Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.08.12; Oberkirchenrätin Doris Damke

Sensucht nach vorn ... das Paradies

Wenn Sie mir heute Morgen zuhören, liebe Hörerinnen und Hörer, dann sind Sie vermutlich nicht dort. Oder Sie waren schon dort und sind nun zurück.

Zurück aus dem Urlaubsparadies.

Denn wenn man den bunten Bildern der Prospekte Glauben schenkt, dann sind die meisten Urlaubsziele ja Traumparadiese. Vielleicht sitzen Sie aber auch in ihrem Garten, auf Ihrem Balkon oder in ihrer gemütlichen Küche. Auch das kann ja für Sie Ihr Paradies sein. Ganz gleich, wo Sie jetzt sind, ich begrüße Sie jedenfalls herzlich aus Bielefeld. Ich bin Doris Damke. Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche von Westfalen und wünsche Ihnen einen paradiesischen Sonntag.

Doch was wäre das wohl? Ich glaube, jeder hätte seine eigene Antwort darauf und jede stellt sich etwas anders darunter vor. Unter seinem, unter ihrem Paradies.

Was all diese Vorstellungen verbindet, ist ein Lebensgefühl. Es spiegelt etwas von dem wider, was eben nicht selbstverständlich ist; von dem wir wissen, dass wir es nicht dauerhaft festhalten können. Wenn wir vom Paradies reden, dann beschreiben wir vor allem persönli-che Glückszustände: Erlebnisse in der Natur. Begegnungen mit anderen Menschen. Situationen, die geprägt sind von Mühelosigkeit, Genuss, Außergewöhnlichem. Paradies, das ist etwas, an dem sich Wünsche erfüllen. Ob in der Urlaubszeit oder bei manchen klei-nen Fluchten aus dem Alltag.

Musik

Wir haben unsere Vorstellungen von dem, was paradiesisch für uns ist, aber was das Pa-radies genau ist, wissen wir nicht. Daher hat es auch seine Tücke, vom Paradies zu reden. Denn wir reden dann von etwas, das wir nicht kennen, und auf das wir trotzdem nicht ver-zichten wollen. Für mich drückt sich aber darin aus, dass wir etwas in uns haben: Sehn-sucht. Sehnsucht nach dem Paradies. Und diese Sehnsucht findet vielfältigen Niederschlag und verknüpft sich mit ganz verschiedenen, unterschiedlichen  Dingen. Darum kommt heute das Paradies auch nur noch selten im Singular vor. Es begegnet uns meistens in der Mehrzahl, zudem noch zusammengesetzt. Da werben Urlaubsparadiese, Kinderparadiese, Blumenparadiese, Freizeitparadiese um unsere Aufmerksamkeit und unseren Besuch.

Paradies – paradiesisch – das hat offensichtlich etwas mit der verloren gegangenen Zeit zu tun, als die Welt noch in Ordnung war. Als Lamm und Löwe friedlich beieinander lagen, Umweltzerstörung und Waldsterben noch Fremdworte waren und die Menschen ohne Mühe und Plage, Krankheit und Tod lebten. Davon möchten wir wieder möglichst viel zurück haben oder wenigstens für ein paar Stunden oder Tage noch einmal etwas davon erleben. In den verschiedensten Paradiesen, in denen wir uns paradiesisch fühlen können.

Auch die nicht so Bibelfesten verknüpfen das Paradies mit der Bibel. Dort kommt es doch vor. Nach den Tagen der Schöpfung. Als Gott alles ansah, was er geschaffen hatte und es für gut befand. Da wurde das erste Menschenpaar in einen wunderbaren Garten gesetzt. Mitten in ihm befindet sich der Lebensbaum, lesen wir. Viel mehr erfahren wir allerdings nicht. Dennoch: Es scheint ein Ort der Reinheit, der Ganzheitlichkeit von Mensch und Natur, auch der Gottesbegegnung zu sein. Eben das Paradies.

Nun kommt in der deutschen Übersetzung der Bibel in dieser Schilderung das Wort Paradies überhaupt nicht vor. Da ist nur vom Garten Eden die Rede. In ihm leben Adam und Eva unbeschwert und ohne Scham. Für sie war es das Paradies. Aber es hatte auch seine klaren Begrenzungen. Nicht alles war ihnen erlaubt. Der Mensch sollte diesen paradiesi-schen Garten bebauen und bewahren. Er sollte aber auch akzeptieren, dass er nicht Gott ist.

So kommt es zum Sündenfall. Sein zu wollen wie Gott, mit der Frucht vom Baum der Erkenntnis über Gut und Böse selbstherrlich entscheiden zu können, das hat das paradie-sische Leben der Menschen beendet. Fortan wird unter Mühe und Plage das tägliche Brot erarbeitet, werden unter Schmerzen Kinder geboren, und Leid, Geschrei und Tod sind in der Welt. Darum findet sich im Alten Testament auch der Begriff Paradies wohl nicht mehr. Wohl aber die Erinnerung daran, was damit verbunden ist. Geblieben ist seitdem die Sehnsucht danach. Irgendwann und irgendwo könnte es doch wieder so sein – so Gott will.

Doch halt. So einfach ist das nicht. Der Rückweg ins Paradies ist und bleibt versperrt. Alle Sehnsucht nach dem Paradies wird verquer und falsch, wenn sie eine Sehnsucht nach hin-ten ist und nur in die Vergangenheit führt, sagt die Bibel. Das ‚Paradies’ ist nach ihr nicht die ‚gute alte Zeit’, in die es zurückzuwandern gilt. Es ist vielmehr zu erreichen mit dem Vertrauen auf Gott und mit dem Weg nach vorn, den er weist.

Und daran schließt das Neue Testament an. Auch in ihm kommt das Wort ‚Paradies’ in der deutschen Bibelübersetzung nur an ganz wenigen Stellen vor.

Die bemerkenswerte und wohl auch die bekannteste ist die bei der Kreuzigung Jesu im Lu-kasevangelium (23,43). Jesus sagt da zu einem Mann, der mit ihm gekreuzigt wird und Jesus bittet, seiner zu gedenken: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“

In diesen wenigen Worten ist das gebündelt, was Jesus Christus uns tut: Er verschenkt den Himmel Gottes – vor der Zeit, in der Zeit. Er eröffnet den Zugang zum Paradies.
Und dann kann auch das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, natürlich nicht zum Paradies schweigen. In ihm wird die Vision entfaltet, wie es wohl ist, wenn Christus wiederkommt und alles zu Recht bringt, was seit dem Sündenfall durcheinander geraten ist. Durch ihn wird das verloren gegangene Paradies überwunden und der göttliche Schöp-fungszustand wiederhergestellt:

Sprecher: „Und Gott wird bei den Menschen wohnen und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“ (Offb. 21, 3b.4)

Dennoch: Aus den biblischen Bezügen zum Paradies ergibt sich keine eindeutige Vorstel-lung darüber, was das ist, wann es ist und wie man hineinkommt. Jesus Christus hat mit seinen Worten und Taten daran erinnern lassen. Seine Verkündigung und sein Handeln hat zeichenhaft ‚paradiesische Zustände’ vorweggenommen und erkennbar werden lassen: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Himmelreich gepredigt.“ (Mt. 11,5).

Die Bibel bietet eher eine Sammlung von Themen und Motiven, die mit dem Paradies ver-knüpft werden können. Auch Lieddichter hat dies immer wieder inspiriert. Wie Paul Gerhardt. Er schrieb 1653 als elfte Strophe seines bekannten Liedes: ‚Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘ folgenden Vers:

Sprecher: O wär ich da! O stünd ich schon,
ach süßer Gott, vor deinem Thron
und trüge meine Palmen:
so wollt ich nach der Engel Weis
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen.  

Musik

Das Paradies ist also etwas, das mit keinem Geld der Welt zu erwerben ist. Paradies – das kann auch da sein, wo einer des anderen Last trägt (Gal.6, 2).

Wo Menschen einander trotz Unterschiede und Unzulänglichkeiten gelten lassen und ertragen, wo das Bemühen um den andren nicht erlischt, weil ihm Gottes Zusage gilt:
Du bist mein geliebtes Kind. Ich gebe dich nicht her.

In Jesus Christus  finde ich für mich den Schlüssel zum Paradies. Wenn er nach dem Evangelisten Lukas in seinen letzten Lebensminuten zu seinem Mitgekreuzigten sagt: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“

Jesus Christus hat die Vollmacht und das Vermögen, das Paradies zuzusprechen. Er schließt es für uns auf. Das bekennen wir nicht nur zu Weihnachten, wenn wir singen:

Sprecher: Heut schleußt er wieder auf die Tür
Zum schönen Paradeis;
Der Cherub steht nicht mehr dafür,
Gott sei Lob, Ehr und Preis.

Jesus Christus sagt zu: Nähe bei Gott. Aufgehobensein bei ihm. Über den Tod hinaus. Das ist Gottes Verheißung. Das 4. Evangelium, das des Johannes, gebraucht dafür das Bild vom ‚Vaterhaus’ (Joh.14,2.3):

Sprecher: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“

Solche Verheißungen helfen,  unser Leben zu leben. Sie lassen uns dessen gewiss werden, was uns tröstet im Leben und im Sterben.
Ich glaube: Auf Gottes Wort zu vertrauen kann uns dem Paradies ein Stück näher bringen. Das habe ich vor allem von Martin Luther gelernt. Er erkannte, dass wir durch den Glauben an Gott und dem Vertrauen auf seine Liebe, die in Jesus Christus so anschaulich geworden ist, auf seine Vergebung setzen können. Keine guten Werke, keine noch so guten Taten vermögen uns den Weg zum Paradies zu bahnen. Wohl aber der Glaube an den lebendigen und barmherzigen Gott. Darum ist für Luther der Vers aus dem Römerbrief zu einem Türöffner zum neuen Leben geworden:

„Der Gerechte wird durch den Glauben leben“ (Röm.1,16f).

Als Martin Luther das begriffen hatte, schrieb er:

Sprecher: „Hier fühle ich mich völlig neu geboren und als wäre ich durch die geöffneten Pforten ins Paradies eingetreten…So ist mir diese Stelle des Paulus wahrhaftig zu einer Pforte des Paradieses geworden.“

Hören auf das ermutigende und freisprechende Wort Gottes. Lesen der Bibel. Das ist für mich immer wieder ein Zugang zum Paradies. Es ist nichts, das wir uns kaufen könnten. Und es stellt ja auch die vielen kleinen Paradiese, die wir für uns dennoch entdecken, nicht in Frage. Die entspannende Stunde auf dem Balkon oder in unserem Garten, das Gespräch mit meinen Freunden, die unerwartete Hilfe einer Nachbarin, die ahnt, wie es mir geht.  Das alles  können auch Zeichen dafür sein, was Gott mit uns und für uns noch vorhat. Wie er unserer Sehnsucht nach vorn in eine Richtung weist.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Ihre Doris Damke von der evangelischen Kirche.


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