Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.02.12; Pfarrerin Daniela Kirschkowski

Vogelhochzeit

Mit großen Augen schaut Klein-Jonas auf den Fernsehbildschirm. Ein Mann mit Gitarre schaut zurück. „Gääääh!“

Der kleine Zeigefinger wird auf den Mann auf dem Bildschirm gerichtet, auf den Pausbacken bildet sich ein breites Lachen. Und dann der große Auftakt: Erste Melodien werden angeschlagen, bunt kostümierte Kinder springen durchs Bild. Drosseln, Amseln und Finken flattern, Klein-Jonas ist begeistert: Der Pampers-Po wackelt, quietschend recken sich die kleinen Ärmchen in die Luft. So also sieht Begeisterung mit zehn Monaten aus. Ob er sich später noch daran erinnern wird? An die Bilder, die ihn in diesem Moment in den Bann ziehen? Oder wird es einfach die Melodie sein, die in seinen Ohren klingt; wird er den Text beherrschen und nicht wissen, woher... Ein Lied auf den Lippen zu jeder Zeit... [leicht angesungen] „Ein Vogel wollte Hochzeit machen in dem grünen Walde. Fiderallala, fiderallala, fiderallalalala.“

Ein altes Lied ist das. Aber es wird wohl eine Zeit lang dauern, bis Klein-Jonas das erfährt. Ob es ihn interessieren wird? Vielleicht wird er etwas ganz anderes singen wollen... Na ja. Und wenn schon. Hauptsache, er singt überhaupt. „Wo man singt, da lass dich fröhlich nieder. Böse Menschen habe keine Lieder.“ Hat Oma immer gesagt. Ob Jonas diese Weisheit einmal ganz allein für sich entdecken wird? Jetzt gerade ist er jedenfalls fröhlich quietschend dabei... „Der Kuckuck schreit, der Kuckuck schreit, er bringt der Braut das Hochzeitskleid.“

„Ihr habt das als Kinder alle gemocht!“ Über das ganze Gesicht strahlend schaut meine Mutter auf ihren Enkel herab. Wer freut sich eigentlich mehr über das Lied – sie oder er? Was Klein-Jonas noch nicht kann, macht sie für ihn mit: „Die Taube, die Taube, die bringt der Braut die Haube“, schallt es vom Sofa. Und in meinem Kopf singt es gleich weiter: „Fiderallala, fiderallala, fiderallalalala.“

Jaaaa, ich weiß sie hat recht. Als Kind muss ich dieses Lied wirklich sehr gemocht haben. Zumindest bin auch ich stundenlang damit beschallt worden, sonst würden nicht sämtliche Strophen noch heute fest in meinem Hirn verankert sein. Schon jetzt weiß ich: Noch Stunden später wird mich an diesem Tag dieses Lied verfolgen.

Ob ich es wohl der Vogelhochzeit zu verdanken habe, dass mir überall und zu jeder Zeit immer ein Lied in den Sinn kommt – egal zu welchem Anlass? Unter der Dusche, im Auto, zu den passendsten und auch unpassendsten Gelegenheiten. Ist manchmal ganz schön peinlich. Da schaut man seinen Chef an und singt „es gibt Tage, da wünscht ich, ich wär´ ein Hund“. Bei dem Blick, den man dann erntet, wünscht man sich ziemlich zügig zurück in pupsende Pampers-Po-Zeiten. Da hatten alle Verständnis für so etwas.

Manchmal tröstet es mich, zu wissen, dass man dieses Verständnis irgendwann auch wieder haben wird. Irgendwann werde ich froh sein über das, was mir im Hirn und im Herzen klingt. Das denke ich, wenn ich heute Menschen treffe, denen es genauso geht. So wie die alte Dame. Ich besuchte sie kürzlich im Altenheim. Sie lag im Bett, ich begrüßte sie, doch bekam ich keine Antwort. Ich streichelte ihre Hand und sie schlug kurz die Augen auf, doch nichts, was ich sagte, konnte sie zu einer Reaktion bewegen. Bis ich anfing, leise zu singen. „Weißt du, wieviel Sternlein stehen.“ Wissende Augen wandten sich mir zu. Und ein altes Herz sang: „an dem blauen Himmelszelt.“ Da wusste ich: Manchmal verdankt man seinen Eltern mehr und das vor allem länger als man meint. Gut, dass mich so manches Lied heute begleitet. Genau wie dieser Bibelvers:

„Ermuntert einander. Singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen. Und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit.“ (Epheser 5,19)

Es grüßt Sie Ihre Pfarrerin Daniela Kirschkowski aus Marl.

Audiobeitrag Vogelhochzeit


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