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Ich und mein Opa und die abgetrennten Finger...
Ich muss 6 oder 7 Jahre alt gewesen war, als ich zum ersten Mal Blut sah. Kein harmloses Nasen-bluten. Ich rede von viel Blut.
Es hätte mich schockieren müssen, und in der Tat hat es sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt, aber wegen etwas anderem. Doch lieber der Reihe nach:
Wir waren damals bei meinen Großeltern in Hildesheim zu Besuch. Ich liebte das! Mein Opa - bei dem saß ich gerne auf dem Schoß und lehnte mich an seine kratzige Wange. Er strich mir liebevoll über den Kopf und erzählte mir aus seinem gefüllten Leben. Opa ging mit mir spazieren, einkaufen, er nahm mich einfach ernst. Das Tollste war aber seine Werkstatt. Wenn man über den Innenhof des Hauses ging, kam man in eine alte verwinkelte Schreinerwerkstatt. Früher hatte Opa dort als Stellmachermeister gearbeitet, sprich: Kutschen gebaut. Und obwohl er schon lange im Ruhestand war, zog er jeden Tag seinen Kittel an und ging rüber. Er räumte auf, arbeitete dies und das, hielt die Maschinen instand, reparierte Möbelstücke, was eben so anfiel. Und ich war dabei! Fasziniert von den großen, lauten Maschinen, die mich kleinen Jungen magisch anzogen. Der Duft von frischer Sägespäne, die in großen Haufen in der Nähe der Hobel herumlag. Manchmal ließ ich mich in einen hinein plumpsen…
Während Opa und die anderen Männer arbeiteten, tollte ich durch die Werkstatt. Arbeitsrechtlich war mein Aufenthalt dort wahrscheinlich eine Katastrophe - all die Walzen, Sägen, Hobel, die sausenden Bänder der Bandsägen… eine besorgte Mutter wäre im Dreieck gesprungen. Meine Mut-ter nicht. Ich durfte. Und Opa war da. Still und vertrauenserweckend.
Dann kam der Tag des Blutes. Opa arbeitet an der Maschine, mit der man Sägeblätter schleifen konnte, ein Monstrum aus Schleifzähnen und Bändern. Da kam ein Arbeiter herein. Stumm vor Schock, weiß im Gesicht. Er zeigte mit seiner einen Hand auf seine andere Hand - von der nur noch ein Stummel übrig war. Dann zeigte der Mann ungläubig auf die abgetrennten Finger. Aus der Hand strömte das Blut unaufhörlich. Ich war wie gelähmt, geschockt von dieser unwirklichen Szene. Dann reagierte mein Großvater. Er stellte ruhig seine Maschine ab, verschwand in den Ne-benraum und holte Verbandszeug und einen Behälter für die Finger und mit großer Ruhe und Ge-lassenheit behandelte er den komplett unter Schock stehenden Mann und brachte ihn weg…
Dieser Kontrast hat sich bis heute in mir eingebrannt. Auf der einen Seite diese Extremsituation, die bis zum Schreien angespannt und bedrohlich war - und auf der anderen Seite mein Großvater. Ru-hig, gelassen, kompetent. Ihm war nichts an Elend fremd nach zwei Kriegen; er hatte das Wissen, die Souveränität und die Autorität eines Mannes mit viel Lebenserfahrung und Weisheit. Auf seinen Schoß durfte ich krabbeln und mich sicher fühlen. Dieses Bild von Geborgenheit und Sicherheit in der Gegenwart einer starken Autorität - das hat mich geprägt und es begeistert mich bis heute. Es findet sich so auch in der Bibel. Da spricht Jesus seinen Jüngern mitten in einer Rede über kom-mende Verfolgung genau diese Geborgenheit zu:
Denkt doch einmal an die Spatzen! Zwei von ihnen kosten nicht mehr als einen Groschen, und doch fällt kein einziger Spatz auf die Erde, ohne dass euer Vater es zulässt. Und bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Seid darum ohne Furcht! Ihr seid mehr wert als eine noch so große Menge Spatzen. (Matthäus 10,29-31)
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und die Entdeckung im Kleinen wie im Großen: Gott ist da! Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.
Ich und mein Opa und die abgetrennten Finger...
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