Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.07.12; Pfarrer Alfred Buß

Sekundo-Bank

Sie haben gewonnen. In großen Buchstaben prangte die Botschaft schon außen auf dem Kuvert. Diesen Brief unbedingt öffnen, damit Sie nichts verschenken.

Ich mag diese billige Anmache nicht und wollte den Umschlag schon wegwerfen - ungeöffnet. Da dachte ich: Wenigstens reingucken kannst du ja. Sie haben gewonnen stand da. Die Summe haute mich um. 86.400 Euro täglich. Das hat doch einen Haken, dachte ich. Wirkte alles seriös: Kontonummer angeben, Bankleitzahl, Einverständniserklärung unterschreiben, abschicken. Widerruf war möglich.

Erst mal das Kleingedruckte lesen, dachte ich. Doch Kleingedrucktes gab’s gar nicht. Stattdessen Regeln. Bedingungen sozusagen. Ich las dort: Jeden Morgen stellt die Bank ihrem Konto den Betrag von 86.400 zur Verfügung. Sie dürfen den Betrag keiner anderen Person überweisen, auch nicht in Teilbeträgen. Er steht nur Ihnen persönlich zur Verfügung, ausschließlich zu Ihrer Verwendung. Was Sie an einem Tag nicht abheben, erlischt. Der Übertrag einer verbliebenen Summe auf den Folgetag ist ausgeschlossen. An jedem neuen Tag wird Ihnen jedoch wieder der gleiche Betrag überwiesen. Allerdings behält sich die Sekundo-Bank das Recht vor, die Überweisungen jederzeit einzustellen - ohne Begründung oder Vorinformation.

Ich las den Brief nochmal und nochmal. 86.400 Euro, dachte ich – davon kannst du dir alles kaufen, was du nur möchtest. 86.400 täglich! Du kannst Wünsche erfüllen, nicht nur für dich, auch für deine Familie oder für Freunde... Und Gutes tun. Kannst armen Kindern zu Bildung verhelfen. In dem afrikanischen Dorf für Wasser sorgen. Etwas gegen den Klimawandel tun. Und... Und... Und... Jeden Cent würdest du nutzen. Keinen vergeuden. Alles nutzbringend anlegen. Aber je mehr ich mir ausmalte, umso schlimmer wühlte es in mir. Der Brief erschien mir unheimlich, fast magisch. Warum tut die Sekundo-Bank das? Was trieb die mit mir? Das musste doch einen Haken haben. Aber welchen?

Schließlich fasste ich mir ein Herz und rief bei der Bank an. Die Dame am anderen Ende war freundlich. Schön, dass Sie sich melden, sagte sie. Ich dankte für das freundliche Angebot und fragte, was die Bank dazu treibe. Die Sekundo-Bank mag Ihnen magisch erscheinen. Aber im Grunde zaubert sie nicht, antwortete die freundliche Stimme. Diese magische Bank hat jeder Mensch. Er bemerkt es meist nur nicht. Jeden Tag bekommt er 86.400 Sekunden geschenkt. Am Ende des Tages kann er sich davon keine Sekunde gutschreiben lassen. Was er an einem Tag nicht gelebt hat, ist für immer verloren. Doch das Konto wird wieder gefüllt - an jedem Morgen neu. Allerdings kann die Sekundo-Bank die Überweisungen jederzeit einstellen – ohne Begründung und Vorinformation... Was machen Sie also mit Ihren täglich 86.400 Sekunden? Diese Frage wollten wir in Ihnen wachrufen.

Verdattert bedankte ich mich und legte schnell auf. Es ging also um die Sekunden meines Lebenszeitkontos, nicht um Euros auf meinem Bankkonto.
Ganz schön gefährlich, wenn das Bankkonto wichtiger wird als das Lebenszeitkonto, dachte ich. Und noch schlimmer, wenn Zeit zu Geld wird. Dann darf ich keine Minute verpassen und keine Sekunde vergeuden. Nur keine Zeit verlieren!

Doch Gott schenkte uns die Lebenszeit, nicht um sie auszukaufen, sondern sie sinnvoll mit Leben zu füllen. Und sie in aller Ruhe zu genießen – wie Gott selbst am 7. Tag der Schöpfung. Den gönnte er sich und uns als Ruhetag.

Nichts tun. Nur da sein. Sich am Leben freuen. Dafür gibt’s den Sonntag. Gott sei Dank. Einen gesegneten Sonntag wünsche ich Ihnen. Ihr Alfred Buß, Pfarrer aus Unna.


 

Audiobeitrag Sekundo-Bank


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