Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.12.11; Pfarrer Albrecht Philipps

Zeit vergeht

Liebe Hörerinnen und Hörer, heute ist es wieder soweit, heute Abend werden wir eine Sektflasche öffnen, das Glas füllen und das Vorrücken der Uhrzeiger verfolgen.

Wir werden nach draußen horchen, ob es schon irgendwo anfängt zu knallen und die Glocken zu läuten beginnen. Jahreswechsel.

Silvester kommt mir fast so vor wie der Versuch, die verrinnende Zeit wenigstens einmal im Jahr sichtbar und greifbar zu machen. So als könnten wir sie festhalten. So als wären wir dann vielleicht der Vergänglichkeit und dem Verrinnen der Zeit nicht mehr ganz so hilflos ausgeliefert.

Doch, was ändert sich eigentlich, wenn ab morgen die Jahreszahl 2012 auf den Kalendern steht? Fließt nicht die Zeit trotzdem unablässig dahin, in ewig gleichem Lauf, der ununterbrochen ist? Was kümmert sich die Zeit darum, dass wir uns auf der Erde verabredet haben, heute in dieser Nacht ein neues Jahr zu feiern? Ist es nicht „the same procedure as every year“ – dieselbe Prozedur wie jedes Jahr, wie es Butler James alle Jahre wieder im Dinner for one behauptet. Nichts Neues, alles bleibt letztlich doch gleich, was kann so ein Jahreswechsel schon verändern? Einige werden sagen: "Ein Glück, dass dieses Jahr vorbei ist!" Sie haben Schweres ertragen müssen oder Schlimmes erlebt: eine schwere Krankheit oder den Tod eines geliebten Menschen, berufliches Scheitern oder eine Scheidung. Andere werden bedauernd seufzen und sagen: "Schade! Das war ein Jahr, in dem ich oft glücklich war und froh, ich hatte Erfolg, die Prüfung ist geschafft, ich erinnere mich gerne an eine schöne Reise, mir ging es gut." Doch egal, ob wir nun liebend gern oder ungern Abschied nehmen von 2011; eines ist gleich: Wir müssen Abschied nehmen und merken an diesem Tag ganz besonders, wie die Zeit vergeht, wie wir sie nicht festhalten können und wie mit diesem Jahr wieder ein Stück unserer Lebenszeit vorbei ist.

Manche taumeln deshalb am liebsten wie der Butler im Sketch betrunken und gleichgültig ins neue Jahr. Dabei ist Nüchternheit bei diesem Übergang gar nicht so schlecht. Dann entdecke ich vielleicht: Das, was ich über die Schwelle zum neuen Jahr mittrage – Gelungenes wie Missglücktes - meine Gewohnheiten, meine schönen Erinnerungen, meine Herkunft, die Dinge, über die ich mich ärgere, das bleibt doch alles ein Teil von mir. Das alles nehme ich mit. Und: Es wartet so viel Neues auf mich im Jahr 2012. Dafür will ich offen sein! Ich will das neue Jahr gestalten –für mich selbst und für andere in meiner Stadt, meinem Land und in der ganzen Welt. Ich kann darauf vertrauen, dass die Zeit nicht nur einfach immer voranschreitet, sondern dass da einer ist, der an mich denkt und für mich und alle Menschen sorgt. Es ist der Schöpfer dieser Welt und der Herr über die Zeit selbst. Das Segensgebet eines humorvollen katholischen Pfarrers von St. Lamberti zu Münster aus dem Jahr 1883 begleite uns:

Herr, setze dem Überfluss Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden.
Lasse die Leute kein falsches Geld machen
und auch das Geld keine falschen Leute.

Nimm den Ehefrauen das letzte Wort
und erinnere die Männer an ihr erstes.

Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.

Bessere solche Beamte, Geschäfts- und Arbeitsleute,
die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.

Gib den Regierenden gute Deutsche
und den Deutschen eine gute Regierung.
Herr, sorge dafür, dass wir alle
in den Himmel kommen
- aber nicht sofort.   Aus: http://glaube-und-kirche.de/gebete.htm
Ein gutes neues Jahr wünscht Ihnen Pfarrer Albrecht Philipps aus Ochtrup.

Audiobeitrag Zeit vergeht


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