Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.06.11, Pfarrer Max Koranyi

Echter Glanz

Vor mir liegt ein kleines rosa Blättchen. Er beschreibt die Vorzüge eines Pflegemittels für Geigenlack:

 „Im Jahr 1923 wurde das Verfahren zur Herstellung des Präparates vom deutschen Reichs-Patentamt geschützt. Während der vergangenen Jahrzehnte sind nun sehr viele Konkurrenz-Erzeugnisse auf den Markt gekommen, auch solche, die den wertvollen Geigenlack mit einer unnatürlichen Glanzschicht überziehen, die niemals nützlich sein kann. Der unerfahrene Laie fällt im allgemeinen auf den schönen, aber unechten Glanz herein. Kenner haben das schon längst bemerkt. Deshalb nehmen sie unser Pflegemittel, das allein günstig beeinflussen, reinigen, auffrischen und konservieren kann.“

Das kleine rosa Blättchen lässt meine Gedanken zu meiner Kirche schweifen. Sie gibt es nicht erst seit 1923, sondern schon seit 1517. In dem Jahre ließ sich Martin Luther sozusagen das Evangelium der guten Gnade Gottes auf einer Kirchentür patentieren. In späteren Zeiten sind allerdings auch unter uns immer wieder neue religiöse „Konkurrenz-Erzeugnisse auf den Markt gekommen“. Nicht, dass ich jetzt missverstanden werde: Ein lebendige evangelische Kirche lebt von ständigen Neuanregungen und frischen Worten. Und braucht auch das Gespräch mit manch anderen Glaubensformen nicht zu scheuen. Aber ich frage mich natürlich schon, warum nun doch auch so viele spirituelle Angebote entstanden sind, die – um mit meinem rosa Blättchen zu reden - den wertvollen Kirchen-“Lack mit einer unnatürlichen Glanzschicht“ überziehen. Manch Glaubensangebot also tatsächlich mit mächtigem Zuckerguss verziert erscheint.

Oft blenden ja diese scheinbaren attraktiveren Alternativangebote die dunkleren Lebensseiten ganz gerne mal aus. Der christliche Glaube will aber nicht nur für die Sonnenscheintage da sein. Im Alltag bewährt er sich. Er ist voll Weisheit und tiefem Geheimnis, so dass er gerade auch die untergründigen Lebensorte nicht zudecken will. Das geht aber nicht im Schnelllackverfahren. Die Tiefen unsres Lebens anzunehmen und zu begreifen, das ist oft genug ein sehr mühevoller Weg. Warum nur suchen wir dabei selber oft außerhalb unseres alten Glaubens Lebenshilfe, statt im eigenen Kirchenhaus zu graben? Was könnte man dort nicht alles an wertvollen Schätzen finden: Glaubwürdige, lebensnahe Bibelgeschichten, die unseren Kummer – wie sagte das Geigenpflegemittel? -  günstig „beeinflussen“ würden: Romanische Kirchengemäuer, die liebevoll die Seelen ganz im Sinne des Werbeblättchens „reinigen“ könnten; zauberhafte Musik, die das ganze Leben „auffrischen“ will. Und schlussendlich liebevolle Menschen, die über Jahrhunderte hin das Glaubensgut – wie das kostbare Geigenholz - „konserviert“, also bewahrt, gepflegt, überliefert und gerettet haben.

Wie oft holen aber auch wir uns Lebensrat eher aus trübem, abgestandenem Wasser. „Unerfahrene Laien“ – so das ehrliche Werbeblatt - fallen eben nicht nur beim Geigenlack oft genug „auf den schönen, aber unechten Glanz herein.“ Vergleiche, kritische Rückfragen, den eigenen Standpunkt erkennen und vertreten – all dies ist doch bei der Seelenverschönerung nicht weniger gefragt als beim Auffrischen der Stradivari. Mein kleiner rosa Zettel hat mir diese wichtige Erkenntnis mit seinen altertümlichen Formulierungen noch einmal – freundlich, aber bestimmt – nahe gebracht: „Konkurrenz-Erzeugnisse auf dem Markt“ sind dann nicht mehr zu fürchten, wenn „Kenner und Künstler“ Echtes wirklich noch zu schätzen wissen. Auf ein anderes „Poliermittel“ für die Seele kann man dann ganz getrost verzichten.

In der Bibel beim Propheten Jeremia lese ich dazu: „Ihr verlasst mich, die lebendige Quelle und baut Euch stattdessen Zisternen, Brunnen, die rissig sind und kein Wasser geben.“ (Jer 2,13).

Einen schönen Sonntag wünscht Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter 

Audiobeitrag Echter Glanz


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