Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.01.11, Pfarrer Titus Reinmuth

Leitern erzählen vom Leben

In der Kirche stehen lauter bunte Holzleitern. Stabil sehen sie aus. Von beiden Seiten könnte man hochklettern. Aber Halt! Das hier sind Kunstwerke.

Ich befinde mich mitten in einer Ausstellung. „Auf und Ab – Leitern erzählen vom Leben“ – so lautet der Titel. Tatsächlich hat eine Gruppe von 60 Menschen mit und ohne Behinderung diese Leitern in einem Kunstworkshop gestaltet. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, eine bunte Mischung von Menschen mit sehr unterschiedlichen Begabungen. Genauso vielfältig sehen jetzt die Leitern aus. 14 Exponate. Eine Tonleiter ist mit Notenschlüsseln verziert und mit allem, was mit Musik zu tun hat. Ein Fan von Borussia Dortmund hat eine Leiter in den Farben des Vereins bemalt. Eine Rettungsleiter fällt mir auf. Darauf steht SOS und die 112, aber auch die Worte Zuhause, Freund und Rettung. Toll.

Leitern erzählen vom Leben. In der Tat. Wer hoch hinaus will, braucht sicheren Halt. Zum Beispiel jemanden, der unten die Leiter festhält. Sonst fällt man leicht um. Oder ein Gegenüber, das die Leiter stützt. Mitten in der Ausstellung gibt’s dann doch noch eine ganz normale Haushaltsleiter aus Metall. Die darf man hinaufsteigen. Als ich oben ankomme, habe ich gemischte Gefühle. Eine schöne Übersicht hat man hier, ja. Aber ich fühle mich auch etwas unsicher. Und auch ein bisschen einsam, ganz allein hier oben. Soll man im Leben lieber doch nicht hoch hinaus, sondern besser auf dem Boden bleiben? Es hat was für sich. Wie geht’s wohl denen, die abstürzen? Ein Ministerpräsident, der nicht wieder gewählt wird. Eine Bischöfin, die zurücktritt. Ein Ehemann, dem seine Frau eröffnet: Ich kann nicht mehr, ich gehe. Oder Eltern, deren Kinder im Streit gegangen sind – irgendwohin – vielleicht für immer. Ja, stimmt schon. Leitern erzählen vom Leben, vom Auf und Ab.

Yoko Ono hat neulich in einem Interview erzählt, wie sie John Lennon das erste Mal begegnet ist. Sie hatte eine Kunstausstellung in einer Londoner Galerie. Mitten im Raum eine Leiter. Lennon stieg sie hinauf. Oben baumelte eine Lupe. Und an der Decke war ein Bild befestigt. Wer die Lupe nahm, konnte ein Wort lesen: Ganz klein stand dort das Wort „Yes“ – Ja. Der damals schon berühmte John Lennon kletterte herunter, sagte Hm und war weg. John hat ihr später gesagt, er sei erleichtert gewesen, dass da nicht „Nein“ oder „Mach, dass du wegkommst“ zu lesen war. Sondern eben ein kleines, aber deutliches „Ja“.

In den biblischen Geschichten kommen Leitern nur einmal so richtig vor. Jakob, so wird erzählt, träumte einmal von einer Leiter, die Himmel und Erde verband. In seinem Leben war manches schief gelaufen. Er war so gar nicht mit sich im Reinen, auch nicht mit seiner Familie und erst recht nicht mit Gott. Nachts träumt er von einer Leiter, auf der Engel auf und abgehen. In diesem Traum spricht Gott zu ihm und sagt:„Ich will dich nicht verlassen. Ich bin mit dir und will dich behüten, wohin du auch ziehst.“ (Gen 28,15) Am nächsten Morgen  wacht Jakob auf und fühlt, dass alles gut wird.

Ich habe auch oft das Gefühl gehabt, dass Gott mich begleitet, dass da einer ist, der mich festhält oder auffängt. Und sollte es am Ende des Lebens eine Himmelsleiter geben, die zu Gott führt, dann stell ich mir das genauso vor wie Yoko Ono. Am Ende steht da oben einfach nur ein Ja. Eine beruhigende Vorstellung. Sie hilft mir die Aufs und Abs zu durchleben.

Audiobeitrag Leitern erzählen vom Leben


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen