Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.03.06, 8.05 Uhr, Pfr. Hermann Preßler

Paulus - oder Gottes Kraft und unsere Schwachheit. Einübung in die Passionszeit

Autor:Ich will Ihnen heute Morgen einem Mann vorstellen, der sein Leben in einem ungefähren Alter von 22 Jahren, genauer wissen wir es nicht, total umkrempelte. Der einen

Handwerksberuf erlernte und zur Mittelschicht seiner Zeit und Gesellschaft gehörte. Kurzum von einem Mann, der eigentlich keinen Grund hatte, sich so in Frage zu stellen und ein anderer zu werden. – Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, ich bin Hermann Preßler, evangelisch und wohne in Neuss.

Wie kommt man dazu, alles, was einem wichtig war, auf einmal nicht mehr für wert zu erachten und die Brücke zu seiner eigenen Vergangenheit und den Menschen, die darin eine Rolle spielten, einfach abzureißen? Der amerikanische Erzähler Paul Auster be-schreibt in seinem Roman Nacht des Orakels einen Mann, Lektor in einem Verlag, den ein „Zufall“ dazu bringt, seine Stadt, seine Arbeit, seine Ehefrau, ja, letztlich sich selbst zu verlassen. Bei einem abendlichen Spaziergang löst sich aus der Fassade eines Hochhauses ein Wasserspeierkopf, der haarscharf am Kopf des Mannes vorbei auf dem Bürgersteig in tausend Stücke zerbricht. Als er versucht, sich klar darüber zu werden, was ihm da eben widerfahren ist, kommt er zu dem Ergebnis:

Sprecherin:
„Der Stein hatte ihn töten sollen. Er hatte seine Wohnung heute Abend nur verlassen, um in diesen Stein hineinzulaufen, und wenn er mit dem Leben davongekommen ist, kann das nur bedeuten, dass ihm ein neues Leben geschenkt wurde – dass sein altes Leben beendet ist, dass jeder Augenblick seiner Vergangenheit jetzt jemand anderem gehört.“ (S. 36/37)

Autor:
In Paul Austers Roman ist es also der Zufall, der im Leben eines Menschen alles verändert. Die Sicht des Romans: Der Mensch als Spielball eines Schicksals, das den Sinn des Lebens generell in Frage stellt. Es treibt ihn von einem Lebensversuch in den näch-sten, um ihm letztlich die Unwägbarkeit seines Lebens vor Augen zu führen. An jeder Ecke lauert ein mögliches Unheil. In dieser Welt hat Gott keinen Platz. Sie ist ein Haus der Verzweiflung. Ein Roman über das Lebensgefühl von Menschen in unserer Zeit.

(Kurze) Musik 1

Autor:
Der etwa 22-jährige Mann, den ich Ihnen am Anfang vorzustellen versprach, lebte vor fast 2000 Jahren. Auch was ihm widerfuhr, er-lebte er als überwältigend und unwiderstehlich. Auch er verglich sein neues Leben mit einem Sterben und Auferstehen, mit einem Ende des alten Lebens und dem Beginn eines neuen.

Zufall nannte er es nicht, für ihn trug das Widerfahrnis den Namen Jesus Christus. Und dieser Name machte die Wirklichkeit des Le-bens für ihn nicht zu einer Geschichte persönlichen Unheils, wenn man das auch meinen könnte, wenn man sein Leben betrachtet. Er deutete es in seinen Briefen mit Worten, die beim ersten Hören reichlich merkwürdig klingen. Dabei redet er von sich in der Wir-Form:

Sprecherin:
„Als Sterbende, und siehe, wir leben, als Gezüchtigte und doch nicht getötet, als Betrübte, aber allezeit fröhlich, als Arme, die aber doch viele reich machen, als solche, die nichts haben und doch alles besitzen.“

Autor:
Diese Selbstdeutung seines Lebens finden wir in dem zweiten seiner beiden Briefe an die christliche Gemeinde in Korinth. (2. Kor. 6, 9b/10) Aber hier triumphiert nicht die Verzweiflung, sondern zeigt sich Hoffnung. Die Rede ist von Paulus, dem Apostel der ersten christlichen Generation. Beruflich war er auf die Leinen-verarbeitung spezialisiert, man sagt vereinfachend, er sei „Zelt-macher“ gewesen. In der römischen Stadt Tarsus, einem wichtigen antiken Handelszentrum im heutigen Syrien, ist er in einem jüdi-schen Elternhaus groß geworden. Er genoss eine höhere Schulbil-dung und wurde im Geiste der jüdisch-pharisäischen Glaubens-richtung erzogen.

Das bedeutete: Paulus war davon überzeugt, dass Gottes Wille in der Tora, in den fünf Büchern Mose, kurz: im „Gesetz“ zu erken-nen war. Dieses Gesetz war den Juden gegeben, und es gab nichts Wichtigeres, als es kompromisslos zu befolgen. Wer es tat, der lebte ein gerechtes Leben, das Gott belohnte – in diesem und im zukünftigen Leben, in dieser Welt und erst recht in der kommen-den Welt Gottes, die mit einem Gericht über alle Menschen begin-nen würde.

In Tarsus gehörten Juden, die Christusanhänger geworden waren, zum jüdischen Synagogen-Gemeinde. Paulus erlebte mit, dass diese sozusagen christlichen Juden - unter Berufung auf den auferstandenen Christus - das Gesetz ging achteten und es nicht mehr als einzigen Weg zu Gott verstanden. Paulus sah darin eine Gefahr für die Reinheit und Unverwechselbarkeit des jüdischen Glaubens und verfolgte die Christen mit allen Mitteln.

Doch dann kam ihm, nein, nicht der Zufall, sondern Christus selbst in die Quere. Was Paulus erlebte, ging als „Damaskus-Erlebnis“ in die Geschichte ein und wird auf das Jahr 32 nach Christus datiert, zwei Jahre nach Jesu Kreuzigung. Der 22-jährige Paulus beschreibt es sehr kurz als ein „Sehen des Herrn“, als ein Sehen des auferstan-denen Christus bei Damaskus. Daraus folgerte Paulus aber:

Wenn Gott, der Tote auferweckt, Christus auferweckt, dann hat er ihn zum Heil für die Menschen gemacht. Dann können diejenigen, die sich Christen nennen, sich nicht im Glaubensirrtum befinden, sondern er selbst - und mit ihm alle, die diese Christen verfolgen. Und wenn diese Christen nicht mehr das Gesetz als Mittel ansahen, Gott nahe zu sein, dann war es folglich grundverkehrt, selbst dem Gesetz noch eine Bedeutung beizumessen. Wichtig ist für Paulus ab jetzt einzig und allein der Glaube an Jesus Christus, in dem Gottes Liebe war und ist.

Damit brach er vollständig mit seinem bisherigen Leben. Ja, das Damaskus-Erlebnis hat Paulus inhaltlich verstanden als eine grundlegende Erneuerung seiner Person, als Identitätswechsel.
Und so konnte er schreiben:

Sprecherin:
„Ist somit jemand in Christus, so ist er ein neues Geschöpf. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist neu geworden.“

Musik 2

Autor:
Von nun an sah sich Paulus von Christus zum Gesandten, zum Apostel für alle Völker der Welt berufen. Er verkündigte das Evan-gelium von Jesus Christus, in dem Gott die Welt geliebt und ihr ein Friedensangebot gemacht hat. Aber genau mit dieser Botschaft lenkte er viel Hass auf sich. Insgesamt acht Mal wurde er ausge-peitscht, furchtbare Züchtigungen, die einen zerfetzten und mit Narben übersäten Rücken zurückließen. Mehrere Male landete er in Gefängnissen, die in der Antike alles andere als Stätten der Humanität waren, litt unter Hunger, Durst und Schlafentzug. Am Ende wurde er als Gefangener nach Rom gebracht und dort - wahrscheinlich im Jahr 62 nach Christus - unter Kaiser Nero im Alter von gut 50 Jahren mit dem Schwert enthauptet.

Der Apostel Paulus hat das Leiden nicht gesucht, als hätte er sich davon eine Belohnung versprochen. Das Martyrium verschafft dem Menschen keine Sonderstellung vor Gott, das sich aufopfernde Le-ben bringt keinen Verdienst. Allein die Liebe Gottes in Christus lässt den Menschen vor Gott bestehen, daran hielt Paulus immer fest. Darum hat auch das, was der Mensch tut, keinen Wert, wenn es nicht aus Liebe geschieht. Damit ist die Summe des paulini-schen Lebens gezogen. Das Christliche daran darf nicht an dem Leiden an sich gesehen werden.

  Das Leiden ist in der Welt, wie der Tod. Es trifft in vielfältigen Formen mal diesen, mal jenen. In dieser Hinsicht sieht Paulus die Welt nicht viel anders, als sie von manchen zeitgenössischen Schriftstellern in den Erfahrungen ihrer Romanfiguren verdichtet wird. Der Unterschied liegt darin, dass der Christ Paulus nicht ver-zweifeln muss, sondern trotzdem hoffen kann. Die Welt ist nicht das Haus der Verzweiflung. In ihr ist Gott im Geist des auferweck-ten Christus gegenwärtig, der selbst schwach war auf der Erde. Und dieser Geist ist eine Gotteskraft denen, die leiden müssen. Deshalb sagte Paulus:

Sprecherin:
„Wir sind schwach in ihm, Christus, aber wir werden mit ihm leben aufgrund der Kraft Gottes.“ (2. Kor. 13,4)

Autor:
Heute ist der erste Sonntag in der Passionszeit, in der Christinnen und Christen bis Ostern sich des Leidens Jesu Christi erinnern. Wir sollen in Jesus und in Menschen wie Paulus keine Vorbilder sehen, deren leidvolle Existenz wir selbst nachleben müssten. Dennoch werden gerade Christen an den Orten und bei den Menschen sein, die leiden. Aber was sie dahin führt, das ist weder helden-hafte Opferbereitschaft, noch Selbstüberforderung oder Selbstüber-schätzung, sondern die Liebe Christi. Es ist die neue Art, Mensch zu sein, wie sie der Christus-Glaube schenkt. Ein Leben aus der Hoffnung heraus, dass Gott die Welt liebt und Christen nicht abseits stehen können, wenn es gilt, diese Liebe an den Orten der Lieblosigkeit und des Hasses zu bezeugen. Um dann darauf zu hoffen, die eigene Schwachheit in der Kraft Gottes aufgehoben zu erfahren, wie Paulus:

Sprecherin:
„Als Sterbende, und siehe, wir leben, als Gezüchtigte und doch nicht getötet, als Betrübte, aber allezeit fröhlich, als Arme, die aber doch viele reich machen, als solche, die nichts haben und doch alles besitzen.“

Autor:
Es verabschiedet sich von Ihnen Pfarrer Hermann Preßler von der evangelischen Kirche.

Musik 3

Audiobeitrag Paulus - oder Gottes Kraft und unsere Schwachheit. Einübung in die Passionszeit


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