Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.08.12; Pfarrer Erhard Ufermann

Ich bin eigentlich ganz anders

Gestern Abend brauchte ich ein paar Umwege, um ins Bett zu kommen. Der Weg führte mich an zwei Gläsern Rotwein vorbei,

an dem Sportteil der Tageszeitung und irgendeinem blöden Spielfilm im Fernsehen, an den ich mich nicht mehr erinnere. Der Alltag hatte sich gestern meine Zeit gestohlen. Alles, was ich erledigen wollte, blieb unerledigt. Das, was ich mir nicht wünschte, holte mich ein. Endlich im Bett kam mir der Satz in den Kopf: „Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komm nur so selten dazu.“

Der Satz stammt von Ödön von Horvath aus seiner Komödie: „Zur schönen Aussicht“. In dem herunter gekommenen Ausflugshotel mit selbigem Namen treffen Mitarbeiter und Gäste aufeinander, die nicht mehr viel vom Leben erwarten. Jede und jeder ist nur darauf bedacht, seine eigenen Interessen zu verfolgen. Die Rollen sind klar, Beziehungen festgefahren. Man macht sich etwas vor. Und den anderen auch. Als Komödie angekündigt, bleibt dem Zuschauer das Lachen bald im Halse stecken. Der ungarisch-österreichische Autor von Horvath schrieb das „Volksstück“ 1926, am Vorabend der damaligen Weltwirtschaftskrise. Unter dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck in Europa verlieren sich alle moralischen Standards. Das Stück „Zur schönen Aussicht“ lässt die Frage offen: Wie komme ich noch zu dem, der ich eigentlich bin?

„Ich komme so selten dazu“, höre ich mich nicht selten sagen. Oder: „Eigentlich würde  ich lieber…“. In diesen alltäglichen Floskeln versteckt sich eine Ahnung davon, wer ich bin, und was mich als Person ausmacht. Es wird aber auch deutlich, dass mein Alltag meistens durch Dinge bestimmt wird, die ich nur bedingt anders gestalten kann. Wer kennt das nicht?

Es gibt aber durchaus Geschichten darüber, dass sich Menschen verändern oder vielleicht auch ein Stück näher zu dem finden, wer sie eigentlich sind. Da steht ein Kollege in der Dienstbesprechung auf, der sich immer angepasst verhielt und sagt zur Überraschung aller: „Das mache ich nicht mehr mit!“ Oder eine Frau springt plötzlich vom Küchentisch auf und ruft: „Das kann doch nicht alles gewesen sein!“ Wie kommt es dazu, dass nicht der Alltag mit seinen Gesetzmäßigkeiten mein Leben bestimmt, sondern dass ich Chef meines Lebens bleibe?

In biblischen Geschichten wird erzählt, dass es manchmal in unmittelbaren Begegnungen mit Jesus nur ein Blick war, ein Wort oder eine Berührung, die bei Menschen zu erstaunlichen Veränderungen führten. Und diese Menschen veränderten wiederum ihre Umgebung.

Es gibt solche Augenblicke bis heute, die wie eine Art Freispruch wirken. Etwas, wonach man sich ein Leben lang sehnt: Sein zu dürfen, wie man ist. Vom Leben mehr erwarten als das, was ist. Sich und anderen nichts mehr vormachen zu müssen. Es gibt solche Geschichten, ausgelöst durch Begegnungen mit besonderen Menschen in besonderen Situationen. Durch solche Begegnungen kann die Ahnung Raum greifen, wer ich bin und sich verselbständigen.
Manche sagen dazu, dass Gott dazwischen war. 

Und wenn sich die Ahnung davon, wer ich bin, verselbständigt, und wenn ich sein darf, wie ich bin, dann bleibt der Alltag auch nicht so, wie er ist.

Ich wünsche ihnen und mir, dass wir es im Alltag besser schaffen, uns dem anzunähern, wer wir sind. Vielleicht durch die Art und Weise, wie wir uns begegnen.
Eine „schöne Aussicht“!

Audiobeitrag Ich bin eigentlich ganz anders


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