Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.07.12; Judith Uhrmeister

Gottebenbildlichkeit beim Friseur

Es kann sein, dass mich ein Friseurbesuch in eine mittlere Katastrophe stürzt. Ich habe nämlich ein exaktes Bild davon, wie meine Haare am Ende aussehen sollen.

Ich suche mir vorher eine Bildvorlage aus. Und wenn die nicht genau so umgesetzt wird, wie ich es mir vorgestellt habe, bin ich wahnsinnig enttäuscht.

Gut: Von einem Friseurbesuch hängt nun wirklich nicht mein Glück ab. Irgendwie fühlt es sich aber trotzdem manchmal so an. Das Bild von der unglaublich gut aussehenden Frau in dem Prospekt wird zum Gesetz. Drunter mach ich es nicht! Auch wenn ich dem Modell auf dem mitgebrachten Bild nicht im Geringsten ähnele, will ich trotzdem genauso aussehen wie sie.

Biblisch gesprochen: Ich mache mir ein Bild von mir selbst! Habe ich mit meiner Einstellung zu Frisuren  also gegen das zweite der zehn Gebote verstoßen?

Sprecher: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ (2. Mose 20,5f.)

Gehen wir an den Anfang der Welt zurück. Gott hat den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen, heißt es in der Schöpfungsgeschichte. Wenn er gewollt hätte, dass ich ohne Bilder lebe, hätte er mich nicht so ausdrücklich sein Ebenbild nennen müssen. Aber gerade das hat er gemacht und gerade das steht am Anfang der Welt. Das Bildwerden, das Gestalt-Gewinnen seiner Schöpfung. „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“, heißt es wörtlich im ersten Buch Mose (1,27).

Ich bin das Bild Gottes, darf und soll mir aber andererseits kein Bild von Gott und der Welt und den anderen Menschen machen. Was bedeutet das für meinen Friseurbesuch? Beim Friseur tue ich doch was für meine Gottebenbildlichkeit, oder? Ich mache das Ebenbild Gottes schöner.

Liebe Hörerin, lieber Hörer, ich kann ja nur von mir selbst sprechen. Ich habe inzwischen eine Friseurin gefunden, die in den meisten Fällen klüger ist als ich und besser verstanden hat, was mit Gottebenbildlichkeit gemeint ist: Immer wenn ich mit einem konkreten Bild auftauche, grinst sie mich schon an und sagt: „Na, wem wollen Sie denn heute ähnlich sehen? Zeigen Sie mal her!“ Dann schaut sie zuerst das Bild an, dann mich, und dann legt sie das Bild weg und sagt: „Das passt überhaupt nicht zu ihnen!“ Sie erklärt mir, warum sie das findet und welche Möglichkeiten es gäbe, die Frisur so zu gestalten, dass sie gut zu mir passt.

Biblisch gesprochen: Sie erkennt meine Gottebenbildlichkeit, sie sieht mich so, wie Gott mich geschaffen hat und will das Beste aus mir rausholen. Während ich mit meiner genauen Frisur-Vorstellung eher gegen das zweite Gebot verstoße und versuche mir ein neues, ein anderes Bild von mir zurechtzuzimmern.

Ich erliege nicht nur beim Friseur immer wieder meinen selbst gemachten, starren Bildern: Bildern davon, wie Freundschaften zu sein haben, was eine ordentliche Studentin tut, wie eine Kirche aussieht, ob Spaghetti Bolognese mit oder ohne Gänseleber zubereitet wird. Wenn ich nicht aufpasse, bestimmen diese starren Bilder dann mein Leben. Es geht mir dann nur noch darum, dass andere, ich selbst und auch Gott meinem Bild genau entsprechen. Jede Abweichung macht mich dann wütend und unzufrieden und ich sehe nicht mehr, dass ich mich verenge und vielleicht total danebenliege.

Ohne Bilder kommen wir alle nicht aus. Auch Friseure nicht. Aber es verstößt gegen das zweite Gebot, diese Bilder auf einen Sockel zu heben und sie anzubeten. Mache dir kein Bildnis von etwas heißt für mich: Lege andere, dich selbst und Gott nicht auf ein Bild fest. Denn das tötet das Leben und gefährdet die Gottebenbildlichkeit! Auch beim Friseur!

Ihre Judith Uhrmeister aus Düsseldorf.

Audiobeitrag  Gottebenbildlichkeit beim Friseur


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