Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.03.06, 6.56 Uhr, Birgit Winterhoff

Einen Teelöffel voll Kritik und einen Suppenlöffel voll Lob

Guten Morgen, liebe Hörerin, guten Morgen, liebe Hörer,„nicht getadelt, ist genug gelobt!“ Kennen Sie diesen Satz auch? Ich habe ihn zum ersten Mal von einem Freund aus

Schwaben gehört. „Wir loben eben kärglich“, fügte er hinzu. Mir scheint das allerdings keine schwäbische Spezialität zu sein, eher gängige Praxis allerorten. Dabei hängen loben und leben so eng zusammen.

„Das hast du gut gemacht“ – ein Satz, der gut tut, besonders dann, wenn man sich wirklich angestrengt hat. Die Mühe war nicht vergebens. Im Gegenteil: Ein Lob spornt an, motiviert, es noch einmal zu versuchen, auch wenn´s beim ersten Mal nicht so gut geklappt hat. Und manchmal wächst man dabei über sich selbst hinaus.

Kleine Kinder sind gute Lehrmeister. „Mama, Papa, schaut mal, was ich schon kann!“ Einen Purzelbaum schlagen oder Dreirad fahren, auf dem Baumstamm balancieren. Kinder fordern das Lob ihrer Eltern meist ungeniert heraus. Und das ist auch richtig so. Denn nur ein Kind, das oft gelobt wurde, kann ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. Das einzelne Lob bezog sich vielleicht darauf, dass es nun schon allein die Schuhe zubinden kann oder dass es der Oma ein schönes Bild gemalt hat. Das Lob zielt aber letztlich immer auf die ganze Person. Du bist in Ordnung. Du bist wertvoll.

Wenn ich jemand loben will, muss ich aufmerksam sein, hinschauen, hinhören. Vieles, was zu loben ist, fällt mir nicht auf den ersten Blick auf. Manchmal nehme ich eher die störenden, negativen Seiten wahr, während das Gute selbstverständlich ist. Ein wenig ist das wie beim Radfahren. Den Gegenwind spüre ich sofort, den Rückenwind nehme ich meist nicht bewusst wahr.

Ich glaube, es hängt von meiner Einstellung ab, ob ich loben kann oder nicht. Ob ich mich in den andern hineinversetzen kann. Ob ich seine Situation ebenso ernst nehme wie meine eigene und ob ich letztlich dem Guten mehr zutraue als dem Widerwärtigen und Bösen.

Solch eine innere Einstellung kann eine Atmosphäre schaffen, in der das Gute und das Wohlwollen füreinander Raum gewinnen.

Ich kann Gott bitten, mir offene Augen für die Menschen zu geben, denen ich heute begegne.
„Nicht getadelt ist genug gelobt!“ Ein bitterer Satz, ein falscher Satz. Wie sähe es wohl unter uns aus, wenn wir nach dem Rezept handelten: „Nimm einen Teelöffel voll Kritik und einen Suppenlöffel voll Lob?“

Audiobeitrag Einen Teelöffel voll Kritik und einen Suppenlöffel voll Lob


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