Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.01.12; Pfarrer Max Koranyi

Überzeugungs-Kunst

Ich lasse mich nicht gerne von Menschen überreden. Egal zu was. Vor allem nicht von solchen, die scheinbar völlig ungebrochen in ihrer Überzeugung sind.

Ich habe deshalb bis heute Schwierigkeiten mit Massenveranstaltungen, bei denen Menschen anderen Menschen unhinterfragt zujubeln. Ich will niemandem seinen Spaß bei Rockveranstaltungen nehmen. Leidenschaft ist schön. Aber so ein kleines bisschen habe ich immer das Gefühl dabei: Was, wenn das alles umkippt, die Stimmung außer Rand und Band gerät?

Deshalb fällt es mir auch schwer, mich durch Politikerreden in großen Hallen in eine euphorische Stimmung versetzen zu lassen. Ich habe dabei zu viele Bilder im Kopf, bei denen auf ähnlichen Veranstaltungen ganze Volksscharen zu schrecklichen Verbrechen verführt wurden. Und bei dem frenetischen Klatschen denke ich oft im Stillen bei mir: Ob der da oben auch wirklich hält, was er verspricht? Ob die da wirklich weiß, wovon sie redet?

Deshalb hatte ich von Kindheit an auch Schwierigkeiten mit Pfarrerinnen und Pfarrern, die scheinbar alles ganz genau wussten. Und ihren Hörern auf die eine oder andere Art einzuheizen verstanden. Ihre hundertprozentige Überzeugung machte mich misstrauisch. Oft hatte ich bei solchen eifernden Missionaren das Gefühl, sie hätten überhaupt keine Glaubenszweifel. Sie hätten alles, aber auch wirklich alles ganz genau verstanden. Sie wüssten ganz genau, wo es langgeht. So, als hätten sie Gott persönlich in die Karten geguckt und wüssten jetzt mehr vom Lauf der Welt als der Schöpfer selbst. Und ist ja klar, dass sie dachten, sie könnten ihren Schäfchen nun vorschreiben wie sie leben und was sie glauben sollen.

Nein, von solchen Möchtegerngöttern lasse ich mir nichts sagen. Ich lasse mir lieber etwas von Menschen sagen, die unfertig, fragend, ja manchmal sogar ein bisschen gebrochen erscheinen. Ich höre denen vor allem gerne zu, die mir ehrlich zu verstehen geben: Ich weiß nicht alles. Ich kann nicht alles. Und ich möchte Dir gerne davon erzählen, wie ich über dieses oder jenes denke. Vielleicht ist es in Ordnung. Möglicherweise aber auch nicht.

Ich mag unfertige Menschen. Der Apostel Paulus war einer von ihnen. Er konnte zwar ganz gut schreiben. Aber mit dem öffentlichen Reden haperte es bei ihm. So etwas kenne ich auch. Er war auch nicht ganz gesund. Manche fanden sein Auftreten nicht sehr überzeugend. Er selbst im Übrigen auch nicht. Er schreibt: „Ich kam zu euch nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit. Stattdessen war ich bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.“ (1. Korinther 2,1+3)

Der Mann ist mir sympathisch. Weil er weiß, welche Schwächen er hat. Und weil er darüber hinaus der Überzeugung ist: Das Geheimnis Gottes kann man nicht mit dem Vorschlaghammer vermitteln. Sondern eher zart. Eher fragend. Eher bescheiden. Von solchen Leuten lasse ich mir gern etwas sagen. Und erzählen. Weil sie  nicht vorgeben, alles zu wissen, alles zu können und mir alles vorschreiben zu wollen. Meinen Lebensweg, meinen Glaubenskurs muss ich schon selber für mich herausfinden. Dabei kann ich mich von anderen, die wie ich auf der Suche sind, anregen lassen. Wirklich gute Worte sind uns allen vom Himmel her geschenkt. Und so verstehe ich auch heute die Worte des Apostel Paulus für meinen Weg: „Was ich euch sagte und predigte, geschah nicht mit ausgeklügelter Überredungskunst. Durch mich sprach Gottes Geist und wirkte seine Kraft.“ (1. Korinther 2,4)

Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.

Audiobeitrag Überzeugungs-Kunst


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