Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.05.12; Pfarrer Eko Alberts

Reisen - warum?

Liebe Hörerin, lieber Hörer, dann und wann reise ich gerne, aber im Vergleich zu meinem Nachbarn klebe ich zuhause fest.

Das hindert uns allerdings nicht, uns immer mal wieder über unsere Reisen zu unterhalten. Mehr über seine als über meine. Macht mir trotzdem Spaß. So bin ich schon gespannt, was er mir demnächst wieder erzählen wird. Denn natürlich ist er wieder unterwegs: ein paar Tage oder mehr im Mai, das muss für ihn schon sein. Ich dagegen verbringe meine Freizeit in diesem Monat gerne mit Gartenarbeit. Da ist man erstens an der frischen Luft und kann in der Erde wühlen, und zweitens muss man dabei gar nicht viel planen und trotzdem gehen die Gedanken immer wieder auf Reisen.

Wenn man sie loslässt, gehen sie einfach spazieren. Nein, sie bleiben dann nicht im Garten. Sie gehen in die Welt hinaus, zu Leuten, die man kennt; zu Orten, die man schon mal gesehen hat; zu Dingen, die man immer noch mal tun wollte. Und manchmal nehmen sie Gespräche wieder auf, die man geführt hat. Oder die noch nicht richtig zu Ende gebracht wurden. So ging es mir kürzlich. Ich hatte mich mit meinem Nachbarn unterhalten. Nicht über seine konkreten Reispläne. Mehr so über das Reisen überhaupt. Nicht, wie man das macht, ob mit Auto oder Bahn, privat für sich oder pauschal mit der Gruppe. Nein, es ging eher um das Warum.  Warum reisen wir eigentlich so gerne, was steckt dahinter? Klar, das können wir nicht  für all die Deutschen sagen, die ja Reiseweltmeister sein sollen. Aber warum machen wir selber das, mein Nachbar und ich? Einerseits: Aus Fernweh, Fremdes erleben wollen, etwas entdecken, das wollen wir beide. Und zugleich: Das Wieder-nach-hause-kommen tut so gut. Wieder ankommen und sagen können: Hier ist es doch auch schön.

Beides steckt uns im Blut: die Sehnsucht, die uns wegtreibt und die Suche nach Heimat; der Wunsch, die Welt neu zu erleben und der, irgendwo zuhause zu sein. So wanderten meine Gedanken als ich grad dabei war, meinen Rasen zu mähen. Und wie ein kleiner Blitz von irgendwoher, kam mir ein Satz in den Sinn.  Ich glaub, er steht im Johannesevangelium. Jesus sagt: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Joh 12,32)

Wenn ich das mal so sagen darf: Der Jesus konnte ja auch nicht nur an einem Ort bleiben. Zumindest war er nicht festgewachsen auf  dieser Erde. Er wird erhöht, sagt er. Er kehrt zu seinem Ursprung zurück. Und dann will er einen starken Zug ausüben. So sagt er seinen Jüngern: Ich will alle zu mir ziehen. Da frag ich mich doch, ob unsere Sehnsucht, die Reisesehnsucht, auch mit diesem Ziehen zu tun haben kann.

Ist da in uns vielleicht eine Sehnsucht, die mehr als Abenteuerlust und Neugier ist? Wir alle auf der Suche. Weil wir hier wohl nicht ganz zuhause sind. Ein Leben lang ist der Mensch auf Heimatsuche. Weil es da einen ganz starken Zug gibt. Ich glaube, ich habe jetzt ein wenig mehr vom Reisen verstanden. Muss ich mit meinem Nachbarn noch mal drüber reden, wenn er wieder da ist.

Inzwischen wünsche ich Ihnen zuhause oder unterwegs: Bleiben Sie gut behütet! Ihr Pfarrer Eko Alberts aus Bonn.

Audiobeitrag Reisen - warum?


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