| |
Das Reich Gottes empfangen wie ein Kind
Unsere Hausverwaltung hat neuerdings ein großes Schild im Hausflur angebracht. Darauf steht: „Wir sind ein kinderfreundliches Haus!“
Ich lachte, als ich sah, wie unser Hausmeister das Schild im Hausflur anbrachte. Er sah mich lachen und sagte: „Dat sollte eigentlich selbstverständlich sein, oder?“ Ich nickte und er sagte mir: ,,Dat is aber leider nich so.“
Er erzählte mir von einem anderen Haus, das er verwaltet. Einige Mieter hätten dort im Gemeinschaftsgarten mitten auf die Wiese Bäume gepflanzt, damit die Kinder ihre Fußballtore da nicht mehr aufstellen können. Sie wollten mehr Ruhe vor dem Kinderlärm. Die Eltern der Kinder hätten sich daraufhin bei der Hausverwaltung beschwert. Das Ergebnis dieser ganzen Unruhe seien eben diese Schilder, die die Hausbesitzer dann auch gleich in allen anderen Häusern haben anbringen lassen.
„Nicht zu fassen“, dachte und sagte ich. Wie zwei Rohrspatzen haben wir über dieses unmögliche Verhalten der Hausbewohner geschimpft. Ich war der festen Überzeugung, dass ich selbst so ein Verhalten niemals an den Tag legen würde.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, Sie ahnen, was jetzt kommt. Wenn ich genauer über mein Verhalten nachdenke, zeigt sich oft ein anderes Bild. Dann ertappe ich mich selbst dabei, genervt von Kindern zu sein. Beispielsweise auf langen Zugfahrten, wenn neben mir zwei schreiende Kinder sitzen oder wenn eine Mutter ihr Kind im Theater direkt hinter mir stillt und das Kind schmatzt. Kinder passen einfach nicht immer. Das mussten schon Jesu Jünger feststellen. Sie verloren die Beherrschung, als eine Horde Kinder sich um Jesus scharen wollte. Jesus wies sie daraufhin zurecht: ,,Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,13-16)
Kinder benehmen sich anders als Erwachsene. Sie drücken unmittelbar aus, wenn sie Hunger oder Durst haben oder in den Arm genommen werden wollen – ob das gerade passt oder nicht. Sie freuen sich spontan oder weinen. Trotz des Altersunterschieds sind sie Erwachsenen oft überlegen. ,,Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“
Jesu’ Satz zeigt, dass Kinder Vorbilder sind. Bedeutet das aber, dass wir alle wie Kinder völlig unmittelbar unsere Bedürfnisse ausleben sollen. Schreien, wenn wir Hunger oder Durst haben, weinen, wenn wir getröstet werden wollen, beleidigt sein, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen?
Ich denke nicht. Wir sollen nicht kindisch werden, sondern wir sollen eine kindliche Sicht entwickeln. So wie ein Kind, das einem seinen vollgeschmierten Schnuller anbietet. Es ist genau diese Selbstlosigkeit und dieses Grundvertrauen, was Kinder Erwachsenen voraushaben. Möglicherweise ist das entscheidend dafür, in das Reich Gottes zu gelangen.
„Wir sind ein kinderfreundliches Haus!“ – diesen Hinweis brauchen wir ab und an. Und den Mut, den Schnuller freundlich lächelnd entgegenzunehmen. Kinderfreundlichkeit – die war zu Jesu Zeit und auch heute nicht selbstverständlich. Und deshalb ist es gut, wenn Jesus und der Hausmeister mich mit der Nase darauf stoßen: Kinder haben was mit meinem Leben zu tun. Sie zeigen mir den Weg in eine gute Zukunft, in das Reich Gottes.
Meint Ihre Judith Uhrmeister aus Düsseldorf.
Das Reich Gottes empfangen wie ein Kind
|