Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.04.12; Pfarrer Armin Kopper

Die Kraft der Erneuerung

Die Gnade Gottes und die Liebe Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer, kennen Sie das? Schulden! Schulden, die hat man in manchen Fällen schneller als einem lieb ist, denn Schuldenmachen ist hierzulande kinderleicht! Wollen Sie etwas kaufen, haben dafür aber kein Geld? Kein Problem! Es gibt bestimmt auch für Sie eine maßgeschneiderte Finanzierung! Was für den Handel zählt, ist Umsatz. Und der muss stimmen! Selbst wenn er auf Pump geschieht!

Die Werbung tut in diesem Fall ein Übriges. Unaufhörlich will sie in uns ein Kaufbedürfnis wecken! Bei mir quoll der Briefkasten vor den Feier-tagen von Werbung wieder über! Und ich vermute mal, Ihnen ging es ähnlich.

Im Grunde kaufen wir ja aber nicht nur deshalb ein, weil es Werbung gibt! Von Zeit zu Zeit ist es einfach auch mal angesagt, sich was Neues anzuschaffen. Kein Auto, das wir fahren, wurde für die Ewigkeit gemacht und auch die Polstermöbel sind mit den Jahren einfach mal durchgelegen.

Bei solch größeren und langfristigen Finanzierungen ist Schuldenmachen dann mitunter gar nicht mal so verkehrt! Und beim Eigenheim kann sich Schuldenmachen sogar richtig lohnen, wenn man damit für das eigene Alter vorsorgt oder den Kindern später für den Fall der Fälle etwas hinterlassen will.

Doch was passiert, wenn Schulden plötzlich nicht mehr abzutragen sind? Wenn einer der Lebenspartner seinen Arbeitsplatz verliert? Wenn er krank wird oder man sich trennt? Schulden können dann mit einem Schlag ganz schön bedrohlich werden. Den Schlaf können sie einem rauben. Angst können sie einem machen - und krank.

Wie wäre es da wohl, wenn in einer derart verfahrenen Situation jemand zu ihnen käme und sagte: Mach dir keine Sorgen! Fühl dich frei! Ich übernehme deine Schulden! Was für eine Zusage! Unglaublich, welche Möglichkeiten man dann plötzlich wieder hätte! Und was für Zukunftsperspektiven!

Wie neu geboren könnte man sich fühlen! Ein ganz neues Leben könnte beginnen! Ganz neu anfangen könnte man danach!

Musik  

Es gab Wochen in diesem Jahr, da war in den Nachrichten das Thema Schulden top! Um Griechenland ging es dabei meistens, aber auch um andere Länder, die kurz vor dem Staatsbankrott standen. Kaum vorzustellen, welche Folgen eine solche Staatspleite für ungezählte Menschen mit sich bringen würde.

Wissen Sie, welche Frage mich bei dem Ganzen am meisten beschäftigt hat? Wenn es auf der einen Seite derart hohe Schulden gibt, dann müsste es doch auf der anderen Seite auch entsprechend hohes Vermögen geben! Dann müsste es, wenn die auf der einen Seite derart hohe Schulden haben, auf der anderen Seite solche geben, die durch die Schulden dieser Menschen unvorstellbar große Gewinne machen.

Erschreckend finde ich das! Und am liebsten will ich mir auch gar nicht weiter ausmalen, wo vielleicht auch ich zu dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit meinen, wenn auch nur bescheidenen Teil, beitrage.

Nur, wie komme ich denn raus? Gibt es überhaupt eine Chance, sich als einzelner aus diesem fatalen System auszukoppeln?

Einfach wird das sicher nicht! Doch bin ich davon überzeugt: Ich kann was tun. Aus in die Irre laufenden Systemen kann man sich befreien! Doch dazu braucht es Mut, Durchhaltevermögen und eine starke Überzeugung.

In der Geschichte unserer Kirche gibt es Mut machende Beispiele, wie sich Fehlentwicklungen korrigieren lassen.

Um das Jahr 1500 z. B., da kamen gescheite Leute aus Politik und Kirche auf die findige Idee, Ablassbriefe zu verkaufen. Doch wer sollte sie kaufen und wozu?

Um sich erst mal einen breiten Käufermarkt zu erschließen, schickten die Herren Prediger durchs Land. Die erzählten dann dem Volk von den immensen Schulden, welche die Leute bei Gott hätten. Von Erbschuld sprach man und von allerlei anderen üblen Taten.

Selbst für bereits Verstorbene könne man durch den Kauf von Ablass-briefen deren Schulden bei Gott tilgen, damit sie nicht weiter in der Hölle schmorten. Welch irrwitziges Denken! Doch die Menschen machten mit.

Ziemlich bald entwickelte sich ein schwunghafter Handel mit diesen Briefen, denn Schulden bei Gott, wer wollte die schon haben?

Durch diesen Handel wurden schon damals die im Elend lebten, immer ärmer und die Mächtigen immer reicher.

Und was noch schlimmer ist! Die Armen glaubten an ihre Schuld, die Reichen dagegen ignorierten sie ihres eigenen Profites wegen.

Zum Glück brachte Martin Luther damals die Menschen mit seinen 95 Thesen zum Ablasshandel ins Nachdenken. Er muss sie wohl nachhal-tig überzeugt haben, denn schon bald machte keiner von ihnen mehr mit beim Ablasshandel! Die „Verbraucher“ brachten das verkehrte System zu Fall!  

Doch wie ist dem Reformator das gelungen? Wie hat er die Leute überzeugt? Woher kamen seine Argumente?

Martin Luther schaute in die Bibel und traf dabei vermutlich auch auf jene Stelle im Brief an die Kolosser, die uns heute als Predigttext gegeben ist.

Sie erzählt von einem Neubeginn und einem Leben ohne Schuld:

12 Denn ihr seid durch die Taufe mit Christus begraben worden, und ihr seid auch schon mit ihm zusammen zum neuen Leben gelangt. Denn durch den Glauben habt ihr euch der Macht Gottes anvertraut, der Christus vom Tod erweckt hat.
13 Einst wart ihr tot, denn ihr wart unbeschnitten, das heißt, in ein Leben voll Schuld verstrickt. Aber jetzt hat Gott euch mit Christus zusammen lebendig gemacht. Er hat uns unsere ganze Schuld vergeben.
14 Den Schuldschein, der uns mit seinen Forderungen belastet hatte, hat er für ungültig erklärt.  Er hat ihn ans Kreuz genagelt und damit für immer beseitigt.
15 Die unsichtbaren Mächte hat er entwaffnet und sie zu ihrer Schande vor aller Welt in seinem Triumphzug mitgeführt.

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer, der Verfasser des Kolosserbriefes ist überzeugt: Durch Jesus Christus sind Christen bei Gott all‘ ihrer Schulden ledig. Niemandem ist es mehr erlaubt, ihnen einzureden, sie müssten gramgebeugt und mit gesenktem Blick durchs Leben gehen.

Ihr Schuldbrief hängt jetzt deutlich sichtbar außerhalb der Reichweite jener Mächte, die ihn jemals wieder gegen sie verwenden könnten.

Und überhaupt, das finde ich den stärksten Satz:

Die unsichtbaren Mächte hat er entwaffnet und sie zu ihrer Schande vor aller Welt in seinem Triumphzug mitgeführt.

Ja, eine Schande ist es, wenn der Reichtum der einen sich weitestgehend auf Kosten der anderen finanziert. Wenn aus Profitgier Kriege geführt, die Umwelt verseucht und Menschen unterdrückt und ausgebeutet werden!

Eine Schande ist es, wenn Frauen weltweit zwei Drittel der Arbeit leisten, aber nur zehn Prozent des weltweiten Einkommens verdienen.

Aber noch sehe ich den Triumphzug Christi bloß wie im Nebel. Und die Mächte und Mechanismen, die noch immer so agieren und funktionieren, dass sie Unrecht und Leid auf dieser Welt vergrößern, sind wohl noch lange nicht gebannt.  

Musik

Die Mechanismen der Ausbeutung und Unterdrückung, der Unfreiheit – kräftig sind sie am Werk. Dessen war sich auch der Verfasser des Kolosserbriefes sehr bewusst. Und er wusste auch, dass sich diese Welt selbst durch das Evangelium nicht schlagartig in eine bessere verwandelt. Schließlich waren in seiner Gesellschaft die Missstände mindestens ebenso groß wie in der unseren. Ich erinnere hier nur an die menschenverachtende Sklavenwirtschaft der Römer!

Das Evangelium aber ließ ihn in eine bessere Zukunft schauen, wo im Triumphzug Christi jene, die ihre Macht missbrauchen, nur noch als zahnlose Papiertiger und die Gier der Menschen nur noch als leere Fratze mitziehen.

Ostern war für ihn schon jetzt die Bestätigung dieser Vision. Denn alle die, welche zuvor gedacht hatten, durch die Ermordung Christi könnten sie die Jünger Jesu mundtot machen und die Botschaft Christi zum verstummen bringen, wurden hier eines besseren belehrt.

Unerschrocken trugen die Frauen und Männer um Jesus die Osterbotschaft weiter. Und nichts konnte sie daran mehr hindern. Keine Macht konnte sie mehr aufhalten, bis heute!

Hier in unserer Gemeinde, in Volberg-Forsbach-Rösrath, feiern wir in diesem Jahr unser 450-jähriges Reformationsjubiläum. Wir sind schon ein wenig stolz darauf, die älteste evangelische Gemeinde in der Region Köln zu sein. Ausruhen wollen wir uns auf unserem Jubiläum aber nicht!

Denn Reformation ist ja keine Sache, die vor Jahrhunderten geschehen und dann für alle Zeiten abgeschlossen ist. Reformation ist etwas Lebendiges! Und sie geschieht immer wieder neu!

In der Nachfolge Christi fühlen wir uns berufen, Verantwortung zu übernehmen, für uns selbst und andere, für unsere engste Umgebung und diese Welt.
 
Weil Christus uns zum Leben befreit hat und uns auffordert, den Blick nach vorne zu richten, sind wir in der Lage, die Welt mit offenen Augen zu sehen, Missstände zu benennen und daran mitzuwirken, dass sich Dinge zum Positiven ändern.

Etliche Themen wurden bei uns in der evangelischen Kirche lange und kontrovers diskutiert. Rechte, die uns heute selbstverständlich scheinen, dass Frauen in unserer Kirche Pfarrerinnen werden können oder dass Mann mit Mann und Frau mit Frau im Pfarrhaus zusammen wohnen können, wurden hart erkämpft. Es war auch ein langer Weg dahin, dass wir in unserem Land nun endlich den Ausstieg aus der Atomkraft angehen.

Doch ist es ja nun nicht so, als seien damit alle Fragen bereits erledigt. Was uns in naher Zukunft wohl alle immer intensiver beschäftigen wird, das sind die Folgen der Globalisierung. Wo bringt sie uns Gutes und wo schadet sie den Menschen? Und damit verbunden – wann und wo wird das weltweite Streben nach immer mehr Profit ohne Rücksicht auf Menschen und Ressourcen uns alle schließlich in den Kollaps führen?   
 
Als Christinnen und Christen glauben wir an Christus, der von sich sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben! Von ihm haben den Auftrag, das Leben, das uns geschenkt ist, zu bewahren. Von ihm haben wir auch den Auftrag uns dafür einzusetzen, dass alle Mächte entmachtet werden, die Menschen immer noch an einem freien und selbstbestimmten Leben hindern.

Die Reformation ist für uns auch nach annähernd 500 Jahren noch lange nicht zu Ende. Für uns Christen ist sie aktuell wie nie! Die Fragen sind gestellt! Begeben wir uns nun auf die Suche nach Antworten, in der Nachfolge Jesu Christi und in den Spuren der großen Reformatoren, wie Martin Luther einer war. Amen. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 27.05.2012 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev.-ref. Kirche in Dörentrup-Hillentrup gesendet. Die Predigt hält Pfarrer Ralph Oberkrome.


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen