Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.11.12; Pfarrer i.R. Hans-Dieter Osenberg

Als man Sankt Martin Schande bereitete

Autor: Martin von Tours. Für die Katholische Kirche ein Heiliger. Heute ist sein Gedenktag.

Martin Luther, in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1483 geboren, bekam durch die Taufe an diesem Tag seinen Vornamen von ihm. Aber nicht nur deshalb lohnt sich auch für Protestanten ein Blick in dieses Menschenleben.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, ich bin Hans Dieter Osenberg aus Saarbrücken.

MUSIK

Autor: Protestanten möchten nicht entscheiden, welcher Mensch vor anderen ein Heiliger ist. Im Neuen Testament kommen Heilige auch nie als Einzelne, immer nur in der Mehrzahl, als Gemeinschaft vor. Aber Menschen, die sich nicht einfach abgefunden haben mit der Welt, so wie sie ist und mit der Kirche, so, wie sie ist, die sind

immer ein Gewinn. Und dazu gehörte zweifellos auch Martin von Tours. Leider hat die traditionelle Heiligen-Verehrung diesen Menschen meistens den kirchen- und staatskritischen Teil ihrer Lebensläufe genommen und sie dadurch harmlos und langweilig gemacht. So blieb bei Martin nur übrig, dass er einmal seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte.

Sprecher: Das war in Amiens, am Anfang des 4.JAhrhunderts n.Chr. Martin war ein römischer Legionär in Frankreich. Als er einen dürftig bekleideten Bettler am Stadttor sah, schnitt er einfach seinen Mantel in zwei Stücke und gab die eine Hälfte dem Frierenden. Martin war damals erst 18 Jahre alt.

Autor: Eigentlich etwas lächerlich, nicht wahr? Jeder nur mit einem halben Mantel? Da frieren doch beide, mögen sich die Leute amüsiert haben. Vernünftiger wäre es doch gewesen, den ganzen Mantel zu verschenken. Gewiss, aber andererseits: Wie oft im Leben hindert uns leider die Vernunft an spontaner, wenn auch vielleicht törichter Liebe? Es hat etwas Solidarisches, die beiden mit nur einer Mantelhälfte zu sehen. Jedenfalls erschien Christus, so sagt es die Legende, dem Martin daraufhin mit einem halben Mantel, und das führte dazu, dass er sich taufen ließ.

Kurz darauf wird der christliche Glaube im Römischen Reich zur Staatsreligion, und die Kirche beeilt sich, entsprechend staatstragend darauf zu reagieren. Da wirft der kleine Legionär Martin Sand ins Getriebe.. Kaiser Julian zieht mit seinem Heer gegen die Germanen und verteilt Geldgeschenke, um die Kampfeslust zu fördern.

Sprecher: Martin weigert sich: "Ich bin Ritter Christi. Darum ziemt es mir nicht, zu kämpfen." Julian darauf zornig: "Du weigerst dich doch nicht wegen deines Glaubens, sondern aus Furcht." Martin wehrt sich: "Wenn man mir Feigheit vorwirft, dann stelle ich mich morgen ohne Waffen, nur mit dem Kreuz vor das Heer und werde unversehrt durch die feindliche Linie gehen."

Autor: Der heilige Martin als erster Kriegsdienstverweigerer. Und zwar einer, der später Bischof wurde! Typisch, dass man das kaum überliefert hat. Da war die Sache mit dem Mantel eben populärer. Der einfache Soldat Martin bestreitet dem Kaiser seinen Herrschaftsanspruch und scheut das Risiko nicht, sich als Feigling lächerlich zu machen. Das kann man nur, wenn man die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass auf Gewalt keine Zukunft ruht.

Martin quittiert den Soldatendienst und wird Schüler des Bischofs Hilarius von Poitiers. Da landet er bei dem Richtigen. Hilarius beweist Mut vor Fürstenthronen, er ist ein scharfer Gegner der Religionspolitik Kaiser Konstantins. 

Sprecher: "Konstantin schlägt uns nicht mit dem Schwert den Kopf ab, sondern mordet die Seele mit Geld. Er baut Kirchen, aber er baut den Glauben ab."

MUSIK

Autor: Es war wichtig für Martin, dass er das bei einem Bischof lernte: Dem Volk Gottes tut es nicht gut, wenn es Macht vom Staat bekommt. Nicht materielle Sicherung ist entscheidend für die Christen, sondern dass man wach und nüchtern bleibt.

Im Jahr 371 muss der bischöfliche Stuhl von Tours neu besetzt werden. Das Volk ruft nach Martin. Doch der ist entsetzt.

Sprecher: "Ich Bischof? Niemals!" Martin sagt es und verschwindet. Niemand weiß, wo er ist. Bis das Geschnatter von Gänsen ihn verrät. Er hatte sich in einem Gänsestall versteckt. Martin wird gewählt. Gegen seinen Willen. Er bleibt demütig und ändert sein Wesen und Denken nicht.

Autor: Ein Mann, der sich in Frage stellt, sich seiner Grenzen, seiner Schwächen bewusst ist. Das hat man heute, auch wenn es um Berufungen in hohe Kirchenämter geht, eher selten. Lieber schläft man ständig bei offenem Fenster, um den Ruf nicht zu überhören. Aber wer selbstkritisch ist, kann besser führen und leiten. Er ist hörbereiter und auch einmal fähig, den eingeschlagenen Kurs zu korrigieren. Martin wurde ein vom Volk getragener Bischof.

Noch etwas aus Martins Leben verdient es sehr, erinnert zu werden: Er lehnte es ab, Unrecht mit Unrecht zu vergelten, auch wenn es die Kirche selbst betraf. Gerade ein solcher Konflikt hat ihn zu einem einsamen und am Schluss seines Lebens depressiven Menschen gemacht.

Sprecher: In Spanien wird jemand Bischof, der sich als Irrlehrer entpuppt und deshalb ins Gefängnis geworfen wird. Da sagt Martin: "Das Schwert darf nicht über die Lehre entscheiden". Doch er kann nicht verhindern, dass der Irrlehrer auf Betreiben anderer Bischöfe enthauptet wird. Da meidet Martin künftig die Gemeinschaft der Bischöfe und nimmt an keiner Synode mehr teil.

MUSIK

Ich war ein Junge von 9 Jahren, als ich zum ersten Mal auf Martin traf. Besser gesagt auf das, was Menschen damals aus dem Heiligen gemacht haben. Es wurde ein Tag, den ich nie vergessen habe. Verwandte hatten uns eingeladen, doch einmal in Düsseldorf an dem dort traditionell großen St. Martinsumzug teilzunehmen. Am 10. November 1938 fahre ich mit der Mutter und dem kleinen Bruder dorthin. Die Straßenbahn vom Bahnhof aus ist kaum in die große Geschäftsstraße eingebogen, da stockt mir der Atem. Berge von Geschäftsauslagen und Hausrat auf den Bürgersteigen. Immer wieder muss die Bahn halten. Denn aus den oberen Stockwerken werden Stühle, Schränke, Teile von Herden und Klavieren bis auf die Straße geworfen. Ich ängste mich sehr, spüre die Aggressivität, und weiß doch alles nicht einzuordnen. Die Erwachsenen sind wie gelähmt und stumm, ermahnen uns, einfach nicht hinzusehen. Und am Abend tatsächlich der Umzug. Am Tag des großen Judenpogroms in Deutschland. Zur Ehre und zum Lob des barmherzigen heiligen Martin ziehen wir mit unseren leuchtenden Lampions über die Straßen. An der Spitze Sankt Martin auf seinem Schimmel. Immer wieder müssen Hindernisse überklettert werden. Möbelteile, Scherben, Teppiche. Männer in braunen Uniformen stürmen in Hauseingänge. Und die Musikkapelle intoniert immer wieder das alte Lied, das wir alle kennen und mitsingen:

Sprecher: Sankt Martin, Sankt Martin, am Weg da sitzt ein armer Mann, hat Kleider nicht, hat Lumpem an, o helft ihm doch in seiner Not, sonst ist der bitt're Frost sein Tod.

Autor: Nie werde ich begreifen, dass die Väter und Mütter, an deren Händen doch viele Kinder gingen, an dieser schrecklichen Diskrepanz nicht erstickt sind. Und sie war ja noch viel schlimmer, als wir es auf den Straßen sahen, weil zur gleichen Zeit in den Häusern Juden brutal überfallen, geschlagen und verhaftet wurden.

Martin von Tours konnte sich nicht mehr wehren, als man so mit seinem Namen Schindluder trieb. Heiligenverehrung für einen barmherzigen, kirchen— und staatskritischen Bischof schützt nicht davor, an eben diesen Eigenschaften gründlich zu versagen, wenn's drauf ankommt. Deshalb gefällt mir, was Dietrich Bonhoeffer aller Heiligenverehrung entgegensetzt: Im vollen, diesseitigen Leben glauben lernen. Keinen Heiligen aus sich oder anderen machen, sondern Gottes Leiden mitleiden und so mit Christus in Gethsemane wachen,

Wenn die Christen das damals befolgt hätten, wie wäre dann wohl der 10. November 1938 in Düsseldorf und anderswo verlaufen?

Mit dieser Frage verabschiedet sich Hans Dieter Osenberg, evangelischer Pfarrer in Saarbrücken.

MUSIK

 


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen