Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.10.11; Pastor Christof Lenzen

Merle - eine Geburt

Unsere Tochter Merle ist stolze 4 Jahre alt und eine echte kleine Kämpferin. Das aber hat seine Geschichte.

Als Merle geboren wurde, verwandelte sich die sonst gesunde Gesichtsfarbe der Hebamme in eine fahle Blässe. Die Nabelschnur war nicht richtig befestigt, häufig reißt die Verbindung im Geburtskanal und das Kind erstickt unter der Geburt - aber Merle lebte. Alles schien normal.

Kurz vor ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus stutze ein Arzt im Vorbeigehen, blieb stehen und lauschte dann mit dem Stethoskop Merles Herzchen ab. "Da stimmt was nicht, ein Geräusch am Herzen!" Also wurde unsere Kleine im nächsten Kinderkrankenhaus genauer untersucht. Nichts schlimmes, nur ein kleines Loch in der Herzscheidewand, meinten sie dort lapidar. Zur Sicherheit sollten wir ins Aachener Klinikum fahren und dort begannen die wohl gefährlichsten 3 Wochen unserer gerade erst geborenen Tochter. Denn man stellte einen der schwersten Herzfehler fest, der denkbar ist. Sie hatte nur noch wenige Tage zu leben, wurde von Stunde zu Stunde schwächer. Eine Spenderklappe musste her, Spenderarterien, das Herz musste umgebaut werden.

Merle blieb mit ihrer Mama im Klinikum, während ich im Hintergrund organisierte, rotierte, funktionierte und unserem Sohn Ole ein möglichst zuversichtlicher wirkender Papa war. Die nun kommenden drei Wochen lassen sich emotional schwer in Worte fassen. Alle Eltern, die ähnliches durchgemacht haben, werden das verstehen. Man schaltet auf einen eigenartigen Überlebensmodus. Alles funktioniert reibungslos, man benötigt kaum Schlaf und das Leben fokussiert sich. Denn nun ist nichts mehr wichtiger als das Leben dieses kleinen Wesens. Doch es war kein kaltes Funktionieren - wir waren getragen von der Wärme unserer Freikirchen-Gemeinde, die in heißen Phasen rund um die Uhr eine Gebetskette organisierte, uns entlastete, uns besuchte und schlicht in den Armen hielt.

Merle kämpfte und in letzter Sekunde bekam sie eine Spenderklappe und sie konnte operiert werden. Fast 10 Stunden lang. Dann der erlösende Anruf: Es ist alles bestens gelaufen. Nun musste sie die ersten drei Tage Intensivstation überleben. Sie wurde langsam wieder aus ihrem gekühlten Zustand aufgewärmt, dann ins künstliche Koma versetzt und an zig Apparate angeschlossen. Wir standen bei ihr. Immer wieder. Auf eine fast geheimnisvolle Weise waren wir geborgen. In den Kabinen neben uns starben Kinder. Eltern schrieen. Leid. Tränen. Schmerz. Merle überlebte.

Ich wünschte, Sie könnten jetzt ein Foto von ihr sehen, ein kleines, strahlendes blondes Mädchen voller Kraft und Lebensfreude. Nur nachts, da schreit sie manchmal noch vor Angst wie ein Baby…

Erst vor kurzem haben wir gemerkt, wie erschöpft aber auch dankbar wir immer noch von dieser Zeit sind. Denn Merle war gewollt. Genauso so. Die Mehrzahl der Kinder, bei denen solche Defekte, wie es so schön heißt, bereits im Mutterleib festgestellt werden, werden abgetrieben. Aber wenn ich eins von Herzen begriffen habe in dieser Zeit, dann dies: Jeder Mensch ist gewollt. Mit seinen Macken, Grenzen, Gaben, mit seiner Geschichte, seinem Versagen und seinen Triumphen, seinen Wunden, den körperlichen und den seelischen.

Der 139. Psalm drückt es so aus: Du hast alles in mir geschaffen und hast mich im Leib meiner Mutter geformt. Ich danke dir, dass du mich so herrlich und ausgezeichnet gemacht hast! (…) Du hast zugesehen, wie ich im Verborgenen gestaltet wurde, wie ich gebildet wurde im Dunkel des Mutterleibes Du hast mich gesehen, bevor ich geboren war.  (Ps 139,13-15)

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und die Entdeckung im Kleinen wie im Großen: Gott ist da! Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

Audiobeitrag Merle - eine Geburt


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