Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.12.11; Pfarrer Albrecht Philipps

Enttäuschung

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, haben Sie die Weihnachtsgeschichte in diesen Tagen in einem Gottesdienst gehört oder erinnern Sie sich an diese Erzählung aus der

Bibel? Die Geschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem. Stall und Krippe, Maria und Josef, die Engel und die Hirten. Unendlich oft wurde diese Szene schon gemalt. In dieser Geschichte ist alles zusammengefasst, was wir mit dem Weihnachtsfest verbinden.

Dort heißt es: Als die Engel gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun nach Bethlehem gehen und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

Die Hirten sehen mit ihren eigenen Augen, was ihnen die Engel gesagt hatten. Aber ich frage mich: Was bekommen die Hirten denn da zu sehen? Und was ist an dieser Szene im Stall von Bethlehem so besonders, dass davon noch nach 2000 Jahren erzählt wird? Eigentlich ist diese Geschichte doch eine einzige große Enttäuschung! Die Hirten erwarten, dass ein Retter in die Welt kommt, der sie aus ihrem Elend befreien kann. Was sie aber finden, ist ein Kind, das in einer Futterkrippe liegt, aus der sonst die Tiere fressen. Die Hirten erwarten, dass etwas passiert ist, das ihr Leben verändern wird. Was sie aber sehen, ist ein kleines Kind, das nicht einmal einen würdigen Platz hat, an dem es zur Welt kommen kann.

Auch im Blick auf meine eigenen Wünsche und Erwartungen ist die Weihnachtsgeschichte ernüchternd und sogar enttäuschend. Nichts ist zu sehen von den Rettergestalten, wie ich sie mir vorstelle. Rettergestalten mit übernatürlichen Kräften. Die Tyrannen entmachten und den Frieden dauerhaft sichern. Die dafür sorgen, dass kein Mensch mehr auf der Welt hungern muss. Die mich von den Sorgen um die Zukunft befreien und Sicherheit für das Leben aller Menschen bringen.

Der, der da in der Krippe liegt, nimmt es mit dem Unheil der Welt und meinen Sorgen anders auf, als ich mir das wünsche. Die Weihnachtsbotschaft spricht von einem Retter, der buchstäblich noch in den Windeln steckt. Medizinisch gesprochen behandelt Gott unsere Welt sozusagen homöopathisch. Es ist die kleine Dosis, die die Veränderung bewirkt. Deshalb ist Weihnachten auch nicht die Zeit der großen und gewaltigen Worte, sondern eher der leisen Töne, solcher Töne, die wir anschlagen, wenn wir ein neugeborenes Kind in den Armen halten. Zu Weihnachten wird eher geflüstert als geschrieen, eher gesummt als laut gesungen.

Wenn dieses Kind groß geworden ist, wird es uns lehren, im Unscheinbaren das Große zu sehen. Es wird die Armen selig preisen und die, die nach Gerechtigkeit hungern. Es wird sich nicht blenden lassen von äußerem Reichtum, sondern wird den Menschen ins Herz sehen.

Einen gesegneten zweiten Weihnachtstag wünscht Ihnen Pfarrer Albrecht Philipps aus Ochtrup.

Audiobeitrag Enttäuschung


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