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Lob der Schwachheit
Wenn ein Jahr einen Titel bekommt, muss ich meistens etwas tun. Zum Gelingen des neuen Jahres. Nehmen wir nur einmal das „Jahr des Kindes“.
Das gab’s wirklich mal vor einiger Zeit. Und da war mir ganz schnell klar: Max, Du musst jetzt noch netter zu Deinen Kindern sein. Die sind kleiner als Du. Die werden oft übersehen. Also, bemüh Dich einfach mal, ein Jahr lang kinderlieb zu sein. Lieb - nicht nur zu Deinen Kindern, sondern zu allen Kindern dieser Welt. Ehrlich: Ich habe mich 365 Tage lang bemüht. Was dabei am Ende des Kinderjahres rausgekommen ist, möchten Sie jetzt wissen? Sylvesterrückblick nach 52 Wochen Liebesblick auf die Kleinen der Erde? Nicht so viel. Manchmal war ich vielleicht tatsächlich ein bisschen freundlicher zum Nachwuchs als gewöhnlich. Aber manchmal war ich genauso ungeduldig wie sonst auch. Halt, eines war doch anders: Ich hatte ein geschlagenes Jahr lang ein schlechtes Gewissen, was für ein Rabenvater und kinderfeindlicher Mitbürger ich letzten Endes gewesen bin. Ich erfüllte die hohen Erwartungen des Jahres des Kindes nicht einmal ansatzweise. Ich hatte versagt.
Ich habe im Übrigen auch im Jahr des Baumes versagt. Weil ich während dieses Titel-Jahres nicht jeden Baum umarmt habe. Ich habe sogar über das Laubfegen gestöhnt. Obwohl ich Bäume eigentlich sehr schön finde, war in dem Jahr dieser ständige Druck spürbar: Achtung, Max, Du musst jetzt fröhlich sein, da vorne steht wieder eine Trauerweide. Mann, war das anstrengend. Jahre mit Anhang bringen mich ins Schwitzen: Dass ich nur ja nicht den Vogel des Jahres überfahre. Dass ich im Jahr des Ausländers zu dunkelhäutigen Menschen immer freundlich bin. Im Jahr des Fahrrads bin ich wirklich ein bisschen mehr Fahrrad gefahren. Viel Spaß hat es mir nicht gemacht. Ich war viel zu sehr verschwitzt.
Ich bin nur froh, dass ich nicht in China wohne. Dort gibt es ein Jahr des Drachen und ein Jahr der Ratte. Was ich damit hätte anfangen sollen, weiß ich wirklich nicht so genau. Vielleicht hätte ich ein Jahr lang etwas netter zu meiner schwierigen Nachbarin sein müssen. Oder im Kölner Zoo den Bambusratten extra Futter gekauft. Einmal ist ja ganz nett, aber ein ganzes Jahr lang? Ich weiß nicht. Jahre, die einen Genitiv anhängen, hängen damit auch Gewichte an meine Seele. Sie sind uncharmant und setzen mich unter Druck. Ich will ja lieb zu Kindern sein, aber dann, wenn ich es will. Ich mag auch Buchenwälder. Aber dazu brauche ich keinen Jahrestitel. Auch nicht für Ausländer, Vögel und Fahrräder. Ich lebe normalerweise recht gut mit ihnen allen. Aber ich will sie nicht 365 Tage lang im Kopf haben.
Wissen Sie, ob im Jahr 2012, das ja nun heute unausweichlich beginnt, irgendein Genitiv ansteht? Nein, sagen Sie’s jetzt nicht. Dieses Mal komme ich allen Titeljahren zuvor. Ich schaffe mir nämlich ein eigenes Anhängsel. Hiermit ernenne ich das Jahr 2012 zum Jahr der Schwachheit. Meiner Schwachheit. Und Ihrer Schwachheit. auch. Ein ganzes schönes langes Jahr lang werde ich keinem Kind, keinem Baum und keiner Ratte hinterher rennen. Ich werde stattdessen zu meinen Schwächen stehen. Ich schwächle in Kindergeduld. Ich habe oft nicht die Kraft, Ausländern bei ihren langen Geschichten zuzuhören. Und manche Vögel zwitschern mir zu laut. Zu all diesen meinen Schwächen und vielen anderen mehr stehe ich im Jahr 2012 ganz bewusst. Ich lobe meine Schwächen sogar. Weil sie mich ziemlich menschlich machen. Und weil ich mir dann, sozusagen ganz freiwillig, ohne jeden Druck, mit himmlischer Hilfe vornehmen kann, sie mit meinen Möglichkeiten anzugehen, zu bearbeiten, manchmal sogar zu überwinden.. Warum? Weil die Jahreslosung für das Jahr 2012 aus der Bibel den Satz gezogen hat: „Gott spricht: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9)
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.
Lob der Schwachheit
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