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Das sollt ihr Jesu Jünger nie vergessen (eg 221)
Musik 1: Harmonium - Autor: Liebe Hörerin, lieber Hörer – es ist über fünfundzwanzig Jahre her, aber das traurig lächelnde Gesicht des Professors werde ich nie vergessen.
Er hatte seine Dogmatik-Vorlesung unterbrochen und uns jungen Leuten von einem Konflikt in einer Kirchengemeinde erzählt. Ein tiefer Riss war entstanden und der hilflose Pastor hatte den Professor als Moderator zu einer Gemeindeversammlung eingeladen. Und da hatte unser Lehrer in die eisige Stimmung hinein einen Vorschlag gemacht: „Jetzt legen alle Seiten möglichst klar auf den Tisch, was sie belastet. Und dann feiern wir das Heilige Abendmahl miteinander. Und dann sehen wir mal, was uns einfällt.“ - Doch da habe ein Mann vom Kirchenvorstand ihn sofort nur entgeistert gefragt: „Ja erwarten Sie denn wirklich, dass das Abendmahl die Menschen verändert?“
Musik 2: Gesang: Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen:/ wir sind - die wir von einem Brote essen,/ aus einem Kelche trinken - Jesu Glieder,/ Schwestern und Brüder. Sprecherin: Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen:/ wir sind - die wir von einem Brote essen,/ aus einem Kelche trinken - Jesu Glieder,/ Schwestern und Brüder.
Autor: Wie viel wird hier vom Abendmahl erwartet! Es macht uns als Glieder vom Leib Jesu untereinander zu Geschwistern. Das vergisst sich leicht - gerade wenn es schwierig wird. Unter der ersten Strophe dieses oft gesungenen Lieds ist im Gesangbuch klein eine Bibelstelle aus dem 1. Korintherbrief angegeben. Und in der Tat ist diese Strophe nichts anderes als ein gereimtes Echo heftiger Sätze vom Apostel Paulus:
Sprecher: Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn EIN Brot ist's: So sind wir viele EIN Leib, weil wir alle an EINEM Brot teilhaben... Denn wie der (menschliche) Leib EINER ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch EIN Leib sind: so auch Christus. 0.23
Autor: Diese Worte sind an eine ebenfalls tief zerstrittene Gemeinde gerichtet. Paulus hatte sie um das Jahr 50 herum in der griechischen Hafenstadt Korinth gegründet. Er zog weiter – und bald darauf sprachen sich Heidenchristen und Judenchristen gegenseitig den wahren Glauben ab, war das Verhältnis zwischen reichen und armen Gemeindegliedern ziemlich angespannt geworden. Und offenbar feierte man völlig erwartungs- und folgenlos das heilige Abendmahl miteinander, - ja eigentlich gar nicht mehr miteinander, sondern nebeneinanderher. Mit seinem Brief will Paulus den Korinthern in Erinnerung rufen: Jesus macht euch in dieser Feier zu einem, zu seinem Leib. Deswegen ist es Hohn, wenn sich die Glieder dieses einen Leibes gegenseitig verachten. Und wenn beim Abendmahl ein pappsatter Reicher neben einem Arbeiter mit Magenknurren sitzt, dann ist das nicht Ordnung. Es hat für Paulus nämlich Folgen, wenn die Gemeindeglieder als ein Leib beieinander sind:
Musik 2: Gesang: Wenn wir in Frieden beieinander wohnten,/ Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten,/ dann würden wir den letzten heilgen Willen/ des Herrn erfüllen.
Sprecherin: Wenn wir in Frieden beieinander wohnten,/ Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten,/ dann würden wir den letzten heilgen Willen/ des Herrn erfüllen.
Autor: Gebeugt und schwach zu sein - der Dichter dieser Verse hat als junger Mensch gewusst, wie sich das anfühlt. Johann Andreas Cramer, ein Mann des 18. Jahrhunderts, musste bettelarm sich durch das Studium hungern. Aber dann wird aus dem anfänglichen Landpastor rasch der Hofprediger zu Kopenhagen, am Ende schließlich der 1. Professor der Theologie und Kanzler der Universität Kiel. Eine universalgelehrte Berühmtheit der Aufklärung. Berühmt jedenfalls damals. Waren in jedem Gesangbuch zu Cramers Zeiten mindestens 50 Lieder aus seiner Feder enthalten, so ist es heute nur noch dies eine, das ursprünglich einmal aus elf Strophen bestand. Drei sind übrig geblieben. Wobei die zweite auch noch stark verändert wurde. Hier das Original und eine weitere, leider gestrichene Strophe:
Musik 3: Gitarrenduo
Sprecherin: Wenn wir, wie Brüder, beieinander wohnten,/ Und, irrt ein Bruder, seiner Schwäche schonten,/ Wie würden wir dir ähnlich schon auf Erden,/ Wie selig werden! Wie darf denn die, die Einen Herrn bekennen,/ Der Streit, wer mehr Erkenntnis habe, trennen?/ Und Herzen, die sich Eines Heilands freuen,/ Zum Hass entzweien?
Autor: Bei Cramer wird also der Irrende als schwach angesehen - und im Streit halten wir uns gegenseitig für Schwächlinge und uns selbst für Starke. Und dann wird meist gerade nicht geschont - und schon sitzen wir fest.
Und da meinen nun mein damaliger Professor und Herr Professor Cramer - zusammen mit dem Apostel Paulus: eine Abendmahlsfeier könnte aus der Sackgasse zu neuer Gemeinschaft führen! Ein Traum? Es geschieht. Wie es eine Generation vor Cramer geschah. Ein Graf namens Zinzendorf hatte es heimatlos gewordenen Christen erlaubt, auf seinem Gut anzusiedeln. Sie waren wegen ihrer Glaubensfärbung von anderen Christen vertrieben worden. Immer mehr Flüchtlinge kamen aus allen Richtungen, die Siedlung bekam den Namen Herrnhut - doch Gottes Behütung wurde vergessen im Streit der verschieden gefärbten Siedler. Der Graf führte viele Gespräche, die Probleme kamen klar auf den Tisch. Und dann lud Zinzendorf alle ein zur Abendmahlsfeier in die Kirche. Er erinnert sich später an das Wundersame, das damals am 13. August 1727 geschah:
Musik 1: Harmonium
Sprecher: "Es beteten etliche Brüder mit Gotteskraft, trugen dem Herrn die gemeinschaftliche Not und sonderlich dieses vor, dass man sich umsähe und keinen Rat fände, ohne Sektiererei oder Trennung durchzukommen und dass doch beides die rechte Art nicht sei. Wir baten Gott also kindlich, er solle uns die rechte Natur seiner Kirche lehren und uns so leben lassen und wandeln... Dann wurde das Mahl des Herrn mit gebeugten und erhöhten Herzen gehalten und wir gingen ziemlich außer uns wieder heim...und wir lernten lieben."
Autor: Bis heute feiern die in der Welt verstreuten Herrnhuter den 13. August als Gedenktag. Das Lernen der Liebe geht weiter, meist gewiss nicht so euphorisch, sondern leiser, alltäglicher, manchmal mühsam. Aber doch eben möglich, weil Menschen sich als geliebte Wesen empfinden können, z. B. im Abendmahl als von Gott geliebt empfinden können.
Musik 2: Gesang Ach dazu müsse deine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen,/ dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.
Sprecherin: Ach dazu müsse deine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen,/ dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.
Autor: Liebe Hörerin, lieber Hörer: morgen ist der zweite Sonntag nach Ostern. In der Tradition unseres Kirchenjahrs wird er „der Sonntag vom guten Hirten“ genannt. Und wir können uns als Herde seiner Schafe wahrnehmen. In der Bibel sind Schafe eins bestimmt nicht: dumm. Überaus weise Tiere sind wir, weil wir die Stimme des Hirten vernehmen können. Weil wir zu ihm kommen können mit unserer Schwäche und unsrer Not, sogar mit unseren festgefahrenen Streitereien. Und dann will er dran sein mit seiner Liebe. Und er ruft und antwortet: mit einer Abendmahlsfeier vielleicht, oder indem er einen Engel schickt (wohl zumeist einen ohne Flügel), oder indem er eine gute Idee sendet. Oder indem er einfach zum Gottesdienst ruft am Sonntag vom guten Hirten. Vielleicht durch ein Lied mit guten Worten und einer schönen, ernsten und zarten Melodie...
Musik 3: Gitarrenduo
Verwandte Musik: Musik 1 CD-Name: L´Harmonium Francais Track: 16 (Prière et Berceuse Op. 27) Komponist: Alexandre Guilmant Interpret: Joris Verdin
Musik 2 CD-Titel: „Das sollt ihr Jesu Jünger nie vergessen - Sologesang“ (private CD, private Aufnahme) Text von Dichter: Johann Andreas Cramer Komponist: Johann Crüger Gesang: Tjark Baumann (unbegleitet)
Musik 3 CD-Name: Lieder der Stille – Gitarren Choräle Track: 13 Western-Gitarre und Dobro: Daffy Konzert-Gitarre und Dulcimer: Thomas Knodel Western- und Jazz-Gitarre: Martin Lampeitl Western- und Konzert-Gitarre: Helmut Krüger
Literatur: Wollstadt, Hanns-Joachim: Geordnetes Dienen in der christlichen Gemeinde, dargestellt an den Lebensformen der Herrnhuter Brüdergemeine in ihren Anfängen. Göttingen 1966
Koch, Ewald Emil: Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche. Erster Hauptteil: Die Dichter und Sänger. Sechster Band. Dritte umgearbeitet, durchaus vermehrte Auflage. Stuttgart 1869
Allgemeines Gesangbuch auf Königlichen allergnädigsten Befehl zum öffentlichen und häuslichen Gebrauche in den Gemeinen des Herzogthums Schleswig, des Herzogthums Hollstein, der Herrschaft Pinneberg, der Stadt Altona und der Grafschaf Ranzau, Altona 1780
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