Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.01.12; Präses Alfred Buß

Wie schön leuchtet der Morgenstern (eg 70)

Musik: Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn,die süße Wurzel Jesse.Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm,mein König und mein Bräutigam,

hast mir mein Herz besessen;
lieblich, freundlich,
schön und herrlich,
groß und ehrlich,
reich an Gaben,
hoch und sehr prächtig erhaben.

Autor: Wie schön ist diese Musik! Tänzerisch und festlich kommt sie daher: In Sprüngen und Bögen, voller Leichtigkeit und Größe, mit kindlichen Tonwiederholungen und einem erhabenen Ausschwingen am Schluss.

Wie schön ist diese Sprache! Vertraut und geheimnisvoll dringt sie ans Ohr: Mit großen Worten aus der Bibel, mit alten Namen, in drängendem Überschwang und durchzogen von malerischer Kraft.

Wie schön sind diese Bilder! Zart und sinnlich gewinnen sie Farbe und Geschmack: Der helle Morgenstern, die süße Wurzel, der königliche Bräutigam.

Was lässt einen Menschen so singen – so schön? Was hat der Mensch erlebt, dem solche Töne auf die Lippen geraten? Wovon ist sein Herz erfüllt?

Gehen wir dem Menschen nach, von dem die Melodie des Chorals stammt, der Text und die Auswahl der biblischen Bilder, dann stoßen wir auf einen hoch gebildeten Mann in der Zeit der Gegenreformation. Philipp Nicolai ist sein Name.

Verbissen und von konfessioneller Rechthaberei beseelt kämpfte dieser lutherische Theologe gegen Katholiken und Evangelisch-Reformierte; im Jahr 1596 wurde er als Pfarrer nach Unna in Westfalen gerufen. Dort sollte er dem wachsenden Einfluss der protestantischen Calvinisten wehren. Doch stattdessen begegnete er einem Feind ganz anderer Art: Philipp Nicolai bekam es mit dem widerlich stinkenden Angesicht des Schwarzen Todes zu tun. In Unna wütete die Pest.

Im August 1597 schreibt Philipp Nicolai an seinen Bruder:

Sprecher: ... ich bin durch Gottes Gnade noch ganz gesund, wenn ich gleich von Häusern, die von der Pest angesteckt sind, fast umlagert bin und auf dem Kirchhof wohne, wo täglich bald 24, 27, 29, 30 Leichen der Erde übergeben werden. Ich wende Vorbeugungsmittel gegen die Pest an, zumal wenn die gänzlich angefüllte Luft einen schädlichen Geruch verbreitet und nicht selten der Totenhof einen übelriechenden Dunst aushaucht...
 
Autor: Da bleiben keine Zeit und keine Kraft übrig für theologische Streitereien. Jetzt ist der Seelsorger gefragt – und der Grund, in dem seine eigene Hoffnung gründet.

Wie kommt dieser streitbare Mann angesichts von Leid, Geschrei, Gestank und Schmerz zu seinem wunderschönen Lied? Aus ihm selbst kann es nicht fließen, was er da singt. Die Umgebung, in der er lebt, seufzt und stöhnt ihm Grausames zu.

Wie ein unerschütterlicher Kontrapunkt aus einer anderen Welt, wie ein leuchtendes Gegenbild von wundersamer Kraft ertönt sein Lied. Woher strömt diese Kraft?

Sprecherin:
Ei meine Perl, du werte Kron,
wahr´ Gottes und Marien Sohn,
ein hoch geborner König!
Mein Herz heißt dich ein Himmelsblum;
dein süßes Evangelium
ist lauter Milch und Honig.
Ei mein Blümlein,
Hosianna! Himmlisch Manna,
das wir essen,
deiner kann ich nicht vergessen.

Autor: So singt ein Mensch, der liebt. Ja, Verliebte singen so: Sie erfinden innige Kosenamen für das geliebte Gegenüber, kostbare Bilder, phantasievolle Vergleiche. Liebe bleibt nicht auf das Herz beschränkt, schon gar nicht auf die Gedanken. Liebe erfüllt alle Sinne; sie will hören und sehen, schmecken, riechen und fühlen. Liebe hat ungeheure Kraft.

Philipp Nicolai stimmt unter dem Wüten der Pest ein Liebeslied an. Da, wo die Sinne Tag und Nacht gequält werden durch irdische Abscheulichkeiten, richtet er sein ganzes Sinnen und Trachten auf Gott. Glaube und Gottvertrauen gewinnen den Ausdruck körperlicher Liebe. Theologische Wahrheiten ziehen das Kleid erotischer Sprache an.

Die todgeängsteten Menschen um Philipp Nicolai brauchen jetzt keine reine Lehre – sie dürsten nach einer Kraft, die stärker ist als der Tod.
Philipp Nicolai singt ihnen diesen Trost mitten ins Herz:

MUSIK (overvoiced)
Von Gott kommt mir ein Freudenschein,
wenn du mich mit den Augen dein
gar freundlich tust anblicken.
Herr Jesu, du mein trautes Gut,
dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut
mich innerlich erquicken.
Nimm mich freundlich
in dein Arme,
dass ich warme
werd von Gnaden;
auf dein Wort komm ich geladen.

Autor: Der freundliche Blick Gottes; die wärmende Umarmung Jesu: Diese Bilder der Liebe gehen unter die Haut; wer von ihnen singen hört, der fühlt ihren Schein und spürt ihre Wärme am eigenen Leib. Bilder des ewigen Lebens sind das. Bilder der neuen Welt Gottes, die auf uns wartet. Bilder, die unser Leben schon jetzt erleuchten. Ein Leben das gefährdet, zerbrechlich, vergänglich ist. Auch und gerade mitten in der Nacht des Elends.

Philipp Nicolai hat mit diesen Bildern damals nicht die Pest vertrieben. 1400 Menschen fielen ihr in Unna zum Opfer. Aber er hat mit den Bildern der kommenden Welt schon jetzt angesungen gegen die Macht des Todes hier und jetzt. Der Glaube an das ewige Leben zaubert unsere gegenwärtige Welt nicht schön. Er tut es bis heute nicht. Uns schrecken längst ganz andere Todesgefahren als die Pest. Wir kennen ihre Namen. Beinahe täglich kommen neue hinzu. Das alte, wunderschöne Lied erklingt noch immer.
Es hat nichts von seiner Kraft verloren.

MUSIK (overvoiced)
(…) Er wird mich doch zu seinem Preis
aufnehmen in das Paradeis;
des klopf ich in die Hände.
Amen, Amen,
komm, du schöne
Freudenkrone,
bleib nicht lange;
deiner wart ich mit Verlangen.

Autor: Wer so wartet, muss vor den Hässlichkeiten der Welt die Augen nicht zumachen. Vor der Pest nicht. Und vor nichts, was sonst mit beängstigender Gebärde, mit stummer List oder mit höhnischem Triumphgeschrei dem Leben entgegentritt. Wer so wartet, legt weder die Hände in den Schoß noch starren seine Augen sehnsüchtig in den Himmel. Wer so wartet, hat die Erde und die Menschen lieb; wer so wartet, wird mutig, groß und stark für das Leben hier und jetzt. Auch im Sterben wird er von Liebe umfangen sein. Von Gottes Liebe, die stärker ist als der Tod.

Wie schön ist diese Musik; wie schön ist ihre Sprache; wie schön sind ihre Bilder! Wer mit Philipp Nicolai vom hellen Morgenstern singt, von der süßen Wurzel und vom königlichen Bräutigam, der ahnt: Wir haben mehr Grund zur Hoffnung, als der Tod erlaubt.

Musikinformation:

CD-Name: Loben-Bitten-Danken – Festliche Choräle von J. S. Bach
Track:  11 – BWV 172,6
Text u. Melodie: Philipp Nicolai (1556-1608)
Chor:  Bach-Chor Siegen
Leitung:  Ulrich Stötzel
Produktion: Jochen Rieger

 


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