Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.04.13; Bernd Tiggemann

Beten für die Privatsphäre

Ich sitze in der Bahn und will meine Ruhe haben. Keine Musik. Keine Lautsprecherdurchsagen. Einfach nur Ruhe.

Aber daran ist nicht zu denken: zuerst macht der Typ schräg gegenüber am Telefon lautstark mit seiner Freundin Schluss. Dann quatscht die vierzehnjährige Schülerin am Nachbartisch mit ihrer Freundin über das erste Mal - in allen Details. Und als wenn das nicht schon genug wäre, bespricht der ältere Herr hinter mir noch telefonisch mit seinem Arzt seine ganze Krankheitsgeschichte.

Ich will das nicht hören. Erstens ist es laut und stört meine Ruhe. Zweitens geht es mich überhaupt nichts an. Und drittens will ich mich nicht permanent fremdschämen.

Es gibt Dinge, die nicht in die Öffentlichkeit gehören: private oder intime Details zum Beispiel. Ich muss nicht alles, was ich weiß, bei Facebook posten, quer übern Marktplatz brüllen oder andere Bahnreisende damit nerven.

Ich stell mir vor, wie meine Sitznachbarn beten, statt ins Handy zu brüllen: Sie würden das vermutlich sehr leise machen. Sie könnten sicher sein, dass ihnen jemand zuhört, der sich nicht genervt fühlt oder sich fremdschämt.

Sie könnten sich drauf verlassen, dass ihre Privatsphäre geachtet wird, weil Gott Gebete nicht weiter tratscht. Und ich - ich hätte endlich meine Ruhe.

Sprecherin: Alexa Christ

 

Audiobeitrag Beten für die Privatsphäre


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