Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.07.12; Pfarrer Martin Vogt

Stern, auf den ich schaue (eg 407)

Musik 1 Bläsermusik: Stern auf den ich schaue.

Autor: Ein Mann steht allein mitten in einer weiten Landschaft. Es ist schon spät, die Dunkelheit ist hereingebrochen und der Mann weiß nicht, welche Richtung er einschlagen soll. Er sucht nach Wegzeichen oder anderen Möglichkeiten, um sich zu orientieren. Aber da ist nichts. Schließlich schaut er nach oben. Bei den vielen Sternen, die jetzt über ihm zu sehen sind, muss er erst ein wenig suchen. Aber dann findet er das Sternbild des Kleinen Bären und an seinem Ende den Polarstern. Und da ist er erleichtert. Er weiß: Der Polarstern steht ziemlich genau im Norden. Jetzt kann er sich wieder orientieren. Und er geht los mit neuer Zuversicht und neuem Vertrauen. Jetzt glaubt er wieder daran, dass er seinen Weg finden und sein Ziel erreichen wird.

Musik 2 - 1. Choralstrophe (Sprecherin Overvoice)
Stern, auf den ich schaue, Fels, auf dem ich steh,
Führer, dem ich traue, Stab, an dem ich geh,
Brot, von dem ich lebe, Quell, an dem ich ruh,
Ziel, das ich erstrebe, alles, Herr, bist du.

Autor: Liebe Hörerin, lieber Hörer! Das Lied „Stern, auf den ich schaue“ will genau das vermitteln: Zuversicht für den Weg, den ich gehen muss. Die Grundlage dafür ist ein starkes Vertrauen auf Gott. Denn durch ihn bekomme ich alles, was ich im Leben brauche. Oder wonach ich suche.

Diese Überzeugung prägte den Dichter dieses Chorals: den Pfarrer Adolf Krummacher aus Halberstadt. 1857 hatte er die drei Strophen als Gedicht veröffentlicht. Die Melodie wurde erst 30 Jahre später komponiert. Da bekam der Schwiegersohn Krummachers Besuch von seiner Schwester. Sie hieß Minna Koch und war mit einem Pfarrer in Elberfeld verheiratet. Als sie das Gedicht las, fühlte sie sich davon so angesprochen, dass sie sich spontan ans Klavier setzte und die Grundzüge der Melodie entwarf.

Musik 3 Melodie instrumental am Klavier

Autor: Das Wenige, das Minna Koch über sich selbst aufgeschrieben hat, lässt darauf schließen, dass sie ebenfalls ein starkes Gottvertrauen hatte. Genau wie Adolf Krummacher war auch sie überzeugt, dass Gott alles ist, was ein Mensch für seinen Lebensweg braucht: Ein Stern, um sich daran zu orientieren. Ein felsenfestes Fundament und gleichzeitig ein guter Platz, um sich auszuruhen. Aber ebenso ist Gott eine Hilfe, wenn es weitergehen muss, und eine Stärkung, um den Weg tatsächlich fortzusetzen. „Alles, Herr, bist du.“ Von dieser Überzeugung ist das ganze Lied durchdrungen.

Musik 3 Melodie instrumental am Klavier

Autor: Natürlich sind mit einer solchen Überzeugung nicht automatisch alle Lebensprobleme gelöst. Das war weder bei Minna Koch noch bei Adolf Krummacher der Fall. Aus eigener Erfahrung wusste er, wie schwer das Leben sein kann, wenn man krank wird oder die Kräfte nachlassen. Wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden können, die Ziele nicht erreichbar sind oder wenn die Arbeit nicht so ist, wie sie sein sollte. All das fasst Adolf Krummacher unter dem Begriff „Bürde“ zusammen. Also eine Last, die einem den Mut und die Kraft nimmt und bei der man nicht weiß, wie man sie alleine tragen soll. Realistischerweise blendet er in seinem Lied solche Erfahrungen nicht aus. Aber das Vertrauen, das dieses Lied durchzieht, wird davon nicht erschüttert. Im Gegenteil, dieses Vertrauen ist ein starkes Gegengewicht zu allem, was mir schwer fällt. Denn dieses Vertrauen sagt mir: Da ist einer, der hilft mir, meine Last zu tragen. Der nimmt sie mir sogar ab und trägt sie für mich!

Musik 5 - 2. Choralstrophe (Sprecherin Overvoice)
Ohne dich, wo käme Kraft und Mut mir her?
Ohne dich, wer nähme meine Bürde, wer?
Ohne dich, zerstieben würden mir im Nu
Glauben, Hoffen, Lieben, alles, Herr, bist du.

Autor: Wenn ich so ein Vertrauen habe, dann kann ich sicherlich leichter „meinen Pfad wallen“, wie es in der 3. und letzten Strophe heißt. Dann kann ich meinen Lebensweg gehen, mit den Höhen und Tiefen, den Begegnungen und Abschieden, mit dem, was mir Kraft gibt und dem, was das Leben schwer macht. Wenn ich einen Stern zu Orientierung habe, einen Felsen, der einen festen Stand bietet, wenn ich weiß: Da geht jemand voran, der mir den Weg zeigt, dann lassen sich Durststrecken und Lasten tatsächlich leichter ertragen.

Aber was ist, wenn sich mein Lebensweg dem Ende nähert? Wenn ich spüre: Für mich geht’s hier nicht mehr weiter? Adolf Krummacher weicht in seinem Text auch dieser Frage nicht aus. Denn in der letzten Strophe lenkt er den Blick über das irdische Leben hinaus:

Musik 4 - 3. Choralstrophe (Sprecherin Overvoice)
Drum so will ich wallen meinen Pfad dahin,
bis die Glocken schallen und daheim ich bin.
Dann mit neuem Klingen jauchz ich froh dir zu:
nichts hab ich zu bringen, alles, Herr, bist du!

Autor: Was mich nach meinem Tod erwartet, das beschreibt Adolf Krummacher nicht mit „Himmel“ oder „Hölle“. Ich werde auch nicht in einem fernen Jenseits ankommen. Sondern „daheim“, da, wo ich zu Hause bin. Auf meinem Lebensweg habe ich mich in der Fremde bewegt. Jetzt kehre ich zurück zu Gott. Also zurück zu dem, der mir das Leben geschenkt hat, zurück dahin, wo das Leben zu Hause ist. Damit behält der Text seine Zuversicht über das Lebensende hinaus. Adolf Krummacher war offenbar überzeugt: Wenn ich zu Gott komme, dann wird das ein schöner Moment sein. Dann werde ich nicht zittern oder verzweifeln, weil ich alles Mögliche falsch gemacht habe. Sondern ich werde jauchzen, voller Freude und mit einem ganz wunderbaren neuen Klang. Und das, obwohl ich bei Gott nichts vorzuweisen habe. Keine Leistungen, keine Verdienste, kein Geld, kein Haus und keine Aktien. Im Gegenteil: „Nichts hab’ ich zu bringen“ heißt es in dieser Strophe. Ein bisschen klingt das wie das Sprichwort: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“. Aber dieser Liedtext ist mehr als nur eine Lebensweisheit. Er ist der Versuch, uns die Angst vor dem Tod zu nehmen. Es ist nämlich völlig in Ordnung, wenn wir vor Gott mit leeren Händen stehen. Wir brauchen ihm nichts zu bringen, denn bei ihm ist ja schon alles: Alle Liebe, alle Kraft, alle Macht, alles Leben. „Alles, Herr, bist du.“ So endet dieses Lied mit einer Zuversicht, die sich nicht einmal vom Tod unterkriegen lässt. Es will diese Zuversicht wecken in den Menschen, die dieses Lied singen oder hören. Damit sie wächst, diese Zuversicht, damit sie vielleicht auch ganz neu entsteht. Damit immer mehr Menschen davon angesteckt werden. Damit immer mehr Menschen ihren Lebensweg voller Zuversicht gehen können bis zu ihrem Ziel.

Musik 1 Bläsermusik 

Musikinformationen:
Musik1
Titel: „Stern auf den ich schaue"
Komponist:  Minna Koch
Bearbeiter:  Otto Haubrich
Ensemble:  Pian e Forte
Leitung:  Eckard Schneider

Musik 2
CD-Titel:  Bach-Chor Siegen, „Anno Domini. Geistliche Chormusik aus zwei Jahrtausenden“
Track 10: Romantik - Industrialisierung (19. Jahrhundert) „Stern, auf den ich schaue“
Text von Dichter:  Cornelius Friedrich Adolf Krummacher
Komponistin:  Minna Koch (Bearbeitung: Jochen Rieger)
Chor:  Bach-Chor Siegen
unter der Leitung von: Ulrich Stötzel
LC-Nr.: 00895
CD-Verlag und Ort: Schulte & Gerth GmbH, Asslar

Musik 3
CD-Titel:  Hanjo Gäbler, „Alte Kirchenlieder“ 
Titel:: „Stern, auf den ich schaue“
 Komponistin:  Minna Koch (Bearbeitung: Hanjo Gäbler)
Pianist:  Hanjo Gäbler
Länge der verwendeten Musik: 1:24LC-Nr.: 16086
CD-Verlag und Ort: Funkworld Medien, Elmshorn

Musik 4
CD-Titel:  „Beliebte Glaubenslieder. Stern, auf den ich schaue“ 
Titel: „Stern, auf den ich schaue“
Text von Dichter:  Cornelius Friedrich Adolf Krummacher
Komponistin:  Minna Koch (Bearbeitung: Margret Birkenfeld)
Solistin 2. Strophe: Christa Haag (Sopran)
Chor:  Schulte + Gerth Studiochor
LC-Nr.: 12055
CD-Verlag und Ort: Gerth Medien GmbH, Asslar

Musik 5
CD-Titel:  „Unvergessen 2“ 
Titel:  Track 1: „Stern, auf den ich schaue“
Text von Dichter:  Cornelius Friedrich Adolf Krummacher
Komponistin:  Minna Koch (Bearbeitung: Peter van Woerden)
Solisten: Ulrich Brück (Tenor)
Wilfried Mann (Bassbariton)
Peter van Woerden (Klavier)
LC-Nr.:  13743
CD-Verlag und Ort: Gerth Medien GmbH, Asslar


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