Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.01.12; Pfarrer Max Koranyi

Geduld

Beim Superdiscounter bleibt es gar nicht aus, dass man den anderen Einkäufern ständig wiederbegegnet. Sind doch die Gänge so angelegt, dass man sich immer wieder trifft.

Gleich im Eingang, bei der Brotabteilung also, fallen mir die beiden Damen auf. Es ist eine ältere, leicht gehbehinderte Frau, begleitet von ihrer Tochter. Sie ist geschmackvoll gekleidet, wie eine Chefsekretärin vielleicht oder Abteilungsleiterin und trägt dezent ein Goldkettchen am Knöchel über einer Sandale. Schon zu Beginn aber wirkt sie genervt. Vielleicht musste sie ja ihre Mittagspause für die Mutter und deren Einkauf opfern. Ganz offensichtlich hätte die ältere Dame es allein nicht mehr zum Discounter geschafft. Ihre Begleitung aber ist ungeduldig: „Wo hast du denn den Einkaufswagen?“, fragt die Tochter. „Habe ich vergessen“, antwortet die Mutter. Also muss die Tochter wieder nach draußen und ihn nachholen. Das verbessert ihre Stimmung nicht gerade.

Das nächste Mal überhole ich die beiden beim Sonderangebot für Rotweine. Die Mutter hatte aus der Zeitung extra eine Annonce ausgeschnitten und ist nun auf der Suche nach einem Wein aus der Toskana. Den gibt’s aber nicht - noch nicht, wie die Tochter etwas spöttisch bemerkt. Die Sonderangebote in der Hand der Mutter gelten erst ab morgen, Donnerstag. „Na, dann muss ich mir einen anderen Wein aussuchen“, sagt die Mutter. Dafür müssen die beiden wieder zurück zum normalen Weinsortiment. Wieder kreuzen sie meinen Weg und die Tochter schaut immer genervter auf ihre Uhr.

Schließlich treffe ich sie vor dem Sortiment mit Klebestiften, Gummihandschuhen und Fußmatten. Dieses Sammelsurium an diversen nützlichen Dingen. Die Mutter würde gerne einmal  – das sehe ich ihr an – einfach mal nur schauen, betrachten, anfassen, was es da alles an Interessantem gibt. So wie sie es früher auch immer gemacht hat. Die Tochter lässt es nicht zu. Sie drängt zur Kassenschlange. Dort stehen wir wieder hintereinander. Die Mutter schaut noch einmal zu den Angeboten zurück.

Ein letztes Mal treffe ich die beiden auf dem Parkplatz. Die Tochter hat ihre Mutter zusammen mit den bescheidenen Einkäufen in ihren Mercedes der A Klasse bugsiert und hämmert gerade den Einkaufswagen in die vorgesehene Reihe zurück. Ich schaue in das enttäuschte Gesicht der Mutter und – schäme mich wie schon lange nicht mehr. Denn eine Erinnerung steigt in mir hoch: In den letzten Lebensjahren meiner Mutter bin ich oft ähnlich unsanft mit ihr umgegangen.

Es hat mich genervt, wenn sie beim Einkaufen jeden Apfel befingern musste. Oder noch schlimmer: Ware aus dem Korb wieder zurücklegen wollte und dazu noch mal durch den ganzen Supermarkt gehen musste. Ich hatte schließlich noch anderes an dem Tag zu tun. Damals in all dem Stress fiel mir meine Unbarmherzigkeit gar nicht auf. Jetzt aber, beim Betrachten der Tochter und ihrer Mutter, ist mir hundeelend und ich wünschte, ich hätte die Zeit mit meiner Mutter anders genutzt.

Es ist ein bisschen wie in dem Märchen von dem alten Großvater. Der ist fast blind und taub und ihm zittern die Knie. Bei Tisch verschüttet er das Essen und es läuft ihm die Suppe aus dem Mundwinkel. Am Ende setzen ihn Tochter und Schwiegersohn allein hinter den Ofen in der Küche und geben ihm eine Holzschale, aus der er essen muss. Bis sein Enkel eines Tages einen Holzteller schnitzt. Auf die Frage seiner Eltern, was das soll, antwortet der: Der ist später einmal für euch. In der Bibel lese ich dazu: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ (Matthäus 5,7)

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.

Audiobeitrag Geduld


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