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Sei getrost und unverzagt
Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt! Amen. Etwas mehr als 10 Stunden ist es jetzt gerade mal alt, liebe Gemeinde - das Jahr 2012.
Noch vor wenigen Stunden hieß es Abschied nehmen vom alten Jahr. Manchmal sind Abschiede ja gut. Manche haben vielleicht gedacht - "Bin ich froh, dass dieses Jahr endlich vorbei ist - das nächste Jahr kann nur besser werden!!" Oder war es eher ein wehmütiger Abschied mit der Frage im Herzen: Ob ich wohl noch einmal so ein tolles Jahr erleben werde? 2011 - da ist meine Tochter, mein Sohn geboren oder lang ersehnte Enkelkinder. Was bin ich froh, endlich einen guten Job zu haben! oder: Kaum zu glauben, dass es mit der ganz großen Liebe noch geklappt hat! Gemischte Gefühle treiben uns an diesem Neujahrsmorgen um. Der Blick zurück auf das vergangene Jahr und der Blick voraus - was wird wohl werden? Was wird sein am 31. Dezember 2012? "Ich wünsche mir, dass ich am 31. Dezember 2012 sagen kann" ... dazu haben wir drei Stimmen gehört - und jede und jeder von uns hat einen eigenen Wunschzettel 2012. Der eine wünscht sich, den Ansprüchen am Arbeitsplatz standzuhalten. Die andere will den Schulabschluss schaffen und einen Ausbildungsplatz bekommen. Viele wünschen sich, mit ihrer Familie und dem Freundeskreis in 366 Tagen noch so fröhlich beieinander zu sein wie heute.
Und sicherlich stehen auf etlichen Wunschzetteln für 2012 Wünsche an die große Politik: endlich Frieden in Afghanistan, stabile Verhältnisse im Norden Afrikas. Die Lösung der Finanzprobleme in Europa. Dass die alten Parolen der Fremdenfeindlichkeit endlich überwunden werden und Rechtsradikalismus keine Chance mehr hat.
Vieles beunruhigt uns, liebe Gemeinde. Und so begleiten uns am Üergang vom alten zum neuen Jahr Wünsche, dass es besser wird, dass sich mein Leben zum Guten verändert. Wir blicken zurück, nehmen Abschied und blicken voraus auf das, was auf uns zukommt. Der Neujahrstag ist wie kaum ein anderer Tag im Kirchenjahr ein Tag an der Schwelle.
Und so ist es kein Wunder, dass auch der Predigttext für den heutigen Tag ein Schwellentext ist. Josua steht am Ufer des Jordans, an der Schwelle zu einem neuen Leben. Da heißt es im Josuabuch, Kapitel 1:
Lektorin: 1 Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener: 2 Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe. 3 Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. 4 Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. 5 Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. 6 Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe. 7 Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. 8 Über dieses Gesetzbuch sollst du immer reden und Tag und Nacht darüber nachsinnen, damit du drauf achtest, genau so zu handeln, wie darin geschrieben steht. Dann wirst du auf deinem Weg Glück und Erfolg haben. 9 Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst
Pfarrerin: „Ziemlich große Schuhe", liebe Gemeinde, muss Josua da anziehen.
Mose der große Mann des Glaubens, der "Knecht des Herrn" ist verstorben und Josua soll seine Nachfolge antreten. Eine schwere Aufgabe kommt da auf ihn zu, denn Josua ist nicht Mose - das kann und will er auch gar nicht sein. Aber immerhin wird er ja als "Diener des Mose" beschrieben und Mose selbst hat ihn nach Gottes Willen mit seiner Nachfolge beauftragt. Heißt es doch am Ende des 5. Buch Mose: "Josua, der Sohn Nuns, wurde erfüllt mit dem Geist der Weisheit; denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt. Und die Israeliten gehorchten ihm und taten, wie der Herr es Mose geboten hatte". Die Israeliten gehorchten ihm also, dem Nachfolger des Mose. Nachfolger zu sein ist ja nicht immer leicht, zumal, wenn die Schuhe dermaßen groß sind, wie es bei Mose und seinen erfolgen der Fall war. Josua muss sich also nicht nur die Frage stellen: "Wie schaffe ich es, das Volk in eine glückliche Zukunft zu führen? Wie bewältige ich meine Aufgabe?" Nein, es kommt noch eine weitere Frage dazu: Wie schaffe ich es als Nachfolger des Mose? Wie kann ich sein Werk weiterführen - werde ich den Erwartungen der Israeliten gerecht?
Ein großer Druck, liebe Gemeinde, der da auf Josua liegt. Und deshalb setzt Gott wohl dreimal an, um ihm Mut zu zusprechen: "Sei getrost und unverzagt; sei nur getrost und ganz unverzagt; siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist."
Dieser Zuspruch klingt fast schon beschwörend. Erst vorsichtig, dann leise ermutigend, dann sogar ein Gebot. Das Gebot der Stunde: Lass dich nicht entmutigen! Mein Wille ist, das du dir diese Aufgabe zutraust und mit gutem Mut losgehst! Ich, dein Gott, bin bei dir, könnte man dieses dreifache "sei getrost und unverzagt" auch übersetzen. Ein Mutmachtext an der Schwelle, am Ufer des Jordans, an der Schwelle zu einem neuen Leben. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer steht im Jahr 1944 an der Schwelle des neuen Jahres. Und er schreibt einen Mutmachtext, der zum Neujahrstag gehört, wie kaum ein anderer Text. Der Chor hat diese Vertonung gesungen. Hören wir noch einmal die Melodie.
Musik Orgel-Improvisation Refrain Von guten Mächten
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Neujahr 1945: Bonhoeffer sitzt das zweite Jahr im Gefängnis. Europa versinkt in Tod und Zerstreuung, fast alle Juden sind deportiert und ermordet. Bonhoeffer weiß, dass er mit sehr großer Wahrscheinlichkeit das Jahr 1945 nicht überleben wird - trotz allem Lebensmut und aller Glaubenshoffnung. Ich höre den Wohlklang dieser Verse und frage mich: Hatte Bonhoeffer keine Zweifel - mitten in aller Glaubensgewissheit? Stimmt das wirklich: "Gott ist mit uns - gewiss an jedem neuen Tag"?
Natürlich hat auch Bonhoeffer so gefragt, und nur wer so fragt, versteht seine Antwort: "Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. .... Vor und mit Gott leben wir wie ohne Gott."
Bonhoeffer hinterlässt uns die harte Erkenntnis: Es gibt Phasen in unserem Leben, in denen Gott nicht zu sehen ist, in denen es scheint, als hätte er sein Gesicht verloren. Da geschieht zum Beispiel etwas Schreckliches in meinem Leben und ich kann nicht verstehen, warum Gott mir das zumutet. Tragische Abschiede, Trennung, Krankheit, plötzlich ist mein Leben begrenzt, plötzlich ist alles ganz anders, plötzlich zerplatzen Lebensträume, Perspektiven und Planungen. Plötzlich nimmt das Leben eine Wende, die ich mir nicht erträumt und gewünscht habe. Und was wird dann aus meiner Glaubensgewissheit? Was kann ich beten und singen, wenn mir die Worte im Halse stecken bleiben? "Sei getrost und unverzagt" - so muntert Gott Josua auf und diese Worte sind keinesfalls leere Versprechungen: "Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen."
Gott erinnert Josua daran, dass er der Gott seiner Väter ist, der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der war, bevor die Welt wurde und der sein wird - immer und ewig. Der Gott, der Mose die Gebote gegeben hat - Weisungen für ein gelingendes Leben im Miteinander.
"Sei getrost und unverzagt" - Gott ist größer als ich es mir vorstellen kann. "Sei nur getrost und ganz unverzagt" - Gott sorgt für dich und mich, für uns und für die Welt, auch wenn wir meinen, ihn manchmal nicht an unserer Seite zu haben.
" Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist" - dies ist Gottes Versprechen, seine Zusage an unser Leben, gerade wenn wir an der Schwelle zu neuen Aufbrüchen stehen.
Neujahrsmorgen 2012 - viele Gedanken und Gefühle treiben uns um.
Wir haben schon einen Fuß über die Schwelle gesetzt zu einem neuen Jahr. Sicherlich ist auch dieses neue Jahr nicht losgelöst von dem alten Jahr zu sehen, wir stehen in der Nachfolge von 2011 mit allem Guten und allem Schweren, was uns von dorther weiter begleiten wird. Doch bevor wir uns Gedanken über die Erwartungen machen, die an uns gestellt werden, hören wir Gottes Zusage: " Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst."
Darauf dürfen wir vertrauen, trotz aller Zukunftsängste und inmitten aller Zweifel. Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch hat das geglaubt und Worte dafür gefunden. Sein Psalm ist eine Einladung an Sie und an mich, das neue Jahr vergnügt, erlöst und befreit zu begrüßen, voll freudiger Erwartung im Blick auf das, was kommen mag. Hüsch schreibt:
Lektorin: Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. Gott nahm in seine Hände meine Zeit, mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit. Was macht, dass ich so furchtlos bin an vielen dunklen Tagen. Es kommt ein Geist in meinen Sinn, will mich durchs Leben tragen. Was macht, dass ich so unbeschwert und mich kein Trübsal hält, weil mich mein Gott das Lachen lehrt wohl über alle Welt.
Und der Friede Gottes, höher als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 26.02.2012 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Kirche in Essen-Werden gesendet. Die Predigt hält Superintendent Irmenfried Mundt.
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