| |
Tolu und das Träumen
Ein wenig korrigiert er noch den Hintergrundschatten, und dann schaut Tolu zufrieden auf sein Bild. Tolu heißt eigentlich Tom-Lukas aber den Namen hat er nie gemocht.
Vor einigen Tagen hat er beschlossen, seiner Oma ein besonderes Bild für Ostern zu malen.
Tolu hat vor zwei Jahren seine Leidenschaft fürs Malen entdeckt, besucht seither Malkurse und ist mittlerweile wirklich richtig gut geworden. Er hat Talent, sagen alle. Sogar seine ältere Schwester hat inzwischen aufgehört, über seine Bilder zu spotten. Sein Osterbild für die Oma zeigt einen Jungen. Eingeschlossen von allen Seiten mit Gitterstäben wie in einem Käfig. Die Augen geschlossen. Durch das Deckengitter zwängt sich eine Art Wolke, die sich jenseits der Gitterstäbe erweitert und in sich ein Bild trägt. Eine geradezu kitschig-bunte Blumenwiese. Sie glänzt im Sonnenlicht. Ein paar winzige Schäfchenwolken am azurblauen Himmel.
Das Bild wollte er also seiner Oma zu Ostern schenken. Dann war er unsicher geworden. Warum gerade das Motiv? Er wusste es nicht so genau. Es war ihm halt so zugeflogen. War er der Junge, der sich irgendwie einsperrt fühlt? Manchmal hatte er diese Gedanken. Seine Eltern, seine Schwester, die Schule, ja auch seine Oma, immer häufiger kamen sie ihm vor wie Gitterstäbe, die sich um ihn herum aufgestellt haben. Und dann konnte es passieren, dass er einfach ins Träumen geriet, sich einfach davon träumte. In eine Welt, die ihn nicht einengt, die schön und bunt und ohne Stress ist. Und so kam es, dass er sich einfach davon träumte, wenn es besonders schlimm war. Die Oma würde das vielleicht verstehen. Sie war alt und hatte schon viel erlebt, und was er so mitkriegte, da war nicht alles einfach gewesen.
Tolu ist noch jung, aber auch er wird das erleben, wie es ist, wenn das Leben wieder einmal einen so richtig beutelt, wie segensreich ist dann die Macht der Träume sein können. Es sind wunderbare Augenblicke, wenn es uns dann gelingt, uns über uns selbst hinweg zu träumen; alles hinter oder unter sich zulassen, was beengt, bedrängt, niederdrückt und klein macht. Dieser Augenblick, wenn uns der Traum aus uns selber herausreißt und uns zeigt, was sein könnte und wie es werden würde. Wenn er sich durch unsere Begrenztheit zwängt und uns mitnimmt in das Land der Freien.
Tolu beugt sich über sein Bild. An den Wänden seins Zimmers darf er seine Bilder aufhängen. Bei einigen sind sogar seine Eltern beeindruckt. Alle erzählen eine Geschichte. Geschichten von einem Jungen und seinen Versuchen, die Erwachsenenwelt zu verstehen. Sie erzählen vom Träumen; erzählen von dem, der er gerne werden würde.
Tolu hat sich entschieden. Wenn er heute Nachmittag zur Oma gehen würde, um seine Ostergeschenke abzuholen, würde er ihr sein Bild schenken. Oma würde verstehen, was er selbst noch nicht so richtig verstanden hat. Und sie würde seine Träume nicht kleinreden.
In der Bibel steht: Wenn Gott die Gefangenen erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen: Gott hat Großes an ihnen getan.
Einen gesegneten Ostersonntag mit vielen Gelegenheiten zum Träumen wünscht Ihnen Pfarrer Gerd Höft aus Düsseldorf
Tolu und das Träumen
|