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Das Paradies - Schnee von gestern?
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, so schnell kann´s gehen – einmal von der falschen Frucht genascht und schon wurden Adam und Eva aus dem Paradies geworfen
und wir gleich mit ihnen! Inmitten der Erdenschwere brauchen wir Menschen aber die Aussicht aufs Paradies. Gute Aussichten, die brauche ich täglich. Ob der zermürbende Job, die erdrückende Partnerschaft oder die verhängnisvolle Freundschaft – sie drücken mich. Ohne Ausblick auf Besseres traue ich mich da nicht so einfach raus. Nur mit Aussicht aufs Paradies entkomme ich der Hölle. Auch wenn wir nicht mehr im Paradies leben: Es ist kein Schnee von gestern. Wir haben noch was zu erwarten. Denn: Auch wenn Gott die Menschen einstmals vor die Paradies-Tür gesetzt hat, hat er doch nicht ganz mit ihnen gebrochen. Im Gegenteil, immer noch liegen wir Menschen ihm am Herzen. Er will das Gute für uns. Freiheit von allen unseligen Bindungen. Erfülltes Leben.
Schließlich hat er uns außerhalb des Paradiesgärtleins nicht einfach unserem Schicksal überlassen, sondern sich immer wieder befreiend in unsere Geschichte eingemischt. Die Bibel ist voll von Befreiungsgeschichten. Die bekannteste ist wahrscheinlich jene vom Auszug aus Ägypten: Die Israeliten waren in Ägypten versklavt worden. Sie führten ein elendes Leben in Unfreiheit. Härte, Arbeit und demütigende Peitschenhiebe waren an der Tagesordnung. Doch Gott hat sein Volk Israel auf spektakuläre Weise aus der Gefangenschaft Ägyptens geführt. Mose, von Gott gesandt, führt sie in die Freiheit durch das Rote Meer, in dem die ägyptischen Verfolger ertrinken.
Immer wenn ich an diese Befreiungs-Geschichte aus der Bibel denke, wundere ich mich: Mit wie vielen „Gefangenschaften“ finden wir Menschen uns gewissermaßen freiwillig ab!
Viele Paare leben in Beziehungen, die ihnen nicht gut tun. Manche leben mit Partnerinnen oder Partnern, die sie gängeln, niedermachen, demütigen, manchmal sogar schlagen oder sie einfach nur lieblos behandeln. Manche stecken in schwierigen beruflichen Situationen. Sie schuften und schuften – und trotzdem werden sie am Arbeitsplatz ständig kritisiert. Viele machen diese Verhältnisse langsam aber sicher krank. Krank an Leib und Seele. Einige können das sogar so benennen, aber sie ändern dennoch nichts. Wie kommt es, dass wir manchmal in der Versklavungs-Hölle unserer Beziehungen und Arbeitsverhältnisse bleiben, obwohl wir - anders als die Israeliten in Ägypten - relativ einfach unsere sieben Sachen packen und uns trennen oder kündigen könnten? Ich glaube: Oft ist es die Angst vor dem Risiko. Ich müsste mich ja dann auf Wüstenzeiten und Ungewisses einlassen. Offenbar ist es leichter, mich mit dem schmerzlichen Bekannten abzufinden als das verheißungsvolle, schöne aber eben Unbekannte zu wählen.
Die Angst vor dem Alleinsein, vor finanziellen Einbußen, vor dem Urteil von Freunden und Bekannten halten mich davon ab, mich aus unseligen Abhängigkeiten zu befreien. Bevor ich ein Risiko eingehe, geraten die negativen Aspekte einer Beziehung plötzlich in Vergessenheit. Stattdessen denke ich nur noch an die vermeintlichen Vorteile in der Beziehung: „Haben wir nicht auch schon vieles zusammen durchgestanden?“ oder: „Schließlich verdiene ich ja auch ganz gut...“. Auch den befreiten Israeliten ging es da nicht anders: Denn kaum war es auf ihrer Wüstenreise etwas schwieriger geworden, sehnten sie sich schon wieder zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens, wo aber doch nur die Sklaverei wartete. (Ex 6,3).
Gott hat nichts für Fleischtöpfe Ägyptens übrig. Er will uns in Freiheit sehen. Lebendig und lebensfroh. Darum weiß ich ihn an meiner Seite, wenn ich mich – leider oft viel zu spät – mutig aufmache und mich aus unseligen Bindungen befreie. Dem Paradies entgegen!
Einen Tag mit guten Aussichten auf Ihr ganz persönliches Paradies wünscht Ihnen Claudia Kiehn, Pfarrerin aus Wuppertal!
Das Paradies - Schnee von gestern?
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