Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.05.12; Peter Krogull

Wehender Geist und weite Wege

Autor: Pfingsten ist ein Reisefest. Ein Fest der weiten Wege.Viele Menschen nutzen die freien Tage und machen Ausflüge und Kurzurlaube.

Manch einer wird sich bei seiner Reise von einem Navigationssystem helfen lassen.

Ansage eines Navigationssystems: „Rechts abbiegen.“

Pfingsten ist auch das Fest des heiligen Geistes, den Gott über die Menschen kommen lässt. Der wehende Geist und die weiten Wege: Beides ist Pfingsten.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Peter Krogull und ich bin Pfarrer an der Evangelischen Salvatorkirche in Duisburg. In dieser Kirche wurde Gerhard Mercator begraben.

Er war Kartograph, Mathematiker und Theologe. In diesem Jahr feiert nicht nur die Stadt Duisburg seinen 500. Geburtstag. Der wehende Geist und die weiten Wege. Beide Aspekte weben das Leben und Werk Gerhard Mercators. 82 Jahre währte sein Leben. Ob er sich am Ende seines Lebens seiner großen Errungenschaften bewusst war? Die moderne Kartographie und unsere heutigen Navigationssysteme wären jedenfalls ohne Gerhard Mercators Forschungen nicht denkbar.

Seine wichtigste Entdeckung war die nach ihm benannte „Mercator-Projektion“. Mit Hilfe dieser Projektion konnte endlich die Kugelform der Erde mit der planen Ebene in Einklang gebracht werden. Land- und Seekarten konnten genauer gezeichnet werden. Seefahrer konnten ihre Routen präziser berechnen. Die weiten Wege nach Afrika und Asien wurden kürzer, dank Mercator.

Musik 

Ansage eines Navigationssystems: Start in Rupelmonde. Sie erreichen ihr Etappenziel Löwen in 18 Jahren.

Autor: Wir schreiben den 5. März 1512. Gerhard Mercators Lebensreise beginnt. Im kleinen Städtchen Rupelmonde bei Antwerpen kommt er als Gerhard Kremer zur Welt. Als sechstes Kind eines armen Schusters. Mit 13 Jahren ist Gerhards Kindheit vorüber. Sein Vater stirbt und Gerhard muss ins Armenhaus. Sein Glück ist, dass sein Onkel Gisbert das Armenhaus leitet; ein Priester, der sich für die Bildung des Knaben einsetzt. Gisbert finanziert auch die ersten Jahre Studienjahre Gerhards an der Universität Löwen. Philosophie, Mathematik und Theologie sind seine Fächer.

Aus einem Armenhauskind wird ein gebildeter junger Mann. Für Gerhard beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Das will er auch mit der lateinischen Fassung seines Namens zum Ausdruck bringen: Aus Gerhard Kremer wird in Löwen Gerardus Mercator.  
 
Musik

Autor: Gerhard Mercators Leidenschaft gilt Zeit seines Lebens der Kartographie, dem Fertigen von Landkarten und Globen. Im 16. Jahrhundert ist dies noch eine sehr mühselige Arbeit. Nicht nur das Zusammentragen und Vergleichen von neuen geografischen Erkenntnissen nimmt viel Zeit in Anspruch. Aufwändig ist vor allen Dingen das Zeichnen und Beschriften der Landkarten.

Ein Holzschnitt des heiligen Landes ist die erste Karte, die Mercator in akribischer Handarbeit anfertigt. In seine Palästina-Karte zeichnet Mercator neben aktuellen geografischen Erkenntnissen auch biblische Einsichten ein. So kann der Betrachter zum Beispiel die Route des Volkes Israels aus Ägypten nachvollziehen. Den Einzug in das gelobte Land spart Mercator allerdings aus. Ausgerechnet seinen Bestimmungsort erreicht das Volk Israel auf dieser Karte nicht. Der Holzschnitt zeigt noch einen weiteren Aspekt, der den Betrachter verwundert: Warum zeichnet Mercator am Fuße des Gottesberges eine mysteriöse Gestalt ein, die mit dem Finger Richtung Israel zeigt? Manche meinen, dass dies Mose sein soll, dem in der Bibel der Einzug ins gelobte Land verwehrt bleibt. Andere wiederum glauben, dass Mercator sich in diese Gestalt selbst eingezeichnet habe: Der Wissenschaftler, der seinem Ziel nach jagt, es aber nie ganz erreicht. Im Laufe seines langen Lebens sollte Gerhard Mercator diese Erfahrung noch des Öfteren machen.

Musik

Ansage eines Navigationssystems: „Nächste Station: Das Burggefängnis von Rupelmonde“

Autor: Seine eigene Bestimmung sieht Gerhard Mercator nicht nur in der Kartographie. Er versteht sich als Universalgelehrter, der Wissenschaft und Glaube miteinander zu verbinden suchte. Umso tragischer empfindet Mercator, dass ausgerechnet er mit den kirchlichen Autoritäten aneinander gerät. Man bezichtigt ihn der „Lutherey“. Anti-Katholische Briefe soll er verfasst und verbreitet haben. Gerhard ist sich keiner Schuld bewusst. Der bloße Verdacht jedoch reicht zur Inhaftierung. Mercator wird in das riesige Burggefängnis von Rupelmonde mit seinen verfallenen Türmen gesteckt. Über ein halbes Jahr bleibt er in einer dunklen und feuchten Einzelzelle weggesperrt.
Aus Mangel an belastenden Beweisen wird er letztendlich frei gelassen. Im Anschluss an seine Haft muss Gerhard Mercator seine Forschungen vor der Universität Löwen rechtfertigen:

Sprecher: „Die Aula der Universität war gut gefüllt. Nicht nur mit Studenten und Dozenten, wie Gerhard bemerkte. Was ihm nicht so behagte, war, dass auch einige Geistliche hinter auf den Holzbänken Platz genommen hatten. Seit Gerhard im Kerker gesessen hatte, war er außerordentlich misstrauisch geworden. So hörte er nur mit einem Ohr auf die Ansprache von Pieter Was, dem Abt von Sint-Gertrudis und Hüter der Universitätsprivilegien: „Immer wieder kommt es zu Differenzen zwischen dem Magnetkompasskurs und der tatsächlichen Route. Diese Differenz wird vor allem dadurch verursacht, dass die wahrgenommene Position des magnetischen Nordpols, irgendwo am Himmel, je nachdem, wo auf der Erde man sich gerade befindet, Abweichungen aufweist. Diese Abweichungen…“ Verzeiht, Herr Abt“, unterbrach ihn Gerhard, „ich möchte Euch nicht zurechtweisen, doch meiner Überzeugung nach befindet sich der magnetische Nordpol keineswegs irgendwo am Himmel, wie Ihr es ausdrückt.“ Die Zuhörer sahen Gerhard irritiert an, und ein Raunen ging durch die Aula. „Eurer Überzeugung nach, Meister Mercator?“ Gerhard fing die warnenden Blicke auf.  „Ich befasse mich schon seit Jahren mit Untersuchungen zu den Kompassablenkungen. Allmählich habe ich genügend mathematisches Beweismaterial dafür, dass sich der magnetische Nordpol in der Nähe des geographischen Nordpols befinden muss. Nicht irgendwo am Himmel wandernd, sondern fest und unbeweglich hier auf der Erde.“ Der Abt wendete sich an Mercator: „Wenn sich der magnetische Nordpol auf der Erde befinden sollte, wie Ihr so vermessen behauptet, wie soll dieser Ort dann Eurer Meinung nach aussehen, Meister Mercator?“ „Tja, wie sollte dieser Ort Eurer Meinung nach aussehen, wenn er sich im Himmel befände?“ entgegnete Gerhard. Einige Zuhörer lachten, und das gab ihm den Mut, noch einmal nachzulegen: „Wenn es dem Herrn gefallen hätte, am Himmel eine Navigationshilfe für Seeleute anzubringen, dann hätte er sie doch gewiss stabiler und verlässlicher gemacht, dünkt mich. Womit ich natürlich nichts Schlechtes über Gottes Werke gesagt haben will. Ich möchte lediglich die These aufstellen, dass es sich hier einfach nicht um ein Werk Gottes handelt, so simpel ist das.“ (Zitat 1)

Musik

Autor: Mercators genialer Geistesblitz, den himmlischen Nordpol zu erden, widerspricht der kirchlichen Lehre seiner Zeit. Gerhard weiß, dass er im katholischen Löwen keine kontroverse Schrift mehr veröffentlichen darf. Aus Angst vor der Inquisition sucht Mercator nach einer neuen Heimat für sich und seine Familie.

Ansage eines Navigationssystems: „Duisburg, Oberstrasse. Sie haben ihren Bestimmungsort erreicht.
Autor: Duisburg ist zur  Mitte des 16. Jahrhunderts bekannt für religiöse Toleranz und freiheitliche Bildung. „Es ist ein Ort, an dem man in Ruhe und Frieden ein gutes Leben führen kann, ein Ort der Musen würdig.“ So beschreibt ein Freund Mercators Duisburg in einem Brief. Die Stadt an Rhein und Ruhr wird Mercator zu seiner neuen Heimat. 42 Jahre lang lebt und arbeitet Mercator in Duisburg. Zahlreiche weitere Karten zeichnete Gerhard Mercator bis zu seinem Lebensende am 2. Dezember 1594. Zu den Werken seiner Duisburger Zeit zählt seine berühmte Weltkarte, die unter dem Titel „ad usum navigatum“ zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel in der Seefahrt wird.
Sein ehrgeizigstes Lebensziel erreicht Mercator jedoch nicht. Er möchte einen umfassenden Atlas der Schöpfung Gottes erstellen. Das Alter und seine Beschwernisse durchkreuzen diesen Plan. Vollenden kann Mercator lediglich den ersten Teil seiner umfassenden Kosmografie. Darin begründet er den Sinn und Zweck seines Lebens:

Sprecher 2: „Denn dies ist unser Ziel, während wir uns der Kosmografie widmen: dass aus der wunderbaren Harmonie aller Dinge die Weisheit Gottes als unendlich erkennbar werde und seine Güte als unerschöpflich.“ (Zitat 2)

Musik 

Ansage eines Navigationssystems: Letzte Station: Duisburg, Salvatorkirche.

Autor: In der Südkapelle der Salvatorkirche hängt eine historische Gedenktafel zu Ehren Gerhard Mercators. Das Epitaph zeigt den Wissenschaftler mit einem Globus in seinen Händen. Auf die herrschende, klerikale Weltsicht seiner Zeit wirkten die Erkenntnisse Mercators unheimlich. Manche sahen in seinen Forschungen Blasphemie. Darf man Gottes Schöpfung so beherrschen und kennen wollen, wie Mercator es tat? Die Schöpfungsgeschichte der Bibel und das Pfingstfest beantworten diese Frage auf ihre eigene Weise. Sie zeichnen Glaube und Wissenschaft nicht als unversöhnliche Gegensätze. Die Schöpfungsgeschichte will die Entstehung der Welt nicht naturwissenschaftlich beschreiben. Ihre sieben Schöpfungstage lassen den Leser wissen, dass Gott diese Welt in seinen Händen hält. Diese Welt hat einen guten Grund: Gottes schöpferischen Geist, den wir an diesem Pfingst-Wochenende feiern. „Und siehe, es war sehr gut.“ endet jeder Tagesbericht. Auch der Bericht des sechsten Tages. Er erinnert den Menschen an seine Koordinaten in Gottes Welt. Diese Koordinationen lauten: bebaue diese Welt und bewahre sie.

Bebauen und Bewahren. Die Gedenktafel in der Salvatorkirche zeigt Mercator, wie er mit seiner rechten Hand schützend einen Globus hält, während er mit der linken Hand kundig einen Zirkel fasst. Die Erde bebauen und bewahren. Mercator waren diese Koordinaten nicht fremd. Sie waren seine Bestimmung. Gelebt und gestaltet hat er sie mit der Freiheit, die Gott ihm geschenkt hat. Diese Freiheit schenkt Gott auch uns. Wir bewahren sie da, wo wir die Schöpfungsgeschichte nicht in einem wortwörtlichen Sinne verstehen. Wir leben diese Freiheit, wenn wir Gottes schöpferischen Geist in unserem Leben wehen lassen. Möge sein Geist uns an unser Ziel treiben. Dann heißt es einmal und für immer:

Ansage eines Navigationssystems: „Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht.“

Ein gesegnetes Pfingstfest und allzeit gute Fahrt wünscht Ihnen Peter Krogull von der Evangelischen Kirche in Duisburg.
Zitate
1) John Vermeulen, Zwischen Gott und der See, Roman, Diogenes Tachenbuch, Zürich 2005, S. 397-401 (In Auszügen)
2) Nicholas Crane, Der Weltbeschreiber, Droemer Verlag, München 2005, S. 199.

 


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