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Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn (eg 363)
Autor :Verehrte Hörerin, verehrter Hörer,es war einmal ein Schuhmacher, Georg Grünwald sein Name, der kam um 1490 in Kitzbühel zur Welt.
Kaum zehn Jahre später tauchte eine Flugschrift mit einem Lied über den „Lindenschmid“ auf – ein Raubritter, der hohe Verehrung im Volk genoss.
Musik 1: Lindenschmid-Lied Es ist nit lang, dass es geschach, / dass man den lindenschmid reiten sach / auf einem hohen rosse, / Er reit den Rheinstrom auf und ab / hat sein gar wol genossen…
Autor: Die Ballade vom Raubritter war beliebt in der damaligen Zeit, dem 16. Jahrhundert. Zu ihrer Melodie dichtete der Schuhmacher Georg Grünwald aus Kitzbühel in seinem letzten Lebensjahr ein geistliches Lied.
Musik 2: Bach-Choral „Kommt her zu mir“, spricht Gottes Sohn, / „All die ihr seid beschweret nun, / mit Sünden hart beladen,
Autor: Der „Lindenschmid“ endete auf dem Schafott. Dem Schuhmacher Georg Grünwald, der sich die Popularität des Raubritters zunutze machte, ging es nicht besser. Er starb 1530 in Kufstein auf dem Scheiterhaufen. Und das kam so:
In Georg Grünwalds 36. Lebensjahr kamen die Täufer nach Kitzbühel, Mitglieder einer radikal-reformatorisch christlichen Bewegung. Sie waren auf der Flucht vor den römisch-katholischen Inquisitoren und einem schrecklichen Ende auf dem Scheiterhaufen. Den Schuhmacher beeindruckten die radikalen Lehren der Täufer. Sie traten für die Erwachsenentaufe ein. Denn jede Christin, jeder Christ sollte sich ihrer Meinung nach bewusst zum christlichen Glauben bekennen. Die Täufer betrachteten mit großem Argwohn die Bündnisse zwischen weltlicher Macht und christlicher Kirche. Auf die weltlichen Machthaber waren sie ohnehin nicht gut sprechen. Sie predigten unbedingte Gewaltlosigkeit.
Aufrührerische Lehren waren das. Dass sie den mit der Obrigkeit verbandelten Kirchenfürsten ein Dorn im Auge waren, kann man verstehen. Viele Täufer landeten wie der dichtende Schuhmacher Georg Grünwald als Ketzer auf dem Scheiterhaufen.
Ich finde es bemerkenswert, dass sich unter den Liederdichtern des Evangelischen Gesangbuchs ein waschechter Ketzer befindet. Aber da ist er in guter Gesellschaft. Eine Liednummer vor dem Grünwald-Choral „Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn“ finden wir das Luther-Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“. Die „Marseillaise der Bauernkriege“, wie Heinrich Heine diese Reformationshymne genannt hat.
So brutal das Leben des Liederdichters Georg Grünwald und auch das des Raubritters „Lindenschmid“ geendet hat, so sanft tönt die Grünwald’sche Poesie, zumindest in den ersten beiden Strophen des Chorals: (2:05)
Musik 2: Bach-Choral (2 Strophen)
Sprecherin: „Kommt her zu mir“, spricht Gottes Sohn, / „All die ihr seid beschweret nun, / mit Sünden hart beladen, / ihr Jungen, Alten, Frau und Mann, / ich will euch geben, was ich han, / will heilen euren Schaden.
Mein Joch ist sanft, leicht meine Last, / und jeder, der sie willig fasst, / der wird der Höll entrinnen. / Ich helf ihm tragen, was zu schwer; / mit meiner Hilf und Kraft wird er / das Himmelreich gewinnen.“
Autor: Es handelt sich um eine Nachdichtung eines Textes aus dem Matthäus-Evangelium.
Sprecherin: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Matthäus 11,28-30)
Autor: Das ist ein unerhörtes Wort in den Zeiten der Reformationswirren, der Bilderstürme und der Bauernkriege. Sanftmut predigen, wenn Blut in Strömen vergossen wird, ist eine ungeheure Perspektive. Und es hat seine Gründe, wenn das Sanfte nur mit dem Mutigen zu denken ist. Denn aus Gewaltspiralen auszusteigen, bedarf es des allergrößten Mutes.
Musik 3: Orgel / Oboe (im Hintergrund)
Mahatma Gandhi, Mutter Teresa und Nelson Mandela sind Menschen mit diesem allergrößten Mut. Und der ehemalige israelische General Jitzhak Rabin hat seinen Mut mit dem Leben bezahlt, nachdem er dem PLO-Chef Jassir Arafat die Hand gereicht hat. Die Sanftmut sagt „Nein“ zur Eskalation; die Sanftmut schreibt die Drehbücher dieser Welt um; sie öffnet ein Fenster zur Versöhnung. Ohne Versöhnung regiert der Tod. Wir spüren die Spannung zwischen Karfreitag und Ostern, zwischen Sterben und Auferstehen.
Musik 3: Orgel / Oboe
Autor: Das Lied von Georg Grünwald klang in seiner Entstehungszeit kämpferisch. Heute, ein halbes Jahrtausend später, klingt die Melodie uns eher melancholisch in den Ohren. Ist das Lied also harmloser geworden? Mag sein, doch die Traurigkeit des Liedes gibt zu denken.
Musik 3: Orgel / Oboe
Autor: Ist der Sanftmütige immer der Dumme? Nein! Der Sanftmütige ist der Arme im Geiste, dem Jesus das Himmelreich versprochen hat.
Musik 3: Orgel / Oboe
Autor: „Kommt her zu mir“, spricht Gottes Sohn. Wie das? Es ist doch gefährlich, sich dem Göttlichen zu nähern. Davon spricht schon die Bibel. Dort wird erzählt, dass Gott schützend die Hand über Moses halten musste, als er in all seiner Herrlichkeit an ihm vorüberzog.
Musik 3: Orgel / Oboe
Autor: Der Sohn, Jesus Christus lädt uns ein. „Habt keine Angst“, ruft er uns zu. Wie damals der Engel des Nachts auf dem Feld den verschreckten Hirten zugerufen hat: „Fürchtet euch nicht!“ Das Nein zur Angst und zum Tod ist eine göttliche Widerstandshandlung gegen den Angstschrei der Welt!
Musik 3: Orgel / Oboe
Autor: Christus spricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken! Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Wochenende.
Musik 3: Orgel / Oboe
Musikinformationen: Musik 1: CD-Titel: Deutsche Volkslieder Vol. 8 Track-Nr. + Titel: Track 10 ; „Der Lindenschmid“ Text von Dichter: Volkslied Komponist: Volkslied Chor: Liederjan
Musik 2 Titel: „Kommt her zu mir spricht Gottes Sohn“ Text von Dichter: Georg Grünwald Komponist: Johann Sebastian Bach Chor: Essener Bach-Chor Leitung: Hans-Joachim Meyer-Pohrt
Musik 3 Titel: Fantasia sopra „Kommt her zu mir spricht Gottes Sohn“ (Choralbearbeitung für Oboe und Orgel) Text von Dichter: Georg Grünwald Komponist: Johann Ludwig Krebs Oboe: Hans-Peter Westermann Orgel: Wolfgang Karius
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