| |
Jesus Christus herrscht als König (eg 123)
I.: Musik: Bläservorspiel - Sprecher: Jesus Christus thront über allen Machthabern, Gebietern, Gewaltigen, Majestäten, und über allen Mächten,
die man bei ihrem Namen anrufen kann, jetzt und in der kommenden Welt. Und Gott hat ihm alles zu Füßen gelegt und ihm alles unterworfen und hat ihn zum Haupt der Kirche gemacht. i
Autor: So der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus. Jahrhunderte später dienten dem schwäbischen Pfarrer Philipp Friedrich Hiller diese Briefzeilen als Vorlage für den Choral „Jesus Christus herrscht als König“.
II.: Choral: Jesus Christus herrscht als König, alles ist ihm untertänig , alles legt ihm Gott zu Fuß. Aller Zunge soll bekennen, Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.
Autor: Im Sommer 1755 hat Hiller das Lied geschrieben. Er gibt ihm den Titel „Lied von dem großen Erlöser“ und mit den 26 Strophen dieses Liedes beschließt er sein theologisches Hauptwerk „Die Reihe der Vorbilder Jesu Christi im Alten Testament“ ii In diesem Buch geht Hiller seiner Erfahrung nach, dass jede Seite der Bibel, also auch jede Seite im Alten Testament eigentlich von Jesus Christus erzählt.
Und genauso ist es in seinem Lied vom großen Erlöser: jede Strophe dieses Liedes ist gespickt mit Anspielungen aus dem Alten und Neuen Testament – und jede Andeutung, jedes Zitat weist auf Jesus Christus hin. 11 Strophen des ursprünglichen Liedes sind im Evangelischen Gesangbuch zu finden. So nimmt die dritte Strophe aus dem Gesangbuch das ursprünglich israelitische Bekenntnis auf: Höre Israel, Er unser Gott, Er Einer! iii und Hiller verbindet dieses Bekenntnis mit dem neutestamentlichen Jubel: Jesus Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes! Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens.
III.: Choral: Gott ist Herr, der Herr ist einer und demselben gleichet keiner, nur der Sohn, der ist ihm gleich; dessen Stuhl ist unumstößlich, dessen Leben unauflöslich, dessen Reich ein ewig Reich.
Autor: Es war ein langer Weg bis Philipp Friedrich Hiller dies so sagen konnte. Sein Weg war gepflastert mit Zumutungen, Schicksalsschlägen: als er 2 Jahre alt ist stirbt sein Vater, zweimal muss er vor der französischen Armee fliehen, von seinen 11 Kindern sterben vier in frühem Alter und als er nach langem Warten schließlich eine eigene Pfarrstelle hat, die es ihm erlaubt seine Familie zu ernähren, da verliert er nach einer unheilbaren Halsentzündung seine Stimme, er kann nur noch flüstern. Er schreibt einen Brief an seinen väterlichen Freund und Lehrer, den großen schwäbischen Bibeltheologen Albrecht Bengel:
Sprecher: Ich bin eine Zeit her in so schwereren Anfechtungen, dass sie mir bisweilen übermächtig zu sein scheinen. Ich bete, ich weine, ich schütte mein Herz aus, ich flehe um Wiedererlangung meiner Stimme. Ich glaube unter dem Gebet und bin ruhig unter dem Gebet. Aber unversehens kehrt die Bangigkeit wieder zurück und die Sorgen brechen wieder hervor. Ich hange zwischen Furcht und Hoffnung. vi
Autor: Und genau von dieser Lebensstufe aus, von ganz unten dichtet Philipp Hiller die letzte Strophe seines Liedes.
IV Musik:
Sprecher: Ich auch auf der tiefsten Stufen, ich will glauben, reden, rufen, ob ich schon noch Pilgrim bin: Jesus Christus herrscht als König, alles sei ihm untertänig, ehret, liebet, lobet ihn.
Autor: Wer das glauben kann, der kann sich selbst, die eigene Situation und andere Mächte und Gewalten mit einem heilsamen, vielleicht sogar humorvollen Abstand betrachten. Darüber, was andere zu seiner Theologie und seinen Liedern sagen spöttelt Philipp Hiller im Anhang zu seinem 800 Seiten umfassenden theologischen Hauptwerk: Sprecher: Man wusste, dass an mir nichts sonderliches sei, dass alle meine Umstände mir nie vergönnt, unter die Zahl der Gelehrten und Belesenen zu kommen. Das wenige, was man von mir hatte, waren geistliche Gedichte. Man traute mir also noch eher etwas Poetisches als etwas Gründliches zu. ... Sonderlich dann, wenn das Vorurteil dazukommt, dass ein Schwabe und überdies ein Dorfpfarrer nichts Brauchbares und Nützliches leiten könne. vii
Autor: Aber nicht nur sich selbst gegenüber kann dieser fromme Mann eine feine Ironie pflegen. Philipp Hiller findet auch gegenüber den Fürsten und Königen seiner Zeit deutliche Worte. Die sind mit ihren Untertanen schonungslos umgegangen, haben die Söhne des Landes als Söldner wie Vieh verkauft. Die Gemeinde, eine kleine Herde, ein Herdlein nur, hat von diesen hohen Herren nicht viel zu erwarten. Die alten Pietisten waren eben keine nur frommen, vielleicht etwas duckmäuserischen Untertanen gewesen. Denn duckmäuserisch hört es sich nicht an, wenn Hiller auf „Monarchen“ „schnarchen“ reimt – so in einer Strophe, die es aber nicht in unser Gesangbuch geschafft hat.
V.: Musik:
Sprecher: Trachten irdische Monarchen, dieses Herdlein anzuschnarchen, o mein Hirte lacht dazu; er lässt diese kleinen Großen sich die Köpfe blutig stoßen und den Schafen gibt er Ruh.
Autor: Woher hat der Pfarrer und Liederdichter diese Unabhängigkeit, diesen Freimut, die Gewissheit, dass die kleine Herde bei ihrem guten Hirten Ruhe findet? Er hat diese Unabhängigkeit, weil er sich nicht um sich selbst dreht. Philipp Hiller hat sein Lebenszentrum nicht in sich und seinen Erfahrungen. Sein Lebenszentrum heißt Jesus Christus. Und sein Glaube ist der Kontakt zu diesem Lebenszentrum, zu dieser Kraftquelle. Und er reklamiert diesen Glauben nicht für sich allein, er weiß, Jesus Christus ist genauso das Zentrum und die Kraftquelle für die christliche Gemeinde. So besingt er ihn, Jesus Christus, den eigentlichen Hirten und Herrscher in der Mitte seines Liedes.
VI.: Musik: Kammerchor. a.a.O.
(Sprecher: Nur in ihm o Wundergaben können wir Erlösung haben, die Erlösung durch sein Blut. Hört’s, das Leben ist erschienen und ein ewiges Versühnen kommt in Jesus uns zugut.
Jesus Christus ist der eine, der gegründet die Gemeinde, die ihn ehrt als teures Haupt. Er hat sie mit Blut erkaufet, sie mit seinem Geist getaufet und sie lebet, weil sie glaubt.)
Autor: Philipp Hiller besingt also eine ganz eigene Form der Herrschaft, keine Herrschaft vor der die Menschen sich ängstigen müssten, weil sie sie aussaugt, klein macht. Die Herrschaft Jesu umfasst sehr wohl die kleinen Leute, die sich selbst manchmal klein vorkommen. Doch er macht sie zu etwas ganz Besonderem – zu einem Lobgesang:
Sprecher: Jesus Christus herrscht als König alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. Aller Zunge soll bekennen, Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.
VII.: Musik:
i Epheserbrief 1, 21f nach der Übersetzung von Klaus Berger, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, S. 215 ii vgl. Hermann Ühlein, Jesus Christus herrscht als König, S. 90 und Irmgard Weth, Jesus Christus herrscht, S. 49 iii 5. Mose 6, 4 nach der Übersetzung von Martin Buber, Die fünf Bücher der Weisung iv Kolosserbrief 1,15 nach der Übersetzung von Martin Luther, 1984 v Hebräerbrief 1, 3 vi I. Weth, a.a.O. S. 48 vii ebd., S. 49
verwendete Literatur: Art.: Hiller, Phillip Friedrich, aus: Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 2, Sp. 864-867
Nr 96. Jesus Christus herrscht als König, aus: Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch (HEKG), Liederkunde Bd. 1, S. 374-376
Irmgard Weth, Jesus Christus herrscht als König – Phillip Friedrich Hiller und seine Botschaft, aus: Schritte – Magazin für Christen, Neukirchen, Mai/Juni 1999, S. 47-53
Hermann Ühlein, EG 123 – Jesus Christus herrscht als König, aus: Liederkunde zum EG, Heft 3, S. 90-95, Göttingen 2001
Musikinformationen Musiktitel I.; II.; VII: Büro-Archiv 143 CD-Name: Mit Herzen Mund und Händen – Lieder aus dem Ev. Gesangbuch Komponist: Johann Löhner 1691, bei Johann Adam Hiller 1793 Textdichter: Philipp Friedrich Hiller
Musiktitel III.; VI.; Musiktitel: Jesus Christus herrscht als König Komponist: Hiller, Johann Adam ( 1728-1804) Bearbeiter: Löhner, Johann Dichter: Hiller, Phillip Friedrich Chor: Kammerchor des Aachener Bachvereins Dirigent: Karius, Wolfgang
Musiktitel IV.: CD-Name: Lieder der Stille – Gitarren Choräle Western-Gitarre und Dobro: Daffy Konzert-Gitarre und Dulcimer: Thomas Knodel Western- und Jazz-Gitarre: Martin Lampeitl Western- und Konzert-Gitarre: Helmut Krüger
Musiktitel V.: CD-Name: Klingendes Gesangbuch – Von Anfang bis Ende Komponist: Johann Löhner Textdichter: Philipp Friedrich Hiller
|