Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.02.12; Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Berge spüren?

Auf der Fahrt nach Italien über den Brenner warte ich immer schon auf den Anblick der großen Berge vor Innsbruck.

Wie enttäuscht bin ich, wenn sie in Nebel eingehüllt und unsichtbar sind. Gleichzeitig bin ich beeindruckt von ihrer Unverfügbarkeit. Sie zeigen sich nicht immer. Deshalb genieße ich es besonders, wenn ich sie gut sehen kann. In ihrem Schutz fühle ich mich geborgen. Wenn Wolken und Nebel die Berge unsichtbar machen, zweifle ich an ihrer Existenz und bin verunsichert.

Ganz ähnlich geht es mir mit Gott. Wenn ich mich sicher fühle und gut aufgehoben, erkenne ich Gott überall: in guten Gesten von Menschen, in den Vogelstimmen, in den biblischen Texten und im Gottesdienst. Geht es mir aber schlecht, fange ich an zu zweifeln. Wo andere Gott sehen, fühle ich mich blind.

So ist es immer schon gewesen. Darunter haben Menschen zu allen Zeiten gelitten. Gott ist verborgen, wenn wir ihn spüren wollen. Gott tritt nicht so auf unsere Lebensbühne, wie wir es wollen. Manchmal überwältigt Gott uns mit großem Glanz und manchmal verhüllt Gott sich und ist unsichtbar. Das Neue Testament erzählt von einem Berg in Jerusalem. Golgatha heißt er. Jesus von Nazareth stirbt da, der Mensch, in dem viele Menschen bis heute Gott erkannt haben: Gottes Gerechtigkeit und Gottes Güte, Gottes Eintreten für Arme und Entrechtete und Gottes Freude am Leben.

Doch in Jesus, der am Kreuz stirbt, erkennt damals niemand Gott. Bis auf einen römischen Hauptmann. Er merkt auf, als Jesus verzweifelt zu Gott schreit: Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen? Er hört Jesus schreien und denkt nach. Er sieht Jesus sterben und sagt: Dieser ist wahrhaftig Gottes Sohn. Gott, verborgen in Leid und Elend, Gott verborgen im Schmerz der Gottverlassenheit.

Ich finde diese Geschichte immer wieder tröstlich: Selbst Jesus, der doch so vertraut mit Gott war, der ihn zärtlich Papa nannte, fühlte sich in der Todesnot von Gott verlassen. Jesus würde Menschen wie mich verstehen, die sich in Angst, Not und Verzweiflung von Gott verlassen fühlen. Gleichzeitig macht Jesus Mut, genau in diesen dunklen Situationen, unsere Not auszusprechen. Diesen Notschrei nicht ins Leere zu rufen, sondern ihn an Gott zu richten, von dem wir uns verlassen fühlen. Also, im Bild der Berge gesprochen, darauf zu setzen, dass hinter Wolken und Nebel, die Steine, die Felsen, die Gipfel der Berge weiter bestehen und mir den Schutz geben, den ich brauche.

Der Zweifel gehört zum Glauben. Sich diesem Zweifel zu stellen und trotzdem Gott anzurufen, das weckt Staunen. Damals beim römischen Hauptmann, heute bei Menschen, die christliche Beerdigungen miterleben. Und bei denen, die sehen, dass Kirchengemeinden, Diakonie und Caritas sich einsetzen für Menschen, die wenig oder gar keine Hoffnung haben. Gegen Nebel und Wolken hoffen und darauf setzen, dass Gott wirksam wird im eigenen Leben und in vielen bedrückenden Zusammenhängen in Kirche und Gesellschaft, das erfordert Mut und Ausdauer.

Ich wünsche Ihnen, lieber Hörer, liebe Hörerin, dass Sie heute Gott spüren, und wenn Sie ihn nicht spüren, wenn er Ihnen entweicht, dass Sie ihm trotzdem Ihre Not anvertrauen können.  Ihre Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer aus Meschede.

Audiobeitrag Berge spüren?


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