| |
...du sollst keine Arbeit tun.. auch nicht dein Rind, dein Esel, all dein Vie ... (5. Mose 5,14)
Das Pferd meiner Kindheit hieß Voss. Das ist plattdeutsch und bedeutet Fuchs. Voss hieß so, weil sie eine Fuchsstute war.
Keinesfalls war sie listig wie ein Fuchs, allenfalls so schlau. Vor allem aber war sie fromm – wie man das von Pferden sagt. Also nicht tückisch, nicht hinterhältig oder verschlagen, sondern zugänglich, zahm und leicht lenkbar. Voss war kein edles Reitpferd, sondern ein Arbeitstier. Auf unserem kleinen Bauernhof erledigte sie während meiner Kindheit - in den 50er Jahren - alle anfallenden Zugarbeiten, ob vor dem Pflug, der Mähmaschine oder dem Ackerwagen. Einen Traktor hatten wir noch nicht. Wie oft ging Voss fast in die Knie, um den übervoll beladenen Heuwagen durch das Scheunentor zu zwängen. Dann gab sie nicht auf, bis sie es geschafft hatte. Voss teilte sich die Weide – und im Winter den Stall – mit vielen anderen Tieren: mit Kühen und Schafen, mit Schweinen und Hühnern. Unser kleiner Bauernhof sah in Echt noch so aus wie wir ihn heute nur noch in Kinderbüchern finden: mit Heu und Stroh, einem Misthaufen, mit Kartoffeln, Rüben und Korn - und Tieren aller Art.
Am schönsten war’s, wenn der Sonntag kam. Dann lag eine beschauliche Geruhsamkeit über dem ganzen Hofgelände. Nur das Notwendigste wurde getan: die Tiere gefüttert morgens und abends, die Kühe gemolken, die Eier aus den Nestern gesammelt... Das war’s. Eine ruhige Welt, gefüllt nur mit Klängen der Natur. So verbinde ich mit dem Sonntag bestimmte Tierstimmen - bis heute: der Hahn kräht, die Hühner gackern, die Enten gründeln. Kühe muhen vor dem Melken, Kälber blöken, Schweine greinen, wenn’s Futter geben soll. Aber den ganzen Tag über wühlen sie mit ihren Ferkeln im Erdreich, suhlen sich und grunzen – zufrieden mit der Welt um sie herum und mit dem Leben. So auch die anderen Tiere, ein jedes nach seiner Art. Sie picken still vor sich hin oder gackern lauthals, wenn sie ein Ei gelegt haben, grasen und legen sich wiederkäuend ins Grün, gründeln nach Fressbarem mit emporgereckten Schwanzfedern zwischen Seerosen oder lassen sich auf den Wellen treiben, den gelben Schnabel in die Federn gesteckt. Dahinter ziehen weiße Schwäne ihre Kreise – mit majestätisch gebogenem Hals. Eine harmonische Welt, deren andere Seite nur von weitem mitschwingt: aufheulende Zweitakter der Jugendlichen mit ihren Mopeds und dahinjagende Motorboote in der Ferne.
Und am Hühnerstall warnt eine Glucke aufgeregt ihre Küken vor dem nahenden Kater: die Katze lässt das Mausen nicht.
Und Voss? Die Fuchsstute grast emsig und ausdauernd hinten auf ihrer Pferdekoppel, so wie sie sonst arbeitet. Danach schläft sie – stehend, wie es Art der Pferde ist – im Schatten eines Baumes. Schläft tief und lang. Sie scheint zu wissen: Heute ist Sonntag. Ein freier Tag – selbst für Ackergäule wie mich. Da gibt der Bauer Ruhe. Ja, Gottes Gebot vergisst auch Ackergäule nicht. So hört sich das in der Bibel an:
Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter... auch nicht dein Rind, dein Esel, all dein Vieh... (5.Mose 5,14)
Alle haben frei, auch die Tiere. Am Sonntag darf die ganze Schöpfung aufatmen.
Nein, einen Bauernhof wie noch vor sechzig Jahren gibt es hierzulande wohl kaum noch. Außer in Kinderbüchern. Doch dies bleibt: Die ganze Schöpfung braucht einen Sonntag – eine heilsame Unterbrechung, immer wieder. Für Mensch und Tier. Ich wünsche Ihnen und allen Tieren bei uns einen gesegneten Sonntag heute.
Ihr Alfred Buß, Pfarrer aus Unna.
...du sollst keine Arbeit tun.. auch nicht dein Rind, dein Esel, all dein Vie ... (5. Mose 5,14)
|