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Pfingsten: Geburtstag der Kirche
Die ARD überträgt den Pfingstgottesdienst am 4.6.06 um 11 Uhr live aus der Christuskirche in Detmold. Die Predigt hält Landessuperintendent Dr. Martin Dutzmann
Heute feiern wir Geburtstag, liebe Gemeinde, denn das Pfingstfest ist der Geburtstag der Kirche. Zu Pfingsten gab Gott den Jüngern Jesu in Jerusalem seinen Heiligen Geist. Damit wurden aus verschreckten Anhängern des Wanderpredigers Jesus von Nazareth die ersten christlichen Missionare, die an die Öffentlichkeit gingen. Sie verließen ihren bisherigen kleinen Wirkungskreis und begannen mit Leidenschaft und großem Engagement die erste Gemeinde zu sammeln. Seitdem hat die hat die Christenheit nicht aufgehört zu wachsen und seitdem sind wir Christenmenschen auf der ganzen Welt zu der „heiligen, allgemeinen, christlichen Kirche“ verbunden. So haben wir es vorhin gesagt, als wir das Glaubensbekenntnis gesprochen haben. Wir feiern Geburtstag, und der Geburtstag soll ein Fest sein. Kinder haben zu Beginn dieses Gottesdienstes unsere Christuskirche mit Zweigen und Blumen geschmückt, und wir hören festliche Musik, Musik vor allem von Wolfgang Amadeus Mozart. Damit gedenken wir auch seines Geburtstages vor 250 Jahren. Gerade haben wir den ersten Teil des Te Deum gehört. Vermutlich haben wir nicht alle Worte verstehen können, denn es ist ein lateinischer Text, dem Mozart musikalischen Glanz verliehen hat. Wahrscheinlich haben selbst die Lateiner unter uns die gesungenen Worte nicht immer sofort ins Deutsche übertragen können. Aber die festliche Musik, die hat uns angerührt. Die gesungenen und gespielten Töne und Melodien haben uns in das Lob Gottes hinein genommen. So hat die Musik hat uns spüren lassen, dass wir zu dem unendlich großen Chor derer gehören, die Gott die Ehre geben: zu der einen weltweiten Kirche. Diesen Eindruck können wir uns leicht bestätigen lassen. Eine Passage des eben Gesungenen heißt in deutscher Übersetzung: „Dich preist der glorreiche Chor der Apostel; dich der Propheten lobwürdige Zahl; dich der Märtyrer leuchtendes Heer; dich preist über das Erdenrund die heilige Kirche….“ Ein wahrhaft ökumenischer Chor! Wie kleinlich und unangemessen erscheinen uns da unsere konfessionellen Eigenarten und theologischen Streitigkeiten, wie skandalös die Spaltung der Kirche Jesu Christi. Möge unsere pfingstliche Geburtstagsfeier uns darin beflügeln, dass wir die von Gott gegebene Einheit der Kirche endlich weltweit sichtbar werden lassen. Wir feiern Geburtstag und erinnern uns nicht nur dankbar des Anfangs unserer Kirche, sondern fragen auch nach ihrem Auftrag: Was ist dieser Auftrag der Kirche, was ist unsere Aufgabe in dieser Welt? Danach müssen wir fragen und auf diese Frage müssen wir antworten. Das Singen allein genügt nicht, und sei der Gesang auch noch so schön. Dietrich Bonhoeffer – auch seinen Geburtstag feiern wir in diesem Jahr – hat seinen Schülern eingeschärft: Das Singen und das Tun des Gerechten gehören unbedingt zusammen: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“, hat er gesagt, als 1938 in Deutschland die Synagogen brannten. Und heute? Für wen hat die Kirche, für wen haben wir heute zu schreien, wenn das gesungene Lied verklungen ist? Das eben gehörte Te Deum gibt uns einen Wink. Da heißt es: „Dich preist über das Erdenrund die heilige Kirche.“ Mit anderen Worten: Die Kirche ist international. Das haben die drei Studierenden vorhin anschaulich werden lassen. Die Kirche ist aber nicht nur international, sie ist auch zur Gastfreundschaft verpflichtet. „Vergesst nicht, gastfrei zu sein“, heißt es in der Bibel. Deshalb bekämpfen wir gemeinsam mit allen Menschen guten Willens jede Form des Fremdenhasses. Der ist in Deutschland gerade in den letzten Wochen und Monaten neu aufgeflammt. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – das muss auch dann noch gelten, wenn die Gäste, die zur Fußballweltmeisterschaft kamen, abgereist sind. In unserem Land müssen alle Menschen sich willkommen und sicher fühlen können. Auch jene, die anders aussehen oder anders glauben als die Mehrheit der Deutschen. Im Te Deum wird sodann Gott als „Vater unermesslicher Majestät“ angebetet. Die Kirche, die sich an den allmächtigen Gott wendet, ist sensibel für Machtfragen. Hellwach ist sie, wo nicht Gott die Ehre gegeben wird, sondern Menschen sich Macht über andere Menschen anmaßen. Die Kirche wendet sich deshalb gegen jede Form der Gewalt. Sie bekämpft die Gewalt gegen Fremde, aber auch die Gewalt durch Fremde. Unsere Gastfreundschaft hat ein Ende, wenn sie missbraucht wird, um unserem demokratischen Rechtsstaat zu schaden oder gar terroristische Gewalttaten vorzubereiten. Unsere Toleranz hört dort auf, wo aus einem den Frieden liebenden Islam – das Wort „Islam“ bedeutet „Frieden“ - ein gewaltbereiter Islamismus wird. Gegen Gewalt allerdings sind auch demokratische Rechtsstaaten nicht gefeit. Die Bilder der von amerikanischen Soldaten gefolterten Gefangenen im Gefängnis von Abu Ghuraib haben uns aufgeschreckt und dürfen uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Weil die Kirche weltweite Kirche ist, fragt sie sodann hartnäckig, für wen die Globalisierung zerstörerische Folgen hat. Ganze Produktionszweige der hiesigen Wirtschaft werden von Deutschland ins Ausland verlegt. Dort sind die Menschen bereit, für weniger Geld und mit geringerer sozialer Sicherheit zu arbeiten. Wirtschaftlich mag das nachvollziehbar sein, gerecht ist es nicht. Und schließlich: Die Kirche wird nicht aufhören, über die Macht des Geldes auch in unserem Land zu reden: Sie gibt sich nicht damit zufrieden, dass wenige Menschen ihr Geld für sich arbeiten lassen, während fast fünf Millionen anderer Menschen keine Gelegenheit bekommen, für ihr Geld zu arbeiten. Wir feiern Geburtstag und fragen, woher wir die nötige Kraft für unseren Weg bekommen: Wer oder was stärkt uns, wenn wir unseren oft genug beschwerlichen Weg als Kirche gehen? Wer gibt uns die Kraft, Widerstand zu leisten und Widerstand auszuhalten? Der soeben gehörte zweite Teil des Te Deum gibt die Antwort. Er beginnt mit den Worten: „Dich bitten wir denn, komm deinen Dienern zur Hilfe.“ So singt eine Kirche, die die nötige Kraft von Gott erwartet. Dabei beruft sie sich auf die letzten Worte, mit denen Jesus sich vor seiner Himmelfahrt an seine Jünger wendet: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ Gottes Heiliger Geist ist die Kraft, die die Kirche, die uns durch die Zeit trägt. „Dich bitten wir denn, komm deinen Dienern zur Hilfe. So singt eine Kirche, die weiß, dass sie nicht perfekt ist, es nicht sein kann und es auch nicht sein muss. Wie entlastend ist das! Wie entlastend ist es gerade auch für die unter uns, die Verantwortung tragen. Neulich hörte ich einen unserer Landespolitiker sinngemäß sagen: „Wir werden jetzt Entscheidungen treffen, von denen wir noch nicht genau wissen, ob sie richtig sind. Gegebenfalls müssen wir zu Fehlern stehen und die Entscheidungen korrigieren.“ Dieses Bekenntnis zu einer „fehlerfreundlichen Politik“, die mit Gedanken- oder Verantwortungslosigkeit nicht das Geringste zu tun hat, hat mir imponiert. Ein solches Bekenntnis kann getrost abgeben, wer auf die Kraft des Heiligen Geistes vertraut. Wir feiern Geburtstag und fragen nach der Zukunft der Kirche, nach unserer Zukunft. Eines weiß inzwischen alle Welt: Auch das Geld der Kirche wird knapp, und wir werden uns einschränken müssen. Mit Gottes Hilfe wird uns das gelingen. Wichtiger aber ist etwas anderes: Von uns, der Kirche Jesu Christi, wird viel erwartet. Erwartet wird, dass wir christliche Werte in die Gesellschaft hinein vermitteln. Dass wir den orientierungslos gewordenen Menschen, vor allem den jungen Menschen die Richtung zeigen, in die sie gehen können. Dieser Erwartung werden wir uns nicht entziehen. Wir werden diese Gesellschaft beharrlich daran erinnern, dass Gott allein die Ehre zu geben ist, weil er allein vollkommen ist. Für uns Menschen bedeutet das: Kein Mensch ist vollkommen und niemand muss es sein, um mit Recht und in Würde leben zu dürfen. Deshalb werden wir darauf achten, wie es den schwachen Menschen in unserer Mitte geht und denen, die mit Behinderungen leben müssen. Ein besonderes Augenmerk werden wir auf die Allerschwächsten richten: auf die Ungeborenen und auf die Sterbenden. Dankbar nehmen wir zur Kenntnis, dass andere – Sozialverbände, Aktionsbündnisse und einzelne Menschen - mit uns an einem Strang ziehen. Mit ihnen verbünden wir uns, damit die schwachen und schwächsten Glieder dieser Gesellschaft zu ihrem Recht kommen. Wir feiern Geburtstag und fragen nach der Zukunft der Kirche, nach unserer Zukunft. Als solche, die sich von Gott selbst gerufen und gestärkt wissen, nehmen wir nicht nur die unmittelbar vor uns liegenden Lebensjahre in den Blick sondern erlauben uns kühn die weite Perspektive des Te Deum. Da heißt es zum Schluss: Auf dich, Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt. In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden.“ Mit diesem Bekenntnis im Ohr lasst uns nach der Geburtstagsfeier getrost in den Alltag gehen – jede und jeder für sich und gemeinsam als Kirche Jesu Christi. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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