Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.01.11, Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Mein herzliches Beileid

Kondolieren – wissen Sie was das ist? Wann haben Sie es zum letzten Mal getan? Jemandem ihr herzliches Beileid bekundet.

Vielleicht kommen sie jetzt ins Grübeln, oder werden ein wenig unsicher. Weil, man tut es nicht mehr selbstverständlich. Irgendwie ist es aus der Mode gekommen. Zwar wird immer noch gestorben. Und ich würde sagen gerade jetzt, wo der klassische WDR 2 Hörer und die verehrte Hörerin selber in die Jahre kommen. Da sterben schon mal die eigenen Eltern. Von schlimmerem wollen wir gar nicht reden. Von den Partnern, die sterben oder gar den Kindern. Es sterben also die, die jetzt dran sind. So altersmäßig. Nach einem langen erfüllten Leben. Meist auch nach Krankheit und einem längeren Leiden. Die Eltern der besten Freunde, der Kollegen, der Nachbarn. Doch kondolieren – das tun wir selten. Und das finde ich nun wirklich traurig.

Wir tun es nicht, weil wir es nicht können: Wir wissen nicht mehr, wie es geht. Damals als wir noch politisch waren, haben wir sie abgeschafft aus unserem Leben, die angeblich leeren Formeln und Rituale, die unsere Eltern zu jeder Gelegenheit parat hatten. Auch wenn gestorben wurde. Aus Opposition  haben wir das damals getan: Dinge zur reinen Formsache erklärt und einfach abgeschafft. Die Eheschließung, den Weihnachtsbaum, die Abendgarderobe, den Gottesdienstbesuch … die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Doch was bleibt, ist die Leere. Etwas  abzuschaffen ist einfach, doch was neues sinnvolles zu erschaffen, ist schwierig. Die Formel : mein herzliches Beileid abzuschaffen, ist leicht. Beileid mit eigenen Worten zu bekunden, ist schwer. Für viele zu schwer. Also wird vielfach lieber geschwiegen. Jetzt sehe ich Sie, stumm nicken. Jeder kennt das von sich selbst.

„Tut mir leid, ich wollte Dich eigentlich anrufen“, heißt es beim nächsten Treffen, als alles vorbei ist, der Vater des Freundes tot und begraben. „Aber ich habe mich nicht getraut. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. „Jetzt kann man denken:  Immerhin, da hat sich einer getraut, über seine Hilflosigkeit zu sprechen. Aber ein Anruf zu rechten Zeit, wäre auch nicht schlecht gewesen. Zumindest nicht von einem angeblich so gutem Freund.

Meine Erfahrung ist: Jede Formel, jedes Ritual ist immer noch besser als nichts.  Denn: Formeln trösten und auch Rituale. Wer trauert, der findet keine Karte zu kitschig, keine Worte des Beileids leer, keinen Blumenstrauß hässlich. Wer trauert, will getröstet werden. Will in seiner Trauer gesehen und ernst genommen werden. In seinem Schmerz. Und nichts anderes heißt kondolieren. Ich sehe dich cum dolor mit deinem Schmerz, ich sehe dich cum dolor, mit deinem Leid.

In welcher Form auch immer, man muss Menschen, die trauern, trösten. Ihnen zeigen: Ich leide mit Dir, Du hast mein Mitgefühl, mein Beileid. Das ist für die Nichtchristen unter uns eine Frage der Menschenwürde und für uns Christen eine Frage der Nächstenliebe. Denn alles andere: Jemanden in seinem Schmerz zu ignorieren,  ist noch schlimmer als  angeblich leere Formeln und Rituale. Denn es heißt: ich will dich nicht sehen in deinem Schmerz. Bleib allein, werde einsam. Deshalb mein Plädoyer: Lieber reden als schweigen. Ein noch so stockend daher gesagtes Mein herzliches Beileid  oder meine aufrichtige Anteilnahme ist immer noch trostreicher als ein lang anhaltendes Schweigen. 

Audiobeitrag Mein herzliches Beileid


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