Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.07.12; Pastor Christof Lenzen

Vampire loswerden (wie auch wir vergeben unseren Schuldigern)

Vampire! Die Zeiten der gruseligen, blutrünstigen Vampire - die sind vorbei. Gestalten der Dunkelheit, in Särgen schlafend, ständig auf der Suche nach Opfern

die sie ebenfalls in das Reich der Dunkelheit ziehen können …  Geschichte! Die aktuellen Vampir-Filme und die dahinter stehenden Bücher handeln von melancholischen, romantischen Vampiren … erotisch, cool, geheimnisvoll und blass - kein Wunder, so ohne Sonnenlicht. Millionen von Teens - meistens Mädchen – liegen ihnen zu Füßen und scheinen zu rufen: Knabbere mich an! Ein seltsames Phänomen. Und doch vielleicht gar nicht so fern von vielen von uns. Dass wir die Vampire in unserem Leben dulden, nicht mehr ungewöhnlich finden. Keine echten Vampire - doch nicht minder gefährlich. Keine Wesen der Dunkelheit, aber nicht weniger düster und zerstörerisch. Ich rede von blutsaugenden Haltungen und Einstellungen in unserem Leben. Die Bibel redet von einer solchen Haltung, die langsam und sicher von innen her alles zerstört, die uns die Freude und Lebenskraft aus den Adern saugt, unsere Seele dunkel werden lässt. Bitterkeit.

Im so genannten Hebräerbrief wird die christliche Gemeinde ermahnt: Lasst nicht zu, dass in irgendjemandem unter euch bittere Wurzeln wachsen. Denn die zerstören den Menschen und gleich alle anderen in der Nähe mit. Bitterkeit ist hochgradig ansteckend. Erst saugt sie einem alle Freude aus dem Leib, man wird zynisch, dann greift sie über auf Freundschaften, Partnerschaft, Beziehungen. Bitterkeit ist ein emotionaler Vampir, ein Blutsauger, ein Krafträuber. Wann immer uns Menschen enttäuschen, verletzen, schuldig an uns werden öffnet sich in uns eine Tür zur Bitterkeit. Es gibt im Englischen einen weisen Satz: You can either get bitter or better. Übersetzt etwa: Du kannst entweder bitter oder besser werden - sprich: daraus lernen und reifen.

Der Ausweg aus der Bitterkeit? Die schwere, aber heilsame Disziplin der Vergebung. Das Vater-Unser-Gebet widmet dieser geistlichen Übung eine eigene Zeile. "Wie auch wir vergeben denen, die an uns schuldig geworden sind!" Vergebung. Schlüssel zur Freiheit. Dabei gilt erstaunlicherweise: Wer vergibt, der heilt auch sich selber. Wer bewusst im Gebet sagt: Ich vergebe dem oder der, die an mir schuldig wurden, der löst die bitteren Fesseln, der schüttelt den Blutsauger ab und übergibt ihn der Gerechtigkeit Gottes. Denn auch wenn manche Geschichten Jahrzehnte her sein mögen - Bitterkeit hält sie frisch im eigenen Leben und lässt Wunden niemals heilen. Vergebung heilt, löst, lässt atmen.

Dabei geht es nicht um einen Taschenspielertrick. Vergebung kann man nicht mechanisch üben, man muss zu ihr durchstoßen. Manchmal bleibt mir nur zu beten: "Herr, ich kann nicht vergeben, heile mein Herz, dass ich es kann. Bis dahin vergebe ich in deinem Namen". Vergebung ist keine Leistung. Sie ist Antwort. In der Zeile vor dieser kleinen Bitte im Vater-Unser steht die Bitte: Und vergib mir meine Schuld, Gott. Wenn ich weiß: Auch ich brauche Vergebung, dann bereitet mich das darauf vor, auch den Menschen zu vergeben, die mir Unrecht tun. Sei es der Drängler am Autobahnkreuz (ja, auch der!), sei es der Vater, dem zu oft die Hand ausgerutscht ist oder der Kollege, der dumme Gerüchte in die Welt gesetzt hat. Vergebung gibt ihnen nicht Recht - aber sie befreit mich und dich. Damit wir durchatmen können und die Vampire wieder unter sich bleiben.

Diese Erfahrung wünscht Ihnen Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

Audiobeitrag Vampire loswerden (wie auch wir vergeben unseren Schuldigern)


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