Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.06.12; Pfarrerin Silke Niemeyer

Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen (Lukas 18,18-27)

Er ist eine Führungskraft. Manches ist ihm fragwürdig geworden im Leben. Wie lebe ich richtig?, fragt er sich.

Er ist ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft, vermutlich ein Mitglied des Rates. Existentielle Fragen treiben ihn um. Jesus, dem mutigen Rabbi, traut er Antworten zu. Er geht zu ihm und fragt „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Auch heute boomen in Klöstern und kirchlichen Tagungshäusern  Einkehrtage und spirituelle Begleitung von Führungskräften. Ich weiß nicht, was den Teilnehmern dort vermittelt wird. Jesus jedenfalls antwortet dem Ratsherrn:

Sprecher: Du kennst die Gebote: Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!

Jesus bietet  kein Meditationsprogramm an, sondern einen Kurzkurs in den Zehn Geboten: Du kennst sie. Tu sie. Ein Frömmigkeitsprogramm darüber hinaus habe ich nicht für dich. Aber das hat der Mann alles getan:  Er hat nicht mit anderen Frauen geschlafen. Er kann keiner Fliege was zuleide tun, geschweige denn, dass er jemanden umgebracht hätte. Er achtet das Eigentum anderer. Kurz: Er ist immer anständig geblieben. Als Jesus das hört, sagt er:

Sprecher:Es fehlt dir noch eines. Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach.

Jesus bestreitet nicht, dass der Ratsherr die Gebote tadellos erfüllt. Doch trotz seiner Perfektion fehlt ihm etwas:
Er bricht die Ehe nicht. Aber sieht er, dass immer mehr Ehemänner Tagelöhner werden, zu arm, Frau und Kinder zu ernähren?
Er hat niemals gemordet. Aber er kooperiert mit dem Mörder Herodes und dem Kreuziger Pilatus.
Er hat nicht gestohlen. Aber er gibt Acht, dass das Steuersystem eingehalten wird, das vielen ihr letztes Hemd raubt.
Er hat nie falsch Zeugnis geredet. Er würde auch nie für jemanden lügen, der die Härte des Gesetzes ungerechtfertigt zu spüren bekommt.

Sprecher:„Man kann darauf bedacht sein, das Gute durchzusetzen und zu verwirklichen, oder man kann darauf bedacht sein ein guter Mensch zu sein – das ist zweierlei, es schließt sich gegenseitig aus.“

So der Schriftsteller Max Frisch. (Max Frisch, Tagebuch 1946-1949, Suhrkampverlag. Frankfurt a.M., 1985, S. 223)
Der Ratsherr  kommt als guter, anständiger Mensch daher. Aber die Zehn Gebote sind nicht gegeben, um gute und anständige Menschen aus uns zu machen. Sie sind gegeben, um das Gute durchzusetzen. Weil aber der Ratsherr allein ein guter Mensch sein will, fehlt ihm der andere Blick auf die Wirklichkeit, es fehlt ihm ein Wechsel der Perspektive. Es ist der Blick durch die Augen derer, die es nicht gut haben. Es ist der Blick, der die Welt nicht von oben, sondern von unten betrachtet, aus der Sicht der Rechtlosen, der Wehrlosen, der Mittellosen. Wenn er das könnte, wäre das ein Schatz im Himmel. Aber diesen Perspektivwechsel schafft er nicht.

Als er hörte, was Jesus sagte – so endet die Geschichte - da wurde er sehr traurig, denn er war sehr reich. Der  Reiche diesmal nicht in Siegerpose, sondern als traurige Gestalt. Er schwimmt im Milieu seines Reichtums und kann sich nicht aus dieser Blase befreien. So wie ihm geht es vielen Oberen. Da dreht sich plötzlich alles um Rettung der Banken und das Vertrauen der Anleger. Und er rennt und rennt und rennt immer am Eingang zum Reich Gottes vorbei. Der ist da, wo man sich von der Einsicht unterbrechen lässt:

„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“, meint Ihre Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen.

Audiobeitrag Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen (Lukas 18,18-27)


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