Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.06.12; Pfarrerin Viktoria Keil

Feuersäule

Sprecher: (Helmuth James Graf von Moltke) 11. Januar 1945 Ich habe ein wenig geweint, eben, nicht traurig, nicht wehmütig, nicht weil ich zurück möchte, nein,

sondern vor Dankbarkeit und Erschütterung über diese Dokumentation Gottes. Uns ist es nicht gegeben, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, aber wir müssen sehr erschüttert sein, wenn wir plötzlich erkennen, dass er ein ganzes Leben hindurch am Tage als Wolke und in der Nacht als Feuersäule vor uns hergezogen ist und dass er uns erlaubt, das plötzlich, in einem Augenblick, zu sehen. Nun kann nichts mehr geschehen. (S. 481)

Autorin: Das schreibt Helmuth James von Moltke an seine Frau Freya. An diesem 11. Januar 1945 endet die Gerichtsverhandlung, die ihn selbst und den katholischen Geistlichen Alfred Delp mit dem Todesurteil bestraft für konspirative Tätigkeit gegen das Hitlerregime.

Seit einem Jahr war Helmuth inhaftiert. Immer den Tod, die Hinrichtung in Berlin-Plötzensee vor Augen. Ihm selbst und seiner Frau war das zu jedem Zeitpunkt klar.
Das spiegeln die Briefe wieder, die sie einander schrieben. Beide nutzten die Zeit, um auf ihr gemeinsames Leben zurückzublicken und sich vorzubereiten auf das, was geschehen könnte.

Helmuth James von Moltke konnte sein Lebensumfeld nicht bestimmen. Ihm gelingt es, die Haftbedingungen zu ertragen, an denen er nichts ändern kann.
Seine innere Freiheit wird davon nicht angetastet, davon zeugen seine Briefe. Denn er weiß von der Gnade Gottes, die ihn nicht verlässt.

Das macht Moltke frei, sich auf verschiedenen Wegen in Absprache mit seiner Frau für ein Gnadengesuch einzusetzen – obwohl sein Todesurteil bereits am 11. Januar gefällt worden ist. Moltke vertraut auf Gott, der größer ist als alle Gewalt. Er erkennt ihn wie einen fernen  Orientierungspunkt am Horizont. So wie das Volk Israel, das in der Wüste umherirrte. Bis Gott sich den Umherirrenden tagsüber als Wolke, nachts als Feuersäule zu erkennen gibt und sein Volk ans Ziel bringt.

Moltke zeichnet in der Rückschau die Linie der Gnade in seinem Leben nach und erkennt daran, dass er sich nicht erarbeiten muss, worauf sein Lebensrecht beruht. Er ist nicht gezwungen, sich selbst immer wieder aufzubauen. Gott ist ihm nahe im Leben oder im Sterben.

Sprecher: (Helmuth James Graf von Moltke)
15. Januar 1945
Dass ich nun weiß, dass keine Anstrengung, keine Übung, eben kein ‚Werk’ mir die Ruhe und den Frieden geben kann, sondern allein [Gottes]1 Gnade, wird es mir hoffentlich ermöglichen, mich immer wieder ganz auf seine Gnade zu werfen.
Dabei will ich dir [, liebe Freya,] noch eines sagen: Vor dem Gang nach Plötzensee scheue ich mich nicht; die größte Gefahr ist der Zeitablauf bis zu einer Entscheidung. Mein Herz, Dich trage ich in mir, mit mir, bei mir, neben mir. (S. 503)

Helmuth James von Moltke weiß sich in der Hand Gottes. Obwohl er die Hinrichtung vor Augen hat. Die größte Versuchung für diesen Glauben – das spürt er – ist die Zeitspanne bis zur definitiven Entscheidung, ob er wirklich sterben muss. In dieser Gefahr ist ihm die Liebe zu seiner Frau, die er „mein Herz“ nennt, ein wichtiger Halt.
Die Liebe zu Gott und zu den Menschen – sie kann uns Halt geben – meint Ihre Pfarrerin Viktoria Keil aus Barntrup.

1 im Original ‚seine’ hier aus Hörersicht geändert zur Verständlichkeit
Alle Zitate aus: Helmuth James und Freya von Moltke: Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. September 1944-Januar 1945; Verlag C.H. Beck Herausgegeben von Helmuth Casper von Moltke und Ulrike von Moltke 2011

Audiobeitrag Feuersäule


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