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Gott ohne Wunschpunkte
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, manchmal wünschte ich, Gott hätte blaue Wunschpunkte für mich – so wie das Sams. Die Figur aus einem Kinderbuch von Paul Maar.
Das Sams: Das kleine kindähnliche Wesen mit Rüsselnase, das übersät ist mit blauen Wunschpunkten. Wenn das Sams zu Herrn Taschenbier kommt, dann ist das klasse für Herrn Taschenbier. Denn für jeden blauen Punkt des Sams geht ein laut ausgesprochener Wunsch geradewegs in Erfüllung. Allerdings wortwörtlich genommen, und das führt manchmal zu chaotischen Zuständen. Zum Beispiel wenn sich Herr Taschenbier wünscht, dass es in seinem Zimmer schneien soll und er sich dann tatsächlich warm anziehen muss.
Trotzdem: Wer von uns hätte es nicht gerne mit blauen Wunschpunkten zu tun – mit vielen, vielen freien Wünschen an Gott?
Aber Gott hat keine solchen Wunschpunkte für uns. Das lernen wir früh und schmerzlich. Nicht jedes Gebet, das wir an Gott richten, findet eine Antwort. Da gibt es Menschen, die Wochen, Monate, Jahre lang inständig um etwas bitten, und es tut sich dennoch gar nichts. Vermutlich ist das etwas, was heute Morgen viele Menschen verbindet – die Erfahrung, dass einige ihrer Gebete nicht erhört wurden. Und das ist offenbar gar nichts Neues – auch schon zu Jesu Zeiten haben die Menschen diese enttäuschende Erfahrung gemacht: Gott erfüllt meine Wünsche oft nicht, erhört nicht jedes noch so inständige Gebet.
Und zum Glück werden manche Wünsche und Bitten von Gott nicht wortwörtlich genommen und erhört. Ich denke zum Beispiel an den Propheten Elia, der betete: „Nimm, meine Seele, ich bin nicht besser als meine Väter“, als er verzweifelt war. Gott kam diesem Wunsch nicht nach. Statt ihn sterben zu lassen, schickte er Elia einen Engel, der ihn stärkte und wieder mit Kraft und Lebensmut versorgte.
Gut, wenn Gott sich auf ganz andere Weise in meinem Leben zeigt, als ich es von ihm erbitte. Oft viel liebevoller und lebensbejahender als ich es mir gewünscht habe. Und dann bin ich doch plötzlich wieder ganz froh, dass Gott eben keine blauen Wunschpunkte hat, die uns jeden Wunsch automatisch und wortwörtlich erfüllen.
Auch ich habe in meinem Leben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass mein konkretes Gebetsanliegen nicht erhört wurde. Die Not aber, die zu diesem Gebet geführt hat, die wurde in wundersamer Weise und in ganz anderer Form gelindert als von mir erbeten. Erst auf den zweiten oder sogar auch dritten Blick und vor allem erst im Rück-Blick habe ich erkannt: Mein Gebet ist erhört worden.
Und dennoch bleibt es schwer zu erleben, dass sich manchmal gar nichts, rein gar nichts tut auf unsere Bitten hin: Ich denke an die Frau, die seit zwei Jahren darum bittet, dass der Familienstreit ein Ende hat und sie endlich wieder Kontakt zu ihrem Enkel haben kann. Und an jene, die sich sehnsüchtig ein Kind wünscht und nicht schwanger wird. An den Mann, der trotz aller Mühen keine neue Arbeit findet, obwohl er Gott mit diesem Wunsch schon lange in den Ohren liegt.
Auch ich bete für sie und leide mit ihnen, dass Gott offenbar nicht eingreift und die Gebete erhört. Ich verstehe das dann auch nicht. Hadere mit Gott. Und dann falle ich doch wieder kurz zurück in den kindlichen Wunsch, dass Gott doch Wunschpunkte haben möge. Ich weiß, dass er sie nicht hat. Und doch werde ich nicht locker lassen. Ich werde Gott weiter in den Ohren liegen und nicht nachlassen im Gebet um Arbeit, Schwangerschaften, Genesung, Frieden in Familien und für die Welt. Und ich bin mir sicher, ich werde nicht ohne Antwort bleiben. Denn mit dem Theologen Dietrich Bonhoeffer glaube ich, dass Gott auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
Einen Tag, an dem für Sie spürbar ist, dass Gott auf unsere Gebete antwortet, wünscht Ihnen Pfarrerin Claudia Kiehn aus Wuppertal.
Gott ohne Wunschpunkte
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