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Die Seele braucht einen Menschen zum Reden
Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund! Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, vor einiger Zeit sitze ich in der U-Bahn, neben einem älteren Herrn.
Nach kurzer Fahrt steigt eine Frau ein.
Sie setzt sich uns gegenüber und lächelt den Mann an. Dieser seufzt tief. „Na, Sie haben´s auch nicht leicht“, sagt sie. „Ach“, sagt er, „aber das kann ich Ihnen gar nicht erzählen, man kann ja nicht jeden in der Bahn einfach ansprechen“. „Doch, können Sie, gerade hier“, sagt die Frau, „wir begegnen uns jetzt und sehen uns hinterher nicht wieder“. Da sprudelt es aus ihm heraus. „Ja, manchmal muss man mal mit jemandem reden. Meine Frau ist vor ein paar Jahren verstorben, meine Familie lebt in Italien. Ich bin jetzt viel alleine.“ „Ach, wir sind oft in Italien im Urlaub“, lenkt die Frau ein und es entspinnt sich ein kurzes Gespräch, bis der Herr aussteigt.
Mich lässt dieses kurze Erlebnis nicht los. Ich bin sicher, der Tag, vielleicht die ganze Woche war für den Herrn gerettet. Nur durch diese kleine Unterhaltung. Der Wortwechsel hat seiner Seele gut getan und der Frau bestimmt auch. Sie hat gespürt, wie wichtig das Gespräch für ihr Gegenüber war. Sie wurde in dieser alltäglichen Situation für einen wildfremden Menschen zur Seelsorgerin.. Sie hat die richtigen Worte gefunden.
So kann eigentlich jede und jeder im Alltag anderen durch ein paar Worte eine Last von der Seele nehmen. Das ist nicht wirklich schwer. Die Frau hat zunächst nichts anderes getan, als den Herrn anzulächeln und zu zeigen, ich nehme dich wahr, ich begegne dir offen. Schon ergab ein Wort das andere.
Klar, nicht jeder möchte angesprochen werden und nicht jeder erzählt wildfremden Menschen, was ihn bewegt. Umgekehrt fällt es nicht jedem leicht, auf Menschen zuzugehen. Manchmal ist man auch einfach nicht dazu aufgelegt. Und es kann einem auch mal ein falsches Wort herausrutschen, dann ist das Gespräch sehr schnell zu Ende. Aber es lohnt sich, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann ein Wort von mir dran ist und welche heilsame Wirkung es haben kann.
Im Grunde hat die Frau nicht anders gehandelt als Jesus. Er wurde einmal von einem Hauptmann angesprochen, dessen Knecht schwer krank war. Er kannte die Wirkung seiner eigenen Worte auf seine Soldaten und war sich sicher, dass auch Jesus durch das richtige Wort seinen Knecht heilen könne. „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund“, sagt er und gibt dadurch zu erkennen: Ich bin eigentlich nicht gläubig, kein Jude, gehöre nicht zu deinen Anhängern, aber ich glaube an die heilende Kraft des Wortes. Diesen Glauben hat Jesus belohnt, den Hauptmann dafür gelobt und den Knecht geheilt.
Der Satz des Hauptmanns findet sich in etwas veränderter Form in der römisch-katholischen Liturgie wieder: Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Das spricht man bei der Eucharistiefeier. Worte, die mir sehr zu Herzen gehen. Wenn ich sie mitspreche, vertraue ich mich ganz Gott und seinem Wort an. Natürlich haben Worte von Gott, zeitlos gültige Worte aus der Bibel, in der Liturgie noch einmal eine gewaltigere Kraft als unsere. Und natürlich sind wir nicht Jesus. Aber auch wir können mit unseren Worten Menschen belasten oder eben auch entlasten, ihre Seele heilen. Man muss dafür nicht Pfarrer oder Pfarrerin sein.
Einen schönen Tag mit vielen guten Worten wünscht Ihnen Barbara Schwahn, evangelische Pfarrerin aus Düsseldorf.
Die Seele braucht einen Menschen zum Reden
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