|
Stückchenweise Leben
Vielleicht hält man mich für etwas großmütterlich, aber ich lese regelmäßig die Todesanzeigen in unserer Zeitung. Irgendwie faszinieren sich mich.
Da stand in einer: „Du lebst weiter – in unserer Erinnerung.“ Der Satz hat mich den ganzen Tag verfolgt.
Vor kurzem ist meine Oma gestorben und schon bei der Beerdigung fiel mir ein, was ich sie unbedingt noch hatte fragen wollen. Sie hatte immer einen bestimmten Freund aus Jugendtagen erwähnt und ich wollte wissen, warum sie ihn eigentlich nicht geheiratet hatte.
In der Woche nach der Beerdigung fielen mir dann tausend Dinge ein, die ich noch von ihr wissen wollte. Zum Beispiel hätte ich eigentlich einmal gern so eine Art Lebenslauf gehabt. Wann war das mit dem Pflichtjahr während der NS-Zeit? Und der Arbeitsdienst, von dem sie erzählt hatte: War das vor ihrer Ausbildung oder danach? Wie hingen die vielen Verwandten zusammen, deren Namen sie so nebenbei stets einfließen ließ. Wer lebt von denen noch? Und dieser Urlaubsort, von dem sie so geschwärmt hat: Wie hieß der noch gleich?
Natürlich lebt meine Oma in meiner Erinnerung weiter, aber es kommt mir vor, als hätte ich nur kleine Fetzen von ihrem ganzen Leben in meinem Kopf. Kleine Stückchen. So, wie sie mir ihr Leben eben erzählt hat. Wie Puzzleteile, die ich aber nicht so recht zusammensetzen kann. Und nun ist es für das Nachfragen zu spät. Ich hoffe, sie nimmt es mir nicht übel. Dort, wo sie jetzt ist. Und wo hoffentlich zumindest der liebe Gott ein fertiges Puzzle sieht.
Sprecherin: Alexa Christ
Stückchenweise Leben
|