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Wütende Welt, abgründiger Gott
Sprecher: Der 22. Dezember 1956 in der niederländischen Kleinstadt Maaslouis. Der 12-jährige Alexander Goudveyl sitzt an einem alten Klavier und spielt
während einer Missionsveranstaltung das Lied „Befiehl du deine Wege“. Während er spielt, wird hinter seinem Rücken ein Mensch ermordet. Die singende Gemeinde auf der Straße nimmt keine Notiz von dem Mord. Alexander jedoch erhascht einen kurzen Blick auf den Mörder und wird somit zum einzigen Zeugen.
Musik: Ryuichi Sakamoto, Merry Christmas Mr. Lawrence
Autor: Der Roman „ Das Wüten der ganzen Welt“ ist die Geschichte einer jahrzehntelangen Suche nach einem Mörder und der eigenen Identität Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer. Mein Name ist Peter Krogull und ich bin evangelischer Pfarrer an der Salvatorkirche in Duisburg. In den Romanen des niederländischen Schriftstellers Marten ´t Haart geht es immer um Musik – vorzugsweise um die Musik Johann Sebastian Bachs - und um Gott Und auch darum, wie man an Gott verzweifeln kann.
Sprecher: „Es war ein Sommertag im Jahr 1952, an dem sie mich fast ertränkt hätten. Ich erinnere mich noch genau, daß Lehrer Mollema am Morgen dieses Tages aus der Bibel über Moses` Rückkehr nach Ägypten vorlas. Eine Bibelstelle spukte mir den ganzen Tag im Kopf herum. „Unterwegs aber, da wo er übernachtete, trat ihm der Herr entgegen und suchte ihn zu töten.“ Der Herr suchte ihn zu töten. Das begriff ich überhaupt nicht. Wenn Gott jemanden töten wollte, brauchte er doch nur mit den Fingern zu schnippen? Dann brauchte er doch nicht nach einer Gelegenheit zu suchen, jemanden zu töten? Und warum sucht er ihn zu töten? Die Bibelstelle kam für mich wie aus heiterem Himmel; offenbar konnte es plötzlich geschehen, daß Gott aus unerklärlichen Gründen auf einmal wütend auf dich war, und dann suchte er dich zu töten. Wenn er sogar Moses hatte umbringen wollen, dann war niemand jemals sicher vor ihm. Dann konnte er auch mich eines Tages zu töten suchen. Vielleicht wäre die Bibelstelle weniger gut haftengeblieben oder hätte mich weniger beeindruckt, wäre ich nicht nachmittags im Schwimmbad beinahe ertrunken.
Musik Süddeutsche Philarmonie& Hanspeter Gmür, Aquarium from Carniaval of the Animals, 2004
Autor: Alexanders Kindheit in der Kleinstadt Maaslouis ist alles andere als glücklich. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Als Zugezogener bleibt er für die anderen Kinder im Viertel ein Fremdkörper. Der pädophile Dorfpolizist dagegen wirf ein Auge auf den Jungen und nähert sich ihm immer wieder unsittlich. Bei den anderen Kindern im Viertel bleibt das nicht unbemerkt. Als „Bullenliebling“ wird Alexander von ihnen gehänselt. An jenem Sommertag drücken sie den schmächtigen Alexander im Schwimmbad unter Wasser bis er das Bewusstsein verliert.
Sprecher: Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem schmalen Betonrand. zwischen dem Becken für Nichtschwimmer und dem für Schwimmer. Bademeister Jacobs bewegte meine Arme abwechselnd auf und ab. Ich spuckte Wasser, schaute in den blauen Himmel und wußte, daß Gott von dort, aus unendlich weiter Ferne, überheblich aus dem Himmel auf mich niederblickte. Auch mich suchte er offenbar zu töten.“
Musik Süddeutsche Philarmonie& Hanspeter Gmür, Aquarium from Carniaval of the Animals, 2004
Autor: Das Wüten der ganzen Welt tobt sich an einem Achtjährigen aus.. Der Dorfpolizist, der ihn missbraucht. Die anderen Kinder, die ihn im Schwimmbad beinahe umbringen. Was hat Gott damit zu tun? Eine Frage, die die Bibel selbst an Alexander stellt. Diese eine Stelle aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 4, die Alexander im Religionsunterricht begegnet.
Sprecher: „Unterwegs aber, da wo er übernachtete, trat ihm der Herr entgegen und suchte ihn zu töten“.
Autor: Der abgründige Gedanke, dass Gott selbst einen Menschen zu töten sucht, lässt Alexander nicht mehr los. Ein paar Verse zuvor hatte Gott dem Mose noch versprochen, dass er ihn beschützen wird. Und jetzt will Gott Mose töten? Wie passt das zusammen? Es ist eine der Bibelstellen, die von den dunklen Seiten Gottes erzählen. Die abgründigen Seiten Gottes, für die Martin Luther noch einen Namen hatte, deus absconditus, der verborgene Gott. Ein Gedanke, der uns davor bewahren kann, Gott zu verniedlichen. In ihn nur den Erfüller unserer eigenen Wünsche zu sehen. Gott ist immer auch der ganz Andere, manchmal auch der Verborgene. Seine Wege sind nicht unsere Wege. Es gibt so vieles, worin wir Gott nicht begreifen. Redlich ist es, diese Seiten Gottes nicht zu verschweigen. Alexander erkennt sich im Mose wieder. Er stellt sich kindlich-naiv in dessen Geschichte mit Gott hinein. Am Ende dieser Episode darf er die Erfahrung machen, dass nicht nur die versuchte Tötung des Mose durch Gott, sondern auch die Bewahrung des Mose durch Gott seine eigene Bewahrung wird. Kurz vor dem Ertrinken wird Alexander gerettet und aus dem Wasser gezogen. So wie Mose, als dieser noch ein Säugling war. Nicht wenige meinen, dass der Name Mose genau dies bedeutet: Der aus dem Wasser Gezogene
Musik Gabriel Fauré, Pavane, Op. 50. 0´00- 1´20
Autor: Die Angst vor dem Mörder im Schuppen, dessen Zeuge Alexander wurde, begleitet den Jungen durch seine Jugend hindurch. Zum Glück hat er noch eine zweite treue Weggefährtin in dieser Zeit: seine Liebe zur Musik. Hier, in der Musik, besonders in den Werken Johann Sebastian Bachs, findet Alexander den Frieden, den er in seiner Kindheit nicht kannte. In der Musik findet Alexander außerdem die Kraft, nicht vor seinem Mörder davonzulaufen. Er beschließt, den immer noch ungeklärten Mordfall selber zu lösen. Auch beim Orgelspielen kreisen Alexander Gedanken um den Mordfall.
Sprecher: „Wütend blätterte ich weiter im fünften Band der Peters-Ausgabe, den ich jedesmal, wenn ich dort spielte, auf dem Pult vorfand. (…)Ich spielte die Choralpartita „O Gott, du frommer Gott“. Ich war damals erstaunt, daß selbst Bach todlangweilig sein konnte; ich wußte noch nicht, daß ich das Jugendwerk eines Fünfzehnjährigen in Händen hielt. Pflichtgemäß spielte ich die siebte Variation. Bis zu den ersten Wiederholungszeichen geschah nichts Besonders, aber nach dem Doppelstrich folgte unerwartet eine kleine Melodie von nur acht Takten, die mich förmlich verzauberte. Während ich sie immer wieder spielte, verjagte ich alles, was mich beschwerte.
Musik Cantata No. 128: O Gott, du frommer Gott, Live Mitschnitt aus DLF Gottesdienst
Sprecher: Auf dem Nachhauseweg summte ich ununterbrochen diese kleine Melodie, die Bach dem Choral „O Gott, du frommer Gott“ zu entlocken gewußt hatte, und es war, als verjage der fromme Gott, der damit angerufen wurde, den anderen Gott, der Moses zu töten gesucht hatte.
Autor: Der fromme Gott verjagt den anderen Gott. Es ist ein seltsamer Gedanke, zu welchem die Musik Johann Sebastian Bachs Alexander inspiriert. Ein Gedanke, der an ein Bibelwort aus dem Buch des Propheten Hosea erinnert: „Mein Herz hat sich in mir umgewandt, mit Macht ist meine Reue entbrannt.“ Was Gott hier von sich sagt, ist das, was Alexander in der Musik erfährt: Gott ist kein unbeweglicher und entrückter Gott. Gott ist lebendig und leidenschaftlich. So leidenschaftlich, dass er um seiner Liebe willen seinen Zorn zurücknimmt. Ein wunderbarer Gedanke, der sich radikal von dem unterscheidet, was wir Menschen heutzutage oft über Gott denken und sagen: Der liebe, nette Gott, der immer zu haben ist. Gott, die Macht, die über den Dingen schwebt und nie ganz zu greifen ist.. Der Gott, von dem die Bibel und Bach erzählen, ist anders. Dieser Gott ist nicht nur lieb, er ist die Liebe selbst. Dieser Gott ist nicht weit weg, er ist uns näher, als wir es uns vorstellen können, so nah wie das Buch in unseren Händen, so nah wie die Musik in unseren Ohren. Dieser Gott liebt uns Menschen so sehr, dass er uns die Freiheit schenkt ihn zu lieben oder es zu lassen. Ein Gott, dessen Liebe so groß ist, dass man sie mit Worten immer nur andeuten kann.
Wie gut, dass es da die Musik gibt, mit der sich Gott Gehör verschafft. Überraschend und kraftvoll, in Augenblicken, die für uns zu Offenbarungen werden. So ein Augenblick, wie er Alexander Goudveyl in Marten t'Harts Roman zuteil wird. Mitten in einem langweiligen Stück ist da auf einmal diese wunderbare, kleine Melodie und der Himmel öffnet sich.
Musik Riga Brass Band, Cantata No. 128: O Gott, du frommer Gott, Bach by Brass
Autor: Das Wüten der ganzen Welt ist für ein paar Takte wie weggeblasen. Kleine Offenbarungen Gottes mitten im Alltag. Sie erzählen davon, dass das Leben anders sein kann.
Eigentlich müsste Marten t'Harts Romanstoff ein ganz trauriges Buch ergeben, doch das ist es nicht, ganz im Gegenteil. Es ist voller Humor und Leichtigkeit, es verbeugt sich nicht vor dem Wüten der Welt, sondern schaut ihm mutig ins Gesicht. Es erzählt von der Liebe Gottes. Eine Liebe, die im Kleinen zu uns kommt, sei es im Geschrei eines neugeborenen Kindes, sei es in 8 Takten Musik. Eine Liebe, die stärker ist als der Tod. Eine Liebe, von der in Marten t'Harts Roman ein Lied erzählt.
Sprecher: Zu zweit am Ufer des Baches sitzen, der fließt, ihn fließen sehen, zu zweit, wenn die Wolke am Himmel gleitet, sie gleiten sehen, am Horizont, wenn dort ein Strohdach raucht, es rauchen sehen, und wenn ganz nah eine Blume duftet, im Duft versinken. Lauschend am Fuße der Weide, am murmelnden Bach, ihn murmeln hören, nicht spüren, solange der Traum dauert, die Dauer der Zeit, doch hingegeben der einzig tiefen Leidenschaft, sich anzubeten, ohne Rücksicht auf das Wüten der Welt, es nicht beachten; und abgeschieden, nur zu zweit, bei allem Überdruß nicht verdrossen werden und empfinden, wie die Liebe, inmitten von Vergänglichkeit, nicht vergeht!
Autor: Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Ihr Peter Krogull von der evangelischen Kirche.
Musik Orpheus Chamer Orchestra, Herz und Mund und Tat und Leben. Cantata BWV 147
Wütende Welt, abgründiger Gott
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