene Tür, durch die sie nur gebeugt hindurchgehen können. Nach der Taufe verlassen sie die Kapelle durch eine hohe Tür mit aufrechtem Gang. Gott... hat ihn auferweckt von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.
Die Taufe ist es. Sie schenkt uns den aufrechten Gang und einen anderen Blick auf die Welt.

Einen Blick ohne Illusionen: Seid nüchtern. Ein Christ weiß zu unterscheiden: Gott ist Gott und die Welt ist die Welt. Diese lichte Halle, die unser Leben umfasst, ist nicht alles. Wir müssen diese Welt nicht verzaubern und uns im Leben nichts vormachen. Diese Welt ist vorläufig...

Die Welt ist die Welt und Gott ist Gott. Er allein ist heilig, die Welt ist vergänglich. Mit der Welt vergehen wir. Und doch sind wir Heilige, von Gott Geheiligte. Wir müssen keine Heiligen werden – wir sind ihm so wertvoll, dass wir ihm heilig sind. Darum bitten wir ihn mit Luthers Morgensegen, dass dir all’ mein Tun und Leben gefalle...

So können wir vorwärts gehen mit aufrechtem Gang, auch wenn Lasten drücken. Voller Hoffnung auf eine gottvolle Zukunft. Mit wachen Augen für die große Hoffnung mag uns mancher kleine Hoffnungsschritt gelingen.  Denn Hoffnung schenkt uns offene Sinne für die Nähe dessen, der allein heilig ist und der zu uns sagt: Follow me!

Mit Hans Dieter Hüsch gesprochen:

Du machst uns unser Leben, Herr,
Nach deinen Breitengraden
Du lässt uns ganz leicht schweben
Gleich wie am seidnen Faden

Wohl über Sand und Meere
Wir sehen Prunk und Pracht
Wir sehen Lust und Leere
Die Not und auch die Nacht

Dein Blick tut uns Genüge
Du weißt, was Elend ist
Wir trösten und wir fügen uns
O Herre Jesu Christ

Am Ende lebt die Liebe
Ja einzig und allein
Drum komm und sprich und übe
Mit uns das Glücklichsein

Wir brauchen dein Erbarmen
Im finstern Weltgeschehn
Bis wir in deinen Armen
Uns alle wieder sehn

Amen


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