Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.07.12; Pfarrer Martin Vogt

Die Katze und das Kloster

Als Guiseppe in seine Stammkneipe kam, sah er aus wie immer. Aber dass er einen Grappa bestellte, war ungewöhnlich.

Ungewöhnlich war auch die Geschichte, die er erlebt hatte, als er an diesem Tag seinem Beruf als Kaminfeger nachging. Alfred Andersch erzählt diese Geschichte unter dem Titel „Grausiges Erlebnis eines venezianischen Ofensetzers“. Dabei fing alles ganz harmlos an mit einem Auftrag im Kloster.

O-Ton: „An der Pforte erwartete mich einer, der war so groß wie du, Ugo. Aber er sah ganz anders aus. Er sah aus wie der liebe Gott persönlich.“

Autor: Natürlich war es nicht der liebe Gott, der da auf Guiseppe wartete. Aber immerhin der Prior des Klosters. Er hatte Guiseppe bestellt, weil der Kamin im Speisesaal nicht mehr zog. Offenbar war der Abzug verstopft. Doch während der Kaminfeger noch überlegte, wie er vorgehen sollte, kam ein großer gelber Kater herein.

O-Ton: „Und dann stellte er sich vor den Kamin und schrie mit seiner widerwärtigen Stimme den Kamin an.“

Autor: Dieser Kater witterte etwas, das die Menschen noch nicht wahrgenommen hatten. Denn der Abzug des Kamins war nicht nur mit Stroh und Dreck verstopft. Dort hatte sich auch eine Ratte eingenistet.

O-Ton: „[…] und der gelbe Kater stand unter ihr und stieß ein Knurren aus. Aber während ich den Kopf nicht wegdrehen konnte, sagte der Pater Prior zu einem der Mönche: ,,Pater Bruno, holen Sie eine Schaufel!´´ Und er fügte hinzu: ,,Schließen Sie die Türe, wenn Sie hinausgehen und wenn Sie wieder hereinkommen!´´ Ich muss schon sagen, der Mann hatte die Ruhe weg.“

Autor: Für alle anderen aber war es mit der Ruhe ganz schnell vorbei. Der Kater ließ der Ratte keine Chance zur Flucht und so begann ein Kampf auf Leben und Tod - quer durch den ganzen Speisesaal. Die beiden Tiere hatten sich regelrecht ineinander verbissen, als Pater Bruno mit der Schaufel zurückkam.


O-Ton: „Er blieb erschrocken stehen, als er sah, was vorging, aber der Pater Prior war mit ein paar Schritten bei ihm und nahm ihm die Schaufel aus der Hand.“

Autor: Während alle anderen wie erstarrt waren, nahm der Prior die Schaufel und bugsierte damit die beiden Tiere nach draußen. Dann gab er die Schaufel dem Pater Bruno zurück und sorgte dafür, dass der Speisesaal wieder sauber gemacht wurde.

Die Ruhe, die der Prior dabei ausstrahlte, seine Klugheit und Entschlossenheit fand Giuseppe beeindruckend. Aber noch mehr beschäftigte ihn die Frage, die der Prior am Ende dieses Nachmittags stellte.

O-Ton: „Finden Sie nicht, dass Gott den Tieren etwas mehr Vernunft hätte verleihen können?" Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte, und er hat auch, glaube ich, keine Antwort erwartet. Aber ich frage mich, ob man fromm sein kann, richtig fromm, und doch nicht alles für richtig zu halten braucht, was Gott tut.“

Autor: Diese Frage bleibt offen am Ende der Erzählung. Aber ich würde diese Frage mit einem entschiedenen „Ja!“ beantworten. Ja, man kann fromm sein, ohne deshalb alles für richtig halten zu müssen, was Gott tut. Man kann an Gott glauben und trotzdem fragen, warum Gott Dinge zulässt, die uns erstarren lassen vor Schreck, vor Grauen oder vor Mitleid. Schon in der Bibel werden solche Fragen gestellt. Oft werden sie sogar ganz direkt an Gott gerichtet. Und wenn das damals für Gott in Ordnung war, dann wird er auch heute mit solchen Fragen umgehen können.


Hörbuch: Alfred Andersch, “Der Vater eines Mörders und andere Geschichten”, gelesen von Alfred Andersch, Werner Kreindl, Hans Korte, Peter Lieck u.a. (Verlag: Membran Music Ltd., 7 CD’s; hier: CD 1, Track 11).
LC-Nummer: 12281.

 

 

 


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